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Medien und Sprachen - eine Bestandsaufnahme

Andrea Sedlaczek (2018)

Während Mehrsprachigkeit durch Minderheiten, Migration und wachsende Mobilität seit vielen Jahrzehnten gesellschaftliche Realität ist, sind Medien nach wie vor überwiegend einsprachig gehalten. Dabei entspricht dieser sogenannte monolinguale Habitus in der Mediengestaltung nicht dem Wesen der Medien, sondern er beruht unter anderem auf institutionalisierten Produktionsroutinen und sozial geprägten Rezeptionsgewohnheiten. Im Vergleich zwischen verschiedenen Ländern und den verschiedenen Mediensektoren lassen sich unterschiedliche Praktiken der ein- oder mehrsprachigen Mediengestaltung finden. Diese hängen u.a. vom spezifischen Selbstverständnis der jeweiligen Medien und deren Ausrichtung an verschiedene Rezipientenschaften ab. So fokussieren öffentlich-rechtliche Medien auf die einheitsstiftende Nationalsprache, kommerzielle Medien richten ihre Sprachwahl nach dem Marktwert von Sprachen und Varietäten aus, während nichtkommerzielle Medien und zum Teil Internet und soziale Medien mehrsprachige Alltagspraktiken zulassen.

 

Mehrsprachigkeit in Medien

Die ein- oder mehrsprachige Gestaltung von Medien ist stark mit gesellschaftlich verankerten Gewohnheiten und Vorlieben verbunden. Dies lässt sich im Ländervergleich an Ausnahmebeispielen aufzeigen, wie der in Luxemburg gängigen Mehrsprachigkeit in Zeitungen (vgl. Busch 2004, S. 95 f.), oder auch an der unterschiedlichen gesellschaftlichen Handhabung von Synchronisation vs. Untertitelung in Film und Fernsehen. Während in den deutschsprachigen Ländern die Synchronisation von fremdsprachigen Filmen oder Fernsehproduktionen der Normalfall ist, wird dieses Verschwinden der Originalsprache im Filmprodukt in anderen Ländern verpönt und Untertitelung als gutes Instrument mehrsprachiger Gestaltung geschätzt (vgl. Busch/Peissl 2003, S. 190 f.). Doch auch in traditionellen Synchronisationsländern können Untertitelungen einen unerwartet guten Zuspruch bekommen, wie ein Beispiel im walisischen Fernsehen zeigt (vgl. Busch 2004, S. 91 ff.). Solche Beispiele zeigen auf, dass sich mediale Produktions- und Rezeptionspraktiken verändern lassen und dass eine mehrsprachige Mediengestaltung die Bedürfnisse der Menschen in der Gesellschaft erfüllen kann.


Welche Sprachen in einzelnen Medien präsent sind und ob dabei eine mehrsprachige Gestaltung oder eine "parallele Einsprachigkeit" gewählt wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, wie sprachenpolitischen Entscheidungen (vgl. Busch/Peissl 2003; Purkarthofer 2013) oder verschiedenen Vorstellungen der Rezipientenschaft, an die Medien ihre Inhalte ausrichten (vgl. Busch 2006a). Diese Faktoren lassen sich für die einzelnen Mediensektoren getrennt aufzeigen.

Öffentlich-rechtliche Medien

Der öffentlich-rechtliche Mediensektor hatte lange Zeit die Vormachtstellung im nationalen Medienbereich inne und hat die Gesellschaft auch sprachlich nachhaltig geprägt. Öffentlich-rechtliche Medien richten sich entsprechend ihres umfassenden Informations- und Bildungsauftrags an eine vorgestellte nationale Gemeinschaft. Der einheitsstiftenden Nationalsprache - in Österreich dem österreichischen Deutsch - wird dabei eine wichtige Funktion zugeschrieben (vgl. Busch 2004; 2006a).

 

Andere Sprachen als Deutsch kommen im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen in Österreich nur in geringem Ausmaß und auf der Basis gesetzlich geregelter Bestimmungen vor. Diese umfassen die anerkannten Volksgruppensprachen (Slowenisch, Burgenland-Kroatisch, Ungarisch, Tschechisch, Slowakisch und Romani) in den entsprechenden Regionalprogrammen des ORF sowie die prestigereichen "Weltsprachen" Englisch und Französisch im österreichweit empfangbaren Radio FM4; die genannten Sprachen abseits von Deutsch sind darüber hinaus auch im experimentellen Webradio Ö1 Campus vertreten. Zum Teil werden diese Sprachen jedoch auch durch Kooperationen mit privaten Medienanbietern (z.B. dem slowenischsprachigen Freien Radio AGORA in Kärnten) aus dem regulären Programm ausgegliedert. Auch andere Minderheitensprachen, insbesondere die gesellschaftlich weit verbreiteten MigrantInnensprachen, bleiben im ORF - bis auf wenige, oft kurzzeitige Ausnahmeerscheinungen - überwiegend unberücksichtigt. So wurden auf Radio Vorarlberg einige Zeit lang türkische Nachrichtensendungen ausgestrahlt, welche 2009 wieder eingestellt wurden (vgl. Peissl 2012).

Kommerzielle Medien und Printmedien

Im kommerziellen Mediensektor dominiert die Marktlogik. Die RezipientInnen werden als KonsumentInnen vorgestellt und Ziel des Programmes ist es vordergründig, Aufmerksamkeit zu erregen und damit die Rezipientenschaft zu maximieren (vgl. Busch 2006a). Nach marktwirtschaftlichen Kriterien rücken die Kosten mehrsprachiger Medienarbeit (z.B. Kosten für Übersetzungen etc.) und die Orientierung am Werbemarkt ins Zentrum. Dies begünstigt eine Dominanz der Mehrheitssprache(n). Dabei können jedoch auch im kommerziellen Sektor andere Sprachen als die dominanten vorkommen, wenn diese sich wirtschaftlich "lohnen", etwa wenn sie helfen, Reichweiten über eine Sprachgruppe hinaus auszudehnen (vgl. Busch 2004, S. 280 f.). Gute Beispiele dafür sind kommerzielle Ethnomedien (z.B. Kosmo oder Alpha Plus) oder Diasporamedien, welche sich als supranationale Medien an eine heterogene Rezipientenschaft über Ländergrenzen hinweg richten.


Mehrsprachigkeit tritt im kommerziellen Sektor darüber hinaus auch als Stil- und Gestaltungsmittel auf (z.B. in Musik- und Werbetexten). Intentionale Sprachmischungen und das Aufbrechen sprachlicher Normen, oft in Zusammenhang mit Jugendkulturen, neuen Medien und urbanem Lebensstil, dienen als aufmerksamkeitserregendes Mittel. Neben dem allgegenwärtigen Englisch können so gerade auch Minderheitensprachformen einen Marktwert bekommen (vgl. Busch 2004, S. 48 f.).

Nichtkommerzieller Rundfunk

Der nichtkommerzielle Rundfunk bildet den Mediensektor, der die mehrsprachige Lebenswelt der Gesellschaft am besten widerspiegelt. Diese gelebte Vielsprachigkeit des nichtkommerziellen Rundfunks ergibt sich bereits aus dessen offenem Zugang, mit dem er sich insbesondere an benachteiligte und marginalisierte soziale Gruppen richtet und die strikte Trennung zwischen ProduzentInnen und RezipientInnen aufweicht. Die Freien Medien bzw. Community Medien verstehen sich als Plattform für die Anliegen und Themen unterschiedlichster Gruppen und Personen und fördern auch aktiv die Präsenz der lokal vertretenen Sprachgruppen sowie den Dialog zwischen diesen unterschiedlichen Sprachen und Gruppen (siehe die Charta der Freien Radios Österreich). Nach einer Programmanalyse der RTR von 2010 sind durchschnittlich 30% des moderierten Programms in den 14 Freien Radios in Österreich mehrsprachig oder in anderen Sprachen als Deutsch gestaltet (vgl. Peissl et al. 2010), während eine Eigenerhebung der Sender 2018 im Rahmen deren geplanten Public Value Berichts ergeben hat, dass in den Freien Radios bereits über 30 verschiedene Sprachen hörbar werden. Auch die 3 Community TV-Stationen in Österreich (Okto, Dorf TV, FS1) verstehen sich als offen für mehrsprachiges Programm.

Internet und soziale Medien

Die neuen technologischen Möglichkeiten des Internets und der neuen Medien versprechen scheinbar endlose Chancen, Informationen in vielen Sprachen zur Verfügung zu stellen und bieten auch traditionellen Medien - darunter Medien in Minderheitensprachen - zusätzliche Plattformen der Verbreitung und Vermarktung ihrer Produkte. Dabei lassen sich im Internet durchaus gegensätzliche Tendenzen erkennen. Kelly-Holmes und Milani (2013, S. 13) sprechen von einer vielfachen "Fetischisierung" der Mehrsprachigkeit im Internet, indem sich Anbieter mit der Vielzahl ihrer Sprachoptionen als "mehrsprachig" vermarkten. Damit verstärken sie jedoch tendenziell eine parallele Einsprachigkeit und trennen die verschiedenen sprachlichen Öffentlichkeiten. Zugleich sind das Internet und insbesondere soziale Medien hinsichtlich der Sprachwahl wenig reguliert und lassen zudem auch mehr als in anderen Medien die Grenzen zwischen ProduzentInnen und RezipientInnen verschwimmen. Dadurch finden auch alltägliche, mehrsprachige Sprachpraktiken vermehrt eine Plattform.

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