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Praxis der Aus- und Weiterbildung im nichtkommerziellen Rundfunk in Österreich

Helmut Peissl (2018)

Um die Bildungsleistungen der nichtkommerziellen Sender in Österreich zu erfassen, haben Peissl und Lauggas (2016) im Zeitraum 2013-2016 eine Studie umgesetzt, in der auch das angebotene Bildungsprogramm in Form von Workshops und Projekten der 17 Community Sender erstmals umfassend erhoben wurde. Besonders Augenmerk lag auf der Bedeutung des informellen Lernens im Rahmen der Mediengestaltung. Modelle und Möglichkeiten der formalen Anerkennung des Bildungserwerbs wurden ebenso untersucht wie die Erreichbarkeit von Menschen aus gesellschaftlich und bildungsbenachteiligten Gruppen.

 

Die erwerbbaren Kompetenzen wurden in Relation zu den acht Schlüsselkompetenzen, wie sie vom Europäischen Parlament (Europäisches Parlament 2006) formuliert worden sind, diskutiert. Die AutorInnen haben dazu SendungsgestalterInnen per Online-Fragebogen sowie im Rahmen eines Fokusgruppengesprächs befragt, ExpertInnen aus Österreich und europäischen Ländern um Einschätzungen und Vergleiche gebeten, haben Positionen der Verantwortlichen für Weiterbildungsangebote in den Sendern eingeholt und bereits existierende Anerkennungsformen dieser Bildungsleistungen in anderen Ländern erhoben.


Elf von 17 Sendern beteiligten sich an der Studie, sechs kleinere Sender lieferten keine Angaben. Im Jahr 2013 haben demnach allein in diesen elf Sendern 3.487 Personen an Aus- und Weiterbildungsangeboten teilgenommen. Hochgerechnet auf alle Sender wären das rund 5.000 Menschen. Gruppen von SchülerInnen und Studierenden, die im Rahmen ihres Lehrprogramms in die Sender kommen, sind dabei mitgerechnet. Angesichts der geschätzten 3.000 Personen, die in den 17 Sendern regelmäßig und intensiv aktiv sind, zeugt dies von einer überdurchschnittlichen Fortbildungsfreudigkeit.

 

Workshopangebot im nichtkommerziellen Rundfunk

Inhaltlich steht die grundsätzliche Zugänglichkeit zur eigenständigen Medienproduktion seit Jahren ungebrochen im Vordergrund der Bildungsprogramme im nichtkommerziellen Rundfunk. Die Nutzung von Angeboten aus dem Bereich der klassischen Media Skills - wie Interviewführung, Moderation, Sprechen am Mikrofon u.ä. - ist dabei am stärksten ausgeprägt.

 

Die Absolvierung der sogenannten Basisworkshops ist bei den meisten Sendern die Bedingung dafür, auf Sendung gehen zu dürfen. Diese Regelung wird öffentlich kommuniziert. Nichtsdestotrotz hat sich herausgestellt, dass es vor allem bei bestehenden Sendungen oder Redaktionen häufige Praxis ist, dass Neue auch ohne Basisworkshop Sendungen übernehmen. Die dafür nötigen Kompetenzen werden dann meist von GestalterInnen mit mehr Erfahrung an die Neuen übermittelt.

 

Mit jeder Sendung wird auch im Sinne eines "Learning by Doing" dazugelernt. Vor allem bei dieser Form des Einstiegs sind Lese- und Schreibfähigkeiten kaum von Bedeutung. Bei kleineren Sendern ist diese unmittelbare, praxisorientierte Zugangsweise mitunter auch die intendierte Form der Vermittlung, nachdem eigene Kurse für die wenigen Interessierten nicht eigens organisiert werden, da Interessierte möglichst rasch Zugang zur Mediengestaltung bekommen sollen. Bei den Befragungen sind diese "handwerklichen" Kompetenzen die am leichtesten erwähnbaren, da sie unmittelbar einsichtig notwendig sind.

 

Der fließende Übergang vom Zuschauen, Mitmachen und sukzessive mehr Beitragen bis hin zur Übernahme der Sendung ist ein typischer Zugangsweg zu nichtkommerziellen Sendern: Fortgesetztes Schnuppern als zugestandene Unverbindlichkeit lässt möglichen Ambivalenzen und Unsicherheiten Raum, was einen wichtigen Hinweis für die Schaffung von niederschwelligem Zugang zu Sendern und zur Weiterbildung beinhaltet.

 

Workshops, die die Befragten absolviert haben; Verteilung in Prozent (Mehrfachauswahl) (Quelle: Peissl/Lauggas 2016, S. 63) (Grafik: RTR, CC-BY-4.0)

Wer nimmt an den Fortbildungsangeboten teil

Die angebotenen Fortbildungen des nichtkommerziellen Rundfunks zielen auf die Umsetzung des Gelernten im Senderbetrieb. Im Laufe von Gesprächen hat sich jedoch herausgestellt, dass Fortbildungen auch aus persönlichen oder berufsorientierten Gründen besucht werden, ohne die zwingende Absicht im anbietenden Sender je aktiv zu werden, was teils auch an der kostengünstigen Möglichkeit der Teilnahme liegt. Sprech- und Moderationstechnik sowie Gestaltungsformen von spezifischen Sendungsformaten sind die am häufigsten gewünschten Fortbildungen, die alle auf die Optimierung der eigenen Produktionen zielen.


Die Aussagen aus der Online-Erhebung sind jedoch in erster Linie für einigermaßen bildungsaffine Personengruppen gültig, was auch vielen Verantwortlichen in den Sendern bewusst ist. Am erreichbarsten gilt nach wie vor die Gruppe junger, weißer Männer aus der Mittelschicht, gefolgt von Personen am Beginn ihrer Pension, die gerne weiter aktiv sein wollen. Hingegen werden Menschen mit Migrationsgeschichte, junge Frauen und Menschen mit Behinderungen schlechter erreicht. Als Strategie, die Diversität an Sendenden zu erhöhen, wurden deshalb aufsuchende Workshops in Parks und dergleichen erprobt bzw. mobile Sendemöglichkeiten, z.B. mit dem Fahrrad, angeboten.

 

Sowohl bei aufsuchenden als auch klassisch verorteten Weiterbildungsprogrammen spielen jene Personen eine zentrale Rolle, die das Wissen vermitteln: In mehreren Gesprächen hat sich gezeigt, dass dieser (erste) persönliche Kontakt für neue bzw. interessierte GestalterInnen sehr wichtig ist und mit Abschluss z.B. des Grundworkshops nicht unbedingt endet. Auch in Sendern häufig anwesende (angestellte) MitarbeiterInnen berichten davon, dass sie auch nach Workshops als Ansprechpersonen gesehen werden, was allerdings nicht immer ihren Aufgabengebieten entspricht. Hier kollidieren mitunter Bedürfnislagen und wohl auch Realisierungsmöglichkeiten. Nichtsdestotrotz weist dies aber auf die Bedeutung der Lehrenden als Bezugspersonen und generell der Rolle persönlicher Bindungen in den Sendern hin. In kleineren Sendern wird das weniger thematisiert als in jenen mit größeren Teams und umfassenderer Infrastruktur.


Um weitergehendes Interesse am Funktionieren von Medienlandschaft und Informationspolitik zu entwickeln, bieten die nichtkommerziellen Sender viele Bedingungen, die den darin Tätigen Selbstermächtigung und Bewusstwerdungsprozesse im Sinne Paolo Freires (1971/1991) ermöglichen und fördern. Reflexion über die (Medien-)Gesellschaft und das eigene Medienhandeln in diesem Kontext wird ermöglicht. Die Bereitschaft zu oder das Interesse an etwaigen Einstellungsveränderungen kann aber nur gefördert und unterstützt, nicht aber verlangt werden (Overwien 2013).

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