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Kompetenzerwerb im nichtkommerziellen Rundfunk

Helmut Peissl (2018)

Die Erhebung der Bildungsangebote im nichtkommerziellen Rundfunk in Österreich hat das Spektrum angebotener Workshops und damit in Zusammenhang stehender Strategien der Sender nachvollziehbar gemacht, zugleich sind grundsätzliche Strukturen und Bedingungen sichtbar geworden, die den möglichen Bildungserwerb mitgestalten (Peissl/Lauggas 2016, S. 57).

 

Bei der Analyse der eingeholten schriftlichen und mündlichen Aussagen von SendungsmacherInnen über ihre Erfahrungen mit der Sendungsgestaltung, aber auch ihre Einschätzungen über erzielte Lerneffekte konnten die Vielzahl an Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kompetenzen, die in der Medienarbeit erworben werden, in sechs große Bereiche geordnet werden. Wie sich zeigen lassen wird, sind diese Bereiche grundsätzlich unabhängig von Lese- und Schreibfähigkeiten zugänglich, wie auch insgesamt die Mitwirkung an diesen auditiven und visuellen Medien vor allem kommunikative Fähigkeiten erfordern (und fördern).

 

Umgang mit Technik

Beim Nachdenken über Gelerntes bei der Gestaltung von Sendungen fällt den meisten zuerst die Technik ein. Dazu gehören die Bedienung von Aufnahmegeräten, Kameras, Mischpult, Mikrofon, Kabel, Abspielgeräten, Computer, Schnitt- und Speicherprogrammen. Wiederholt erzählten SendungsmacherInnen, dass die Scheu vor der Technik am größten war, erste Bedienungserfahrungen aber zu einer raschen und weitgehenden Entmystifizierung geführt haben. Auch stellte sich bei vielen die Erkenntnis ein, dass das Verständnis für die technischen Geräte sehr eingeschränkt bleiben und trotzdem eine Sendung gestaltet werden kann. Nachdem offenbar keine negativen Konsequenzen folgen, wenn es dennoch zu (technischen) Pannen kommt, verlieren auch diese zur Erleichterung vieler GestalterInnen ihre Dramatik.

Sprechen und Sprache

Das Mikrofon hat sich als höchst und mehrfach aufgeladenes Symbol von Radio- und Fernseh-SendungsmacherInnen herausgestellt. Mit ihm verknüpfen viele SendungsmacherInnen auch besondere Erfahrungen in verschiedenster Hinsicht: Ihr eigenes Sprechen, das verstärkt und gesendet wird, wird ihnen selbst bewusster und ist für viele eine erste wichtige Hürde, die sie nehmen. Dies wird damit assoziiert, die eigene Stimme buchstäblich verstärkt zu erheben, sie (verfremdet) zu hören, öffentlich und hörbar zu sprechen.

 

Häufig wird von den Personen ganz gezielt eine Sprache (Mutter- oder Fremdsprache, Dialekt, Mundart, Slang ...) gewählt, in der sie kommunizieren möchten und mit der sie sich dann vermehrt auseinanderzusetzen beginnen - auch im Kontext von Übersetzungsfragen oder mehrsprachigen Sendungen. Die Möglichkeit, in einer nichtdeutschen Muttersprache in Österreich auf Sendung gehen zu können, ist nicht nur für SprecherInnen der jeweiligen Sprachen von Bedeutung, sondern bewirkt auch den Kontakt mit dieser Sprache bei anderen GestalterInnen und den HörerInnen.

 

Bei den Weiterbildungswünschen schlug sich diese erhöhte Aufmerksamkeit für Sprache und Sprechen ebenso nieder, indem etwa Sprechausbildungen wiederholt thematisiert wurden. Die verlorene Angst vor dem Mikrofon wurde mehrfach als besonders wichtige Errungenschaft erwähnt und mit dem (verschüchterten) Verhalten jener Menschen verglichen, die vors Mikrofon gebeten werden: In solchen Situationen ist vielen GestalterInnen die eigene Fortgeschrittenheit und Entwicklungsgeschichte damit bewusstgeworden; auch Stolz über die eigene Souveränität im Vergleich zu berühmten oder medienerfahrenen Menschen wurde formuliert. Lerntheoretisch entspricht dies der Verhaltensveränderung aufgrund von Erfahrung (Meyer-Drawe 2008, S. 391).

 

Mit dem Mikrofon als sichtbar einsetzbarem Symbol werden die SendungsgestalterInnen auch als solche wahrgenommen und als RepräsentantInnen von Öffentlichkeit vielfach wesentlich ernster genommen und aufgewertet. Um Mikrofon, Sprache und Sprechen gruppieren sich zahlreiche v.a. informelle Lernerfahrungen, die das Selbstbild in bestärkender Weise verändern.

Teilhabe und Auseinandersetzung

Die Produktion von Sendungen zieht in einem sehr hohen Ausmaß die Beschäftigung mit und Recherche von neuen Inhalten nach sich. Zahlreiche Veranstaltungen und kulturelle Angebote werden besucht, weil eine Sendung dazu geplant oder überlegt wird, was bereits ein spezifischeres Hinhören und -sehen bewirkt und unabhängig von Lese- und Schreibfähigkeiten erfolgen kann (und häufig auch erfolgt). Filme, Konzerte und Diskussionsveranstaltungen werden oft besucht, weil vielleicht eine Sendung daraus entwickelt werden kann. Dieses erhöhte Interesse an gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe und Auseinandersetzung hat bei vielen Beteiligten explizit erst mit der eignen Mediengestaltung eingesetzt. Für viele Personen nimmt auch die Lese- und Schreibtätigkeit durch ihre Mitarbeit beim nichtkommerziellen Rundfunk erheblich zu, sie beginnen Büchereien aufzusuchen oder Literatur zu kaufen.

Kontaktaufnahme

Die Weiterbildung, die dabei erfolgt, ist sowohl eine interessengesteuerte inhaltliche aber auch eine ausgeprägte soziale, weil anschließende Interviews oder Studioeinladungen die Kontaktaufnahme mit Personen - oft mit bisher unbekannten - einschließen. Dabei setzen sich SendungsgestalterInnen mit diesen Menschen, mit deren Herkünften und Ansichten auseinander, übernehmen verantwortliche Führungsrollen in der Vermittlung des Ablaufs an Studiogäste und kooperieren mitunter mit Institutionen oder anderen SendungsmacherInnen.

 

Als JournalistInnen - mit Mikrofon! - haben zahlreiche SendungsgestalterInnen die Scheu vor berühmten Personen oder sonstigen Autoritäten (ein Stück weit) abgelegt und davon profitiert, von den GesprächspartnerInnen anerkannt zu werden. In Kontakt mit Menschen und Öffentlichkeiten treten sie des Weiteren bei der Bewerbung ihrer Sendungen, in Reaktion auf Feedback, bei der Koordination von Studionutzung und nicht zuletzt im Rahmen von Weiterbildungsworkshops, in denen sie sich neben den Lehrinhalten auch über gemeinsame Sendungserfahrungen austauschen.

 

Insgesamt werden also auch außerhalb der Sendungen sämtliche kommunikative und soziale Kompetenzen in zahlreichen Feldern herausgefordert und ausgebaut, eigene Position und Selbstbild können erprobt und bestärkt werden. Insofern bieten nichtkommerzielle Sender jene Rahmenbedingungen, in denen sogenanntes Sozialkapital aufgebaut werden kann, das sämtliche Kontakte von Menschen als erneuerbare Ressourcen wertschätzt, da sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern (Vater/Kellner/Jütte 2011).

Umgang mit medialen Öffentlichkeiten

Durch die eigene Erfahrung, für ein Medium Inhalte aufzubereiten, beginnt bei fast allen GestalterInnen eine neue Aufmerksamkeit für die Gestaltung von Medienprodukten in anderen Sendern. Gelingendes aber auch Fehler von Profis werden verstärkt wahrgenommen, und Inspirationen für die Gestaltung eigener Produktionen werden durch bewusste Mediennutzung eingeholt.

 

Manche entwickeln auf diesem Weg Bildungsinteressen an spezifischer Fortbildung für die Sendungsgestaltung. Die neue Form der Wahrnehmung von differenzierten Öffentlichkeiten ist für viele ein Thema, manche möchten gezielt Musik oder Inhalte bringen, die in anderen Sendern wenig Raum erhalten. Dabei hat sich gezeigt, dass sich die Position von Menschen in kulturellen, sozialen, sprachlichen Communities oder Subkulturen durch ihr Öffentlichwerden als SendungsgestalterInnen verändert und sie zu Ansprechpersonen und MultiplikatorInnen werden oder neue Rollen übertragen bekommen bzw. übernehmen. Andere wiederum erfreuen sich daran, sich an professionellen JournalistInnen zu orientieren und sich mit ihnen zu vergleichen und dabei in der Lage zu sein, selbst auch Öffentlichkeit schaffen zu können.

 

Art der Wahrnehmungsänderung; Verteilung in Prozent (Quelle: Peissl/Lauggas 2016, S. 109) (Grafik: RTR, CC-BY-4.0)

 

Als wichtig hat sich dabei erwiesen, dass die qualitativen Ansprüche an die Sendungsgestaltung selbstdefinierte sind, dass sie also nicht irgendwelchen Standards genügen müssen. Die eigenen Qualitätsansprüche der SendungsmacherInnen sind häufig sehr hoch oder an professionellen Sendungen angelehnt.


Zusammengefasst hat sich an vielen Details nachweisen lassen, dass Medienkompetenz in vielfältigen Formen erworben und ausgebaut wird, für manche stellt dieses Engagement auch den Ausgangspunkt für berufliche Karrieren in der Medienbranche dar.

Mut und Spontaneität

"Mut und Spontaneität" bilden eine weitere zentrale Herangehensweise, die besonders häufig mit lustvollem Lernen in Zusammenhang gebracht wurde. Einigermaßen gefahrlos etwas ausprobieren zu können, spontan zu agieren oder agieren zu müssen, kam in zahlreichen Erzählungen als Ausgangssituation vor, in der lehrreiche Erfahrungen gemacht werden konnten oder in denen GestalterInnen über sich selbst hinausgewachsen sind.

 

Immer wieder wurde von Experimenten erzählt, die gut oder schlecht liefen, aber Erkenntnisse ermöglicht haben. Neben inhaltlichen Vermittlungsbedürfnissen hat sich klar herauskristallisiert, dass ungeplantes und auch unvorbereitetes Tun für viele Leute spaßbesetzte Erlebnisse darstellten, die sie an die Sendungsproduktion binden und einen spielerischen Zugang zu neuem Wissen und neuen Kompetenzen darstellen. In diesem Zusammenhang wird das Lernpotenzial auf der Basis seiner Definition als (plötzlich notwendige) Verhaltensänderung besonders sichtbar (Treml/Becker 2010).

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