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Herausforderungen und Widersprüche

Helmut Peissl (2018)

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass im Rahmen der Sendungsgestaltung im nichtkommerziellen Rundfunk eine enorme Palette von Kompetenzen erworben werden kann, wofür spezifische Bedingungen (individuell und in je unterschiedlichem Ausmaß) besonders förderlich sind:

 

  • Ohne lange Vorläufe oder Ausbildungen mit dem Senden unmittelbar anfangen können bzw. Learning by Doing,
  • Einstieg auch mit geringen oder keinen Lese- und Schreibfähigkeiten,
  • selbstständig und interessengeleitet frei wählen können, ob und was gelernt wird,
  • inhaltliche und formale Freiheit bei der Gestaltung von Sendungen, sprich: keine Produktivitäts- oder Leistungserwartungen erfüllen müssen, Freiheit für Fehler und Experimente,
  • persönliche Kontakte im Sender,
  • örtliche Nähe des Senders,
  • Anbindung der Sendungsinhalte an den eigenen Lebensraum.

 

Dies entspricht in mehreren Aspekten jenen Bedingungen, die Reinhard Zürcher als förderlich für niederschwellige Zugänglichkeit zu nichtformalem und v.a. informellem Lernen in der Erwachsenenbildung zusammengefasst hat, womit auch Menschen aus sogenannten "bildungsfernen Kontexten" (Zürcher 2007) oder Menschen mit Basisbildungsbedarf erreicht werden können. Auch lässt sich auf diese Weise mit dem Paradoxon umgehen, wonach jedes Lernen bereits Wissen voraussetzt (Meyer-Drawe 2008, S. 391), das ressourcenorientiert vergegenwärtigt und erweitert wird.

 

Formale Anerkennung von Bildungsleistungen

Die in der Medienarbeit in Community Medien erwerbbaren Kompetenzen entsprechen in hohem Ausmaß allen acht EU-Schlüsselkompetenzen - in ihrer ursprünglichen und überarbeiteten Form (Europäisches Parlament 2006, Europarat 2018b) - und zeigen, dass der nichtkommerzielle Rundfunk neben demokratiepolitischer Bedeutung auch ein enormes Potenzial als Bildungseinrichtung mitbringt und bereits erfüllt.


Diese Erkenntnis führt zu Forderungen, diese faktischen Bildungsleistungen formal anzuerkennen und zu fördern. Daran ließe sich auch die Anrechenbarkeit von Sendungsgestaltungen und entsprechenden Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen im Rahmen von betrieblicher Weiterbildung ableiten, was mit der historischen Ankoppelung des Bildungsbegriffs an Nutzungskontexte einhergeht und in neoliberalen Wirtschaftszusammenhängen weiter zugespitzt wurde. Die Heterogenität der SendungsgestalterInnen - Individuen und Gruppen - bewirkt eine breite, teils widersprüchliche Ausgangssituation, was die Anerkennung von Bildungsleistungen in Community Medien anbelangt: Während es für einige die Möglichkeit der stärkenden Selbstvergewisserung (z.B. mit einem Zertifikat oder einem Kompetenzportfolio) bedeuten würde, hätte ebendies für andere die abschreckende Wirkung, sich in einer Bildungsinstitution mit all ihren Mechanismen (und Zwängen) wiederzufinden.

 

Nicht zuletzt haben weiters die Erfahrungen mit Akkreditierung und Zertifizierung in anderen Ländern auch gezeigt, dass diese - wenig überraschend - eine erhebliche Bürokratisierung nach sich ziehen, die komplexitätserhöhend wirkt und Entfremdung sowie Abhängigkeiten herstellt. Lernende und Lehrende müssen sich dann in auferlegte Strukturen einfügen, die auf Individualitäten genauso wenig Rücksicht nehmen können wie auf das Bedürfnis nach Freiheit, Unkonventionalität und Leistungsungebundenheit, was aber wesentliche Voraussetzungen für die Entwicklungen eines selbstgesteuerten Bildungsinteresses sind.

Wirkung von Medien auf die GestalterInnen

Die Bedeutung von Medien wird hauptsächlich in ihrer Wirkung nach außen beurteilt, danach, welche Diskurse und Inhalte durch welche Personen(-Gruppen) in die Öffentlichkeit kommen können. Die Wirkung ist aber auch eine wesentliche nach innen - für die Person der Gestalterin oder des Gestalters. Dies schließt an Meyer-Drawes Definition an, wonach das Lernen nicht nur eine Auseinandersetzung mit einer Sache sei, sondern stets auch eine mit sich selbst (Meyer-Drawe 2008, S. 401). Die jeweilige Person braucht somit Anerkennung ihrer vorhandenen Ressourcen, Wertschätzung ihrer Erfahrungen und Gefühle, angemessene Arbeits- und Lernformen, -unterlagen und -räume. "Letzten Endes wäre also eine Lernkultur anzustreben, in der formales wie informelles Lernen Platz haben, das heißt, in der Lernende das ihren Interessen Entsprechende in der von ihnen gewünschten Weise unter menschenwürdigen Umständen lernen können, in der sie dabei unterstützt und in der ihre Lernergebnisse anerkannt werden" (Zürcher 2007, S. 136).

 

Die Sender des nichtkommerziellen Rundfunks erfüllte diese Ansprüche weitestgehend und bilden damit wertvolle Lernräume für die Aneignung multipler Kompetenzen in der mehrsprachigen Gesellschaft. Sie erfüllen aber auch die Anforderungen an eine kritische Medienpädagogik, die Lernende dazu ermächtigen soll, Medieninhalte nicht nur kritisch zu lesen, sondern ihre eigenen Inhalte kompetent und reflektiert zu gestalten und so zu aktiven TeilnehmerInnen in der demokratischen Gesellschaft zu werden.

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