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Bildungsleistungen des nichtkommerziellen Rundfunks

Helmut Peissl (2018)

Zum Verständnis der Funktionsweise von Community Medien sei nochmal darauf verwiesen, dass Medieninhalte hier nicht auf Grundlage von externen Vorgaben entstehen, sondern aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse der überwiegend ehrenamtlichen Beteiligten. Community Medien werden als Teil der Zivilgesellschaft definiert, deren Funktionieren sich an den sozialen Bedürfnissen der Beteiligten orientiert und die sich den Marktgesetzen nicht bzw. nur bedingt unterordnen, wie Fairchild (2010, S. 25) ausführt:


"(...) (C)ommunity radio is unavoidable part of civil society. It exists through the kind of voluntary participation in community institutions that define this often misunderstood social arena. (...) (C)ommunity radio exists to create social networks through means that are not market based. The character of the relationships formed within this particular type of civil institution are not formed by audiences or listeners, but by participants, defined by relationships in which all listeners are assumed to be potential contributors."


Lernen und das Aneignen von neuen Kompetenzen in Community Medien erfolgt aus dem Interesse, Inhalte, Themen oder Meinungen aus dem unmittelbaren Lebenskontext medial aufzubereiten, oft mit dem Ziel unterschiedliche Publikumsgruppen anzusprechen oder mit ihnen in Dialog zu treten. Die mediale Gestaltung erfolgt dabei sowohl in Differenz zu Mainstreammedien (z.B. zu Programmen des ORF oder Zeitungen und Zeitschriften) als auch in Relation zu ihnen. Nicht zuletzt deshalb wird Paolo Freire und seine in der Pädagogik der Unterdrückten formulierte Idee des dialogischen Lernens in Studien zu Community Medien meist als eine wichtige Referenz herangezogen (Freire 1991, S. 67):


"In der problemformulierenden Bildung entwickeln die Menschen die Kraft, kritisch die Weise zu begreifen, in der sie in der Welt existieren, mit der und in der sie sich selbst vorfinden. Sie lernen die Welt nicht als statische Wirklichkeit, sondern als eine Wirklichkeit im Prozess (zu; Anm.) sehen, in der Umwandlung."

 

Sozialer Zusammenhalt und lebensbegleitendes Lernen

Der britische Soziologe und Medienforscher Peter Lewis hat mehrfach für die UNESCO gearbeitet und zahlreiche internationale Trainingsprojekte von Community Medien wissenschaftlich begleitet und dokumentiert. Er bringt den transformativen Aspekt von Lernerfahrungen im Rahmen der selbstbestimmten Mediengestaltung auf den Punkt, wenn er meint (Lewis/Jones 2006, S. 6):


"Those whose opinions are rarely given a hearing may have forgotten, or never learned, how to express them. If technical training is combined with research, production and presentation skills, which community radio routinely offers, the experience can also equip people with a self-confidence that is motivating. It can lead to employment - not necessarily in the media - and a fuller participation in today's information society."


2007 wurde Lewis vom Europarat beauftragt, einen Bericht zur Rolle von Community Medien hinsichtlich ihrer Beiträge zum sozialen Zusammenhalt zu verfassen. Unter dem Titel: "Promoting social cohesion. The role of community media" geht Lewis (2008, S. 24) auch ausführlich auf die Bedeutung von Community Medien für das lebensbegleitende Lernen ein. So hält er fest, dass die Möglichkeit, Zugang zu aktiver Mediengestaltung zu bekommen, auch Menschen anzieht, die nur über formal niedrige Bildungsabschlüsse verfügen oder in ihrer Biografie negative Erfahrungen mit dem Bildungssystem gemacht haben. Mitte der 1990er-Jahre waren in den EU-Ländern etwa 50.000 Menschen als Freiwillige in Community Medien tätig und nutzten die gebotenen Bildungsmöglichkeiten. Lernen im Kontext von Community Medien umfasst nach Lewis dabei nicht nur die Kompetenz zur Mediengestaltung, sondern ein breites Feld von Kompetenzen, die wesentlich für gesellschaftliche Teilhabe sind. Er führt dazu kommunikative, interkulturelle und soziale Kompetenzen ebenso an wie Computer- und Lernkompetenz als auch die Stärkung von Eigeninitiative und unternehmerischer Kompetenz.

 

Auf Grundlage des Berichts "Promoting social cohesion. The role of community media" verabschiedete das Ministerkommittee des Europarates 2009 die Erklärung "on the role of community media in promoting social cohesion and intercultural dialogue" (Europarat 2009).

Lernen durch Gestaltung

Einen anderen Zugang zum Verständnis der Bildungsfunktionen von Community Medien öffnet Helen Manchester (2008) mit ihrer Untersuchung "Learning through engagement in community media design". Manchester betrachtet dabei die Funktion von Community Radios aus einer bildungswissenschaftlichen Perspektive und betrachtet den Prozess der Mediengestaltung explizit als Lernprozess. Als Grundlage ihrer Analyse greift sie dabei auf das Konzept der Multiliteracies zurück, das von der New London Group (1996, zitiert nach Manchester 2008) formuliert wurde und sich bei der Charakterisierung von Lernprozessen auf vier Aspekte stützt:

 

  • Situated Practice
  • Overt Instruction
  • Critical Framing
  • Transformed Practice


Hinsichtlich der pädagogischen Zugänge von Community Medien betont Manchester besonders die Rolle der TrainerInnen als VermittlerInnen (broker) zwischen Inhalten, Gruppen und Kontexten. Aktivierung geschieht mit dem klaren Ziel der Gestaltung von Sendungen, Prozessorientierung sowie ein flexibles Curriculum, das zumindest teilweise mit den TeilnehmerInnen verhandelbar ist. Kritisch sieht Manchester dabei den Mangel an klaren pädagogischen Konzepten, was auch zu Schwierigkeiten bei der Vermittelbarkeit an Dritte wie z.B. FördergeberInnen führen kann. Eine weitere Qualität der Bildungsarbeit in Community Medien liege in der Begegnung von TeilnehmerInnen mit unterschiedlichen Geschichten, aus unterschiedlichen Lebenswelten und mit verschiedenen Identitäten. Sie betont aber auch, dass der Widerspruch zwischen den großen Anforderungen an die Bildungsangebote und die TrainerInnen in den untersuchten Community Radios und den meist bescheidenen Ressourcen, die dafür zur Verfügung stehen, unaufgelöst bleibt.

Lernen von Jugendlichen im Community Radio

Auf Grundlage ihrer bildungstheoretischen Arbeit begleitete Manchester in den letzten Jahren mehrere Projekte britischer Community Radios aus wissenschaftlicher Perspektive. Besonders interessant scheinen die Ergebnisse aus der Begleitforschung zum Projekt "connect: transmit", die Manchester (2013) im Bericht "More than yacking away: A review of youth learning opportunities in the community radio sector" zusammengefasst hat.


Das landesweit angelegte Projekt "connect: transmit" hatte die empirische Erfassung der Lernaspekte von Jugendlichen in Community Radios zum Ziel. Manchester führte dazu zahlreiche Interviews und Umfragen mit ehrenamtlichen und angestellten MitarbeiterInnen britischer Community Radios durch. Auf Basis dieser Daten fasst sie die zentralen Kompetenzen, die im Rahmen der aktiven Medienarbeit in Community Radios vermittelt bzw. von den jugendlichen ProgrammgestalterInnen erworben werden, unter der Überschrift "development of speaking and listening skills and capacities" zusammen. Diese Auflistung gibt eine eindrückliche Bandbreite von Fähigkeiten und Kompetenzen in der aktiven Medienarbeit wieder:

 

  • Teaching speaking and listening skills
  • Interviewing
  • Group work, discussion and confidence
  • Speaking for different audiences
  • Accent and dialect
  • Expression/voice
  • Analytical skills
  • Planning (what to say)
  • Negotiation and persuasion
  • Development of other skills and capacities
  • Employability skills
  • Literacy and numeracy skills
  • Media literacy
  • New literacies
  • Digital literacies

 

Die Verbesserung der Ausdrucksfähigkeit und das Gewinnen von Selbstvertrauen in der Kommunikation stehen klar im Mittelpunkt des Lernerfolges. Die Möglichkeit, im Radio auf Sendung zu gehen, bildet eine wichtige Motivation sich auf Lernen einzulassen (Manchester 2013, S. 37):


"Young people engaged in learning in community radio stations develop their speaking and listening skills and improve their confidence and assertiveness, as well as learning new digital and media literacies. The experience both increases their employability and encourages and enables them to be more aware of their local communities and to become more active citizens."


Infolgedessen empfiehlt Manchester die vermehrte Akkreditierung der Bildungsangebote von Community Medien. Darüber hinaus könnten Kooperationen mit anderen Bildungsorganisationen zur formalen Verbesserung und Aufwertung der Trainingsaktivitäten von Community Radios beitragen. Solche Kooperationen wären aber auch eine Chance, um leichter neue Zielgruppen in Bildungsprozesse einbinden zu können, die für traditionelle Bildungsträger eher schwer erreichbar sind. Manchester untermauert damit auch die Aussagen von Lewis und Jones (2006) zu CM als wichtige Lernorte in der zunehmend diversifizierten Gesellschaft.

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