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Der nichtkommerzielle Rundfunk als Lernraum

Helmut Peissl (2018)

Die nichtkommerziellen Freien Radios und Community TV-Sender bilden niederschwellige Lernräume, in denen Menschen aktiv Medien gestalten und dabei auf zahlreichen Ebenen profitieren können - unter anderem auch durch den Erwerb von Kompetenzen, die weit über die Fähigkeit hinausgehen, eine Sendung gestalten zu können. Wie Bildung in Community Medien in Österreich stattfindet, erläutert der folgende Abschnitt. Er beinhaltet einen Überblick über Bildungsleistungen des nichtkommerziellen Rundfunks und diskutiert die Auswirkungen einer aktiven Mediengestaltung auf die Kompetenzen der Teilnehmenden.

 

Nichtkommerzielle Radios und TV-Sender bzw. Community Medien existieren weltweit in sehr vielfältigen Formen und Größen, mit verschiedensten Reichweiten und Bekanntheitsgraden. Als wesentliche Merkmale gelten ihre nicht-kommerzielle und gemeinnützige Ausrichtung, ihre lokale Verankerung und eine gemeinschaftliche Organisationsform.

 

Weltweit gibt es viele tausend Community Radios oder TV-Sender und in manchen Ländern übersteigt ihre Zahl jene der öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Sender. In Europa wurde mit Radio Student in Ljubljana/Laibach im heutigen Slowenien das erste legale Community Radio gegründet. In Frankreich entstanden ab 1981 mittlerweile 600 Community Radios und in Deutschland umfasst der unter dem Begriff Bürgerfunk zusammengefasste nichtkommerzielle Rundfunk fast 300 Radios und TV-Projekte.

In Österreich konnte die Möglichkeit, legal als nichtkommerzielles Radio senden zu dürfen, erst nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte gegen das Rundfunkmonopol ab 1993 durchgesetzt werden. Im Jahr 1998 gingen die ersten Freien Radios auf Sendung und begannen sich damit - neben öffentlich-rechtlichem und kommerziellem Rundfunk - als dritter Rundfunksektor zu etablieren. Derzeit sind in Österreich 17 nichtkommerzielle Rundfunkstationen aktiv, davon 14 Radiosender und 3 TV-Sender.

 

Sender des nichtkommerziellen Rundfunks in Österreich (Grafik: COMMIT)

 

Der Bestand nichtkommerzieller Sender und damit die Möglichkeit zur Mitwirkung an partizipativer Mediengestaltung in sozialen Strukturen trägt nachweislich zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, des lokalen Empowerments sowie des interkulturellen Dialogs bei. Diese Bedeutungen wurde in den letzten Jahren mehrfach politisch auf europäischer und internationaler Ebene anerkannt und in zahlreichen Studien untersucht und bestätigt (Atton 2002, Cammaerts/Carpentier 2007, Carpentier 2011, Coyer et al. 2007, Day 2009, Forde/Foxwell/Meadows 2010, Gordon 2012, Howley 2005, 2010, KEA 2007, Lewis/Jones 2006, Pajnik/Downing 2008, Peissl/Tremetzberger 2008, Peissl et al. 2010, Rennie 2006, Rodriguez 2001, 2011).

 

Menschen, die in nichtkommerziellen Sendern tätig sind, profitieren dabei auf zahlreichen Ebenen, unter anderem auch durch den Erwerb von Kompetenzen, die weit über die Fähigkeit hinausgehen, eine Sendung gestalten zu können. Diese Aussage wird vielfach von Beteiligten unterstrichen und mittlerweile regelmäßig in internationalen und europäischen Erklärungen und Berichten festgehalten (United Nations 2010, Europarat 2009, Europäisches Parlament 2008a, 2008b, 2008c). Trotz der intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung haben sich bisher nur wenige Forschungsprojekte in England und Irland (Manchester 2008, 2013, Cvetkovic 2010, Lewis/Jones 2006) explizit mit den Bildungsaspekten von Community Medien auseinandergesetzt. In den untersuchten Fällen konnten sie Bildungsleistungen in unterschiedlicher Ausrichtung und Intensität nachweisen. Es sind auch diese beiden Länder, in denen unterschiedliche Aus- und Weiterbildungsangebote der Community Radios zertifiziert und im Rahmen der nationalen Bildungssysteme anerkannt sind.