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Community Education - Beispiele gelungener Bildungskooperationen

Helmut Peissl (2018)

Am Beispiel einiger Kooperationsprojekte von nichtkommerziellen Radios mit Organisationen der Erwachsenenbildung zeigt dieser Abschnitt auf, wie Freie Medien zur eigenständigen Regionalentwicklung und zu Community Development beitragen. Die vorgestellten Beispiele zeigen, dass der Kooperation von Community Medien mit (Erwachsenen-)Bildungseinrichtungen ein großes Potential zukommt. Abschließend widmet sich das Dossier der Frage, welche neuen Perspektiven sich aus solchen Kooperationen auch für traditionelle Bildungsanbieter ergeben können.

 

Community Education als ganzheitlicher Ansatz zur Einbindung von Menschen oder Gemeinschaften in meist lokale oder regionale Lernprozesse kommt als Begriff aus dem englischsprachigen Raum und ist besonders in der Praxis von Sozial- und Bildungspolitik in Irland und Schottland verankert. Als Prinzipien stehen dabei im Mittelpunkt: (Selbst)Ermächtigung, Partizipation, Inklusion, Selbst- und Mitbestimmung sowie Kooperation. Community Education und Community Development werden dabei von den Handelnden nicht immer getrennt, sondern oft synonym verwendet. Eine aktuelle Auseinandersetzung zu potentiellen Beiträgen zur lokalen Bildungs- und Entwicklungsarbeit finden sich in der Modellbeschreibung "von Lebenswelten zu Lernwelten" (Beneke et al. 2017), die im Rahmen des ERASMUS+ Projektes "Community Education Facilitating" erarbeitet wurde.

 

Mit den Beiträgen von Community Radios zu Community Development hat sich in Irland Niall Watters bereits 2003 in einer Studie auseinandergesetzt. In "Community Radio in Ireland. Its Contribution to Community Development" weist Watters (2003, S. 9) besonders auf die Bedeutung von Community Radios als niederschwellige Lernorte ein. Watters kommt dabei zum Schluss, dass sich Handlungsansätze und Ziele von Community Radios mit jenen des Community Development im Wesentlichen decken: "(C)ollective action, empowerment, participation, promoting social inclusion, emphasing process as well as product providing information (...)".

 

Community Radios sollten deshalb nicht einfach als Medien verstanden werden, sondern explizit als Akteure im Feld von Community Development und Community Education. Hinsichtlich einer Reihe von Zielgruppen, wie Jugendliche, Arbeitslose, AlleinerzieherInnen und Angehörige ethnischer Minderheiten, stehen die Trainingsangebote und Bildungsaktivitäten oft sogar im Vordergrund. Watters argumentiert deshalb, dass Community Medien auch explizit als Akteure der Erwachsenenbildung betrachtet werden sollten.

 

Diese Überlegungen decken sich mit Erfahrungen in Österreich, wie sie im Rahmen von ESF-Entwicklungsprojekten gemacht wurden, in denen unterschiedliche Organisationen der Erwachsenenbildung mit Freien Radios intensiv zusammenarbeiteten. Im Folgenden wollen wir auf die Projekte Connecting Communities und ESPRIS kurz eingehen.

Connecting Communities

Das Projekt Connecting Communities hatte sich das Ziel gesteckt Herangehensweisen zu entwickeln, die bildungsbenachteiligte Menschen in ländlichen Regionen neue Zugänge zu Bildung und Lernen eröffnen. Beteiligt waren daran unter anderen die Organisationen Akzente in Voitsberg, die Frauenstiftung Steyer, der Freie Radio B138 in Kirchdorf an der Krems, das Integrationszentrum Paraplü und EB projektmanagement.

 

Die ProjektpartnerInnen gingen davon aus, dass das Lernen von Individuen oder Gruppen in ländlichen Regionen einen ursächlichen Beitrag zum Community Development im betreffenden Gebiet leistet. Da an den eingebundenen Orten Frauen mit Migrationsgeschichte am stärksten von Bildungsbenachteiligung betroffen waren, richteten sich die Angebot vor allem an diese Gruppe. Die beteiligten MigrantInnen lernten beim Freien Radio das Recherchieren von Themen, das Führen von Interviews und das Gestalten eigener Radiobeiträge. In der neuen Rolle als Radiomacherinnen öffneten sich den beteiligten Frauen neue Perspektiven auf die eigenen Möglichkeiten und ihre Rolle im sozialen Umfeld. Eine Projektmitarbeiterin formulierte das Besondere beim Lernen durch Mediengestaltung: "Ich verarbeite, ich bearbeite und ich gestalte - und da fängt dann auch die Mitgestaltung an. Ich recherchiere, ich mach mir dann die eigenen Gedanken, ich hole Informationen ein und verarbeite das dann auch für irgendjemand anderen, wo ich glaub, dass die das brauchen können. Ich mach mir meine eigenen Gedanken und das führt dazu, dass das Gelernte auch zum Eigenen wird."


In der Modellbeschreibung "gehört : gelernt : beteiligt - Community Education in Österreich" (Beneke et al. 2014, S. 15) sind die Erfahrungen mit der Gestaltung von Radiosendungen als Lernmethode im Sinne von Community Education so zusammengefasst:


"Radio machen ist eine wichtige Methode der politischen Bildung. Durch die aktive Auseinandersetzung mit politischen Themen und dem Dialog mit politischen Akteuren/innen oder diversen Funktionsträgern/innen wird das, besonders bei bildungsbenachteiligten Menschen häufig vorherrschende Gefühl der Ohnmacht durch die Erfahrung des 'Gehörtwerdens', des 'Mitredens' und 'Mitentscheidens' ersetzt."

Sprachen lernen und Radio machen

Auch das Projekt Emanzipatorische Sprachlernmethoden im Salzkammergut (ESPRIS) baute auf das intensive Zusammenspiel von partizipatorischer Mediengestaltung im Freien Radio Salzkammergut mit innovativen Sprachlernangeboten des Bildungszentrum Salzkammergut in Lernpartnerschaften auf. Die mehrsprachige Sendungsgestaltung im Freien Radio spielte dabei eine wichtige Rolle. Die Sendungen wurden teilweise von SprachlernerInnen gestaltet und standen gleichzeitig als Lernressourcen zur Verfügung. Das Rahmenkonzept wurde von COMMIT erarbeitet und nach Projektabschluss in der Handreichung "Lust auf Sprachen" (Sedlaczek/Purkarthofer/Peissl 2016) frei zugänglich gemacht.

 

ESPRIS-Redaktion im Studio des Freien Radio Salzkammergut (Bild: CC BY 4.0, ESPRIS, auf https://erwachsenenbildung.at)

 

Die hohe Bildungsrelevanz des Projekts wurde auch offiziell honoriert, als die MitarbeiterInnen von ESPRIS aus dem Freien Radio Salzkammergut im Jänner 2015 für ihre Sprachlernsendereihe "Pangea Lingua" mit dem Radiopreis der Erwachsenenbildung in der Kategorie interaktive und experimentelle Programme ausgezeichnet wurden. Die Sendungen sind langfristig zum Nachhören verfügbar und können zu ähnlichen Aktivitäten an anderen Orten anregen. Im Rahmen ihrer Begleitforschung zum Projekt kam Assimina Gouma (2017, S. 236) unter anderem zum Schluss, dass gerade für bildungsbenachteiligte Menschen "zu Wort kommen" in einem Medium große Bedeutung für das Lernen - in diesem Fall von Sprachen - hat.

Mediengestaltung und Regionalentwicklung

Die Studie "Wirkungsradios - Freie Radios im ländlichen Raum" (Radio B138 2017) war ein weiteres Projekt das eine intensive Auseinandersetzung zum Zusammenspiel von partizipativer Mediengestaltung und regionaler Entwicklung ermöglichte. Projektbeteiligte waren in diesem Fall das Freie Radio B138 in Kirchdorf an der Krems, Radio Freequenns in Liezen, das Freie Radio Freistadt, COMMIT sowie zahlreiche Akteure der Regionalentwicklung, aus Vereinen und der Wirtschaft aus den drei Gebieten. In Österreich agieren die Hälfte - sieben von vierzehn – der Freien Radios explizit in ländlichen Räumen abseits der großen Städte. An vielen Orten bilden sie auch das einzige lokale Medienangebot. Im Rahmen der Studie "Wirkungsradios - Freie Radios im ländlichen Raum" wurden die Arbeit und die Prozesse in und um die Freie Radios aus dem Blickwinkel der Regionalentwicklung analysiert. Auch hier kamen die AutorInnen zum Schluss, dass die Freien Radios wesentliche Bildungsfunktionen wahrnehmen, indem sie ihre Wirkung auf mehreren Ebenen entfalten:

  • als Sprachrohr von Menschen aus der Region für die Region
  • als Begegnungsräume zwischen Kulturen und Generationen
  • als identitätsstiftende Institutionen der Bürgerinnen und Bürger
  • als Ausbildungszentren für kritische Medienproduktion
  • als Entwicklungsplattformen für Menschen und Projekte in der Region

 

Radio B138 am Dorfplatz - Open Couch Talk in Kirchdorf (Bild: CC BY 4.0, Radio B 138, auf https://erwachsenenbildung.at)

 

Unter den zahlreichen ExpertInnen, die im Rahmen der Studie befragt wurden, war auch Conny Wernitznig, Geschäftsführerin der LEADER Region Mühlviertler Kernland. Sie betonte die Rolle des Freien Radios am Beispiel Freistadt zur Bewusstseinsbildung, als Anreger zum Querdenken und zur Zusammenarbeit und als Raum für Zukunftsentwicklung. Die inhaltliche Kompetenz baut dabei auf die breite Beteiligung: "... wenn ich eine Sendung höre, denke ich mir, Wahnsinn, was da für ein Wissen, was da für eine Kompetenz ist und was da für eine Leidenschaft ist, sich wirklich mit anderen hinzusetzen, das zusammen zu fassen, das wiederzugeben, also ich habe ja eben vor Kurzem das Glück gehabt mit der Nina Theiss-Laubscher zum Thema Down-Syndrom, da bei euch zu Gast zu sein und da denke ich mir, das ist Wahnsinn, was die Einzelnen eben wirklich an Wissen und Kompetenz haben. Und bei euch finden sie eine Möglichkeit, Raum, einen Platz, technische Möglichkeit diese Informationen, dieses Wissen, diese Leidenschaft auch weiterzugeben." (Radio B138 2017, S. 164)


Dorothee Steinbauer, die Leiterin des CulturCentrumWolkenstein in Stainach betont ebenfalls die Einbeziehung vieler Aktiver in der Region als Qualität: "... eben aus diesen verschiedensten Kleinregionen Vertreter zu haben, die was zu erzählen haben oder was einzubringen haben oder eben natürlich auch wiederum für ihre Leute Radio machen wollen, die genau dort sitzen und nicht in Liezen. Und das gibt nicht nur eine Vielfalt, sondern das gibt auch einen großen Einblick in individuelles Leben und soziale, kulturelle Bedürfnisse ..." (Radio B138 2017, S. 50)

 

Wirkungsradio - Studie zu Freien Radios im ländlichen Raum (Grafik: Daniela Waser, CC BY-ND)

 

Im Rahmen der Studie Wirkungsradio wurden von den Beteiligten auch eine Reihe von Radiosendungen gestaltet, in denen regionale Akteure zu Wort kommen. Die Sendungen sind im Cultural Broadcasting Archiv (CBA), dem online-Archiv der Freien Radios nachhörbar.

Potential und Perspektiven

Diese kurzen Einblicke auf Community Medien als Akteure von Community Development öffnen ein Feld das in Österreich bisher wenig Tradition hat. Zur tiefergehenden Auseinandersetzung sei hier auf die Untersuchungen von Waters (2003) und Gaynor/O'Brien (2010) zu Community Medien im Feld des Community Developments in Irland verwiesen. Gaynor und O'Brien vergleichen etwa die Ziele und Wertvorstellungen von Community Medien und von Community Development und kommen zum Schluss, dass es dabei weitgehende Übereinstimmung gibt. Dazu ist aber auch anzumerken, dass Community Development in Irland eine lange Tradition hat und auch als Handlungsfeld der Sozial- und Bildungspolitik verankert ist.


Für die Situation in Österreich lässt sich zusammenfassend sagen, dass sich auf Grundlage der vereinzelten Studien und Projekte, die sich mit Community Medien als Bildungsräume bzw. als Partner in Bildungsprojekten befassen, ein großes Potential aufzeigen und bestätigen lässt. Durch mehr lokale oder regionale Kooperationen ließen sich einerseits neue, meist bildungsbenachteiligte Zielgruppen in Bildungsprozesse einbinden und andererseits neue Lernräume sowohl für Medien- als auch für Bildungsaktivitäten erschließen.