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Distance Learning in der Basisbildung: Eine Corona-Story

27.07.2020, Text: Julia Schindler, Redaktion: Redaktion/CONEDU
Die Erfahrungen aus den vergangenen Monaten zeigen, wie Online-Lernen in der Basisbildung gelingen kann.
  • Foto: Pixabay Lizenz, geralt, https://pixabay.com
    Als besonderer Startvorteil hat sich die generell ressourcenorientierte Grundeinstellung der Basisbildung erwiesen.
Es waren Sätze wie „Online-Lernen ist in der Basisbildung nicht möglich" oder „in der Basisbildung fehlen allen die nötigen Geräte", die gerne und ausdauernd zum Thema digitale Basisbildung wiederholt wurden. Und Distance Learning war in der Basisbildung vor Corona in Österreich vor allem eines: unmöglich.

 

Die vielen gelungenen Beispiele von Distance Learning in Basisbildungskursen, die während des Corona-Lockdown aufgeblüht sind, zeigen jedoch: jetzt wäre es an der Zeit, diese Annahmen zu überdenken.

Verborgene Schätze

Als besonderer Startvorteil hat sich die generell ressourcenorientierte Grundeinstellung der Basisbildung erwiesen – denn egal, ob es um Vorkenntnisse der TeilnehmerInnen geht, um finanzielle Mittel oder technische Infrastruktur: die gelernte Basisbildnerin fragt nicht "was fehlt?" sondern "was ist vorhanden?" Auch die Erwartungshaltung, was Lernfortschritte angeht, definiert sich nicht über Defizite oder Fehlschläge. Der erfahrene Basisbildner reflektiert stattdessen: "was haben wir in diesem Kurs erreicht?" Und in beiden Fällen lautete die Antwort für die Zeit des Lockdown: erstaunlich viel.

 

Diese konsequente Ressourcenorientierung macht es für alle Beteiligten leichter, sich durch zähe Zeiten durchzubeißen, Fehlschläge gelassener zu nehmen und auch unwahrscheinlichen Lösungsansätzen eine Chance zu geben.

Von SuperheldInnen und Bösewichten

In der Zeit des Lockdown reihten sich Best Practice an Worst Case-Erfahrungen. Geschichten von TeilnehmerInnen, die sich im digitalen Szenario einfanden und nebenbei auch digitale Kompetenzen weiterentwickelten, stehen Berichten gegenüber, wonach schwer erreichbare Menschen mit dem Wechsel der Messaging-App endgültig „verlorengingen".

 

Es gibt Lichtblicke wie jene Trainerin, die aus Padlet-Pinwänden intuitive Lernmanagementsysteme baute (komplett mit Wochenplan, Farbcode und Abgabe-Ordnern) – oder das TrainerInnen-Team, das furchtlos von der ersten Woche an Lernvideos produzierte und dabei gegen Ende des Lockdown professionelles Niveau erreichte. Es kam aber auch vor, dass TrainerInnen mit Kopf- und Rückenschmerzen vor ungeeigneten (Privat-)Geräten ausharrten, um ihre Teilnehmenden angemessen mit Inhalten zu versorgen.

 

Nichts davon ist selbstverständlich. Denn in der Basisbildung wäre es – mehr als in anderen Bildungssettings – ein Leichtes gewesen, sich auf die Unmöglichkeit von Distance Learning zu berufen und sich mit dem Anbieten von Arbeitsblättern zu begnügen. Strukturelle Unterstützung war in der Eile nicht vorauszusetzen, und so wurden Geräte, Internetverbindung und Know-How häufig von den TrainerInnen privat erworben oder bereitgestellt.

Reiche Erfahrung

Weil BasisbildnerInnen das Spiel von Trial-and-Error so beharrlich betrieben haben, ist ein Schatz an Erfahrungswerten für Distance Learning in der Basisbildung entstanden, der darauf wartet, gehoben zu werden.

 

Dabei muss klug differenziert werden, ob Erfahrungen für das Distance Learning generalisiert werden können oder nur für das spezielle Setting des plötzlichen Präsenzverbots galten. So raten zum Beispiel viele TrainerInnen dazu, nur mit dem Messaging-Dienst zu arbeiten, den die TeilnehmerInnen bereits am Handy haben. Demnach wäre eine reflektierte Auswahl von Messaging-Diensten seitens der Kursleitung nicht praktikabel. Dazu gibt es unterschiedliche Erfahrungen und Lösungsansätze. Eine Erkenntnis ist jedenfalls unerlässlich: auch mit der besten Didaktik kann man nicht die Lernzeit „einsparen", die es braucht, um den Umgang mit einer neuen App zu erlernen.

 

Außerdem ist zu bedenken, dass TrainerInnen keine High-End-Geräte und TeilnehmerInnen meist nur Smartphones für das Distance Learning nutzen konnten. Dies hatte zur Folge, dass die meisten digitalen Kursumsetzungen intuitiv und mit einfachen Mitteln erstellt und für Smartphones „optimiert" wurden. Dass dabei so viele mit dem digitalen Szenario zurechtkamen, ist jedenfalls bemerkenswert.

 

Doch auch online zeigte sich die Bedeutsamkeit persönlicher Beziehungen in der Bildung: bereits vor dem Lockdown geformte Gruppen kamen mit Distance-Learning-Settings besser zurecht als Gruppen, die sich erst online kennenlernen mussten.

.... und das glückliche Ende?

Aktuell scheint es, dass nach dem Ende des Lockdown viele TrainerInnen, überrascht von der eigenen Courage, möglichst schnell wieder in die alte Komfortzone „Kursraum" zurückstreben. Dabei wäre jetzt die Zeit, die Früchte des Corona-Baums zu ernten, anstatt sie am Ast vertrocknen zu lassen.

 

Wer also jetzt bereits Kursszenarien plant, die Distance Learning Elemente enthalten, übt nicht nur vorausschauendes Wellenreiten, sondern sichert auch den Lernertrag der letzten Monate. Und das wäre für die Corona-Erzählung der Basisbildung doch ein gutes Ende.

 

Die im Artikel beschriebenen Szenarien bilden Rückmeldungen und Erfahrungen ab, die die Autorin während vieler Beratungsgespräche und in drei mehrteiligen Schulungen zum Distance Learning in Basisbildungseinrichtungen im April/Mai 2020 gesammelt hat.

Creative Commons License Dieser Text ist unter CC BY 4.0 International lizenziert.
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