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Studie zeigt Zusammenhang zwischen Literalität und digitalen Kompetenzen

19.01.2021, Text: Beatrice Kogler, Redaktion/CONEDU
Wie nutzen Personen mit Basisbildungsbedarf digitale Technologien und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Praxis der Basisbildung? Das analysieren Klaus Buddeberg und Anke Grotlüschen anhand von Ergebnissen der LEO-Studie.
  • Foto: Pixabay Lizenz, stux, https://pixabay.com
    Bei der Nutzung von Smartphone und Messengerdiensten ist die digitale Ungleichheit zwischen Personen mit Basisbildungsbedarf und höher gebildeten Personen am geringsten.

Internet fördert das mündliche Sprachregister

Das Internet hat laut Buddeberg und Grotlüschen eine ambivalente Wirkung auf die Lese- und Schreibkompetenzen der Bevölkerung. Einerseits schafft das Internet eine Vielzahl von Schreibanlässen und die schriftliche Kommunikation gewinnt an Bedeutung. Andererseits entsprechen schriftliche Beiträge in sozialen Medien vorwiegend einem mündlichen Sprachstil. Eine falsche Rechtschreibung, Abkürzungen und Schriftcodes wie Emoticons sind in der Online-Kommunikation geläufig. Die Standard-Schriftsprache muss nicht beherrscht werden, um online schriftlich kommunizieren zu können.

 

Smartphone ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe

Soziale Medien und Messenger-Apps, in denen schriftlich meistens im Stil der mündlichen Sprache kommuniziert wird, sind jene digitalen Anwendungen, die Personen mit Basisbildungsbedarf am häufigsten nutzen. Der LEO-Studie 2018 zufolge schreiben 27,5% von ihnen wöchentlich zumindest einen Beitrag auf Social Media – das ist mehr als in der Vergleichsgruppe mit besseren Lese- und Schreibkompetenzen. Zugang zu Internet und digitalen Anwendungen erlangen Personen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen hauptsächlich über das Handy; Computer werden von dieser Personengruppe nur selten benützt. Die digitale Kluft zwischen Personen mit unterschiedlichen Grundkompetenzen schließt sich bei der Nutzung von Smartphone und Social Media am ehesten.

 

Schriftsprache als Hindernis

Digitale Anwendungen, die einen formalen Stil und eine korrekte Orthographie verlangen, werden von Personen mit Basisbildungsbedarf deutlich seltener verwendet als von gut literalisierten Personen. Laut Studienergebnissen schreiben 26,1% der betroffenen Gruppe keine E-Mails. Rund ein Viertel der befragten Personen mit geringen Schreibkompetenzen empfindet das Verfassen von E-Mails als zu schwierig. Auch Textverarbeitungsprogramme werden nur von circa einem Viertel dieser Gruppe regelmäßig genutzt. Die schriftsprachliche Hürde ist für Buddeberg und Grotlüschen auch für digitale Dienstleistungen im Verwaltungs- und Finanzsektor relevant. Für beide Bereiche ist in naher Zukunft eine weitere Digitalisierung zu erwarten.

 

Fake News oft nicht erkannt

Aus der Studie geht hervor, dass Personen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen besondere Probleme haben, Informationen im Web auf Glaubwürdigkeit hin zu beurteilen. 55 % dieser Personengruppe finden es beispielsweise schwierig, zwischen Werbung und allgemeinen Informationen im Internet zu unterscheiden. Dieser Umstand in Kombination mit der Tatsache, dass sich Personen mit Basisbildungsbedarf vor allem in sozialen Medien informieren, macht sie anfällig dafür, Fake News zu glauben.

 

Implikationen für die Basisbildung

Obwohl Personen mit Basisbildungsbedarf über das Smartphone Zugang zu digitalen Anwendungen haben, kann sich eine Fixierung auf mobile Endgeräte einschränkend auswirken. So ist es den AutorInnen zufolge zum Beispiel suboptimal, einen Bewerbungsprozess über das Handy abzuwickeln. Der Umgang mit PC, Textverarbeitungsprogrammen und E-Mail-Anwendungen sollte jedenfalls trainiert werden, um den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden. Zugleich gilt es, die Lernenden verstärkt auf den Umgang mit Informationen, Werbung und Falschmeldungen im Web vorzubereiten.

 

Da Personen mit Basisbildungsbedarf für Kommunikation und Lernen vorwiegend auf Videotelefonie und Erklärvideos zurückgreifen, kann der Einsatz dieser Technologien in der Basisbildung nützlich sein. Generell sehen die AutorInnen digitale Video- und Sprachsysteme als möglichen Hebel zur digitalen Inklusion. Vulnerable Gruppen sollten laut Buddeberg und Grotlüschen nicht zur gesellschaftlichen Anpassung gedrängt werden, sondern es sollte Angebote für sie geben, die ihnen helfen, sich auszudrücken und gehört zu werden.

 

Über die LEO-Studie 2018

Die Level-One Studie (LEO) ist die größte repräsentative Studie zur Literalität im unteren Kompetenzbereich in Deutschland und wird von der Universität Hamburg durchgeführt. Bei der letzten Erhebung im Jahr 2018 nahmen rund 7200 deutschsprechende Erwachsene daran teil. Personen mit Basisbildungsbedarf werden in der Studie den Alpha-Levels 1 bis 3 zugeordnet. Auf diesen Niveaustufen ist eine Lese- und Schreibkompetenz rein auf der Buchstaben-, Wort- bzw. Satzebene gegeben.

 

Buddeberg, K. & Grotlüschen, A. (2020). Literalität, digitale Praktiken und Grundkompetenzen. In A. Grotlüschen & K. Buddeberg (Hrsg.), LEO 2018. Leben mit geringer Literalität (S. 197-225). Bielefeld, Deutschland: wbv.

Creative Commons License Dieser Text ist unter CC BY 4.0 International lizenziert.
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