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Neue Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft

12.02.2016, Text: Wilfried Hackl, Online-Redaktion
Wie Erwachsenenbildung mit Zuwanderung und dem damit verbundenen Wandel umgeht, thematisieren AutorInnen aus Verbänden, Institutionen und Projekten jetzt in einer Serie von Artikeln. (Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft)
  • Frau vor Flüchtlingsboot_CC0 Bild: CC0 Public Domain via http://pixabay.com
    Bildung in der Migrationsgesellschaft geht nicht nur Flüchtlinge an
Wir kennen die Berichte: seit dem Vorjahr suchen mehr und mehr Menschen aus Krisenregionen dieser Welt Schutz und ein besseres Leben in Europa - auch in Österreich. Wie wir diese Situation erleben hängt davon ab, auf welchem Weg, mit welchen Erzählungen und mit welchen Worten sie uns vermittelt wurde - oder wir sie persönlich erfahren haben. Der mediale Kampf um die Deutungshoheit über das, was da vor sich geht, und das, was zu tun ist, ist Gegenstand der täglichen Berichterstattung. Die Sorge um das politische Klima treibt viele in der Erwachsenenbildung genauso um wie die ganz praktische Frage, welche Bildung, mit welchen Mitteln und für wen es jetzt braucht. 

 

Wie unterschiedliche Organisationen der Erwachsenenbildung und die in ihnen tätigen AkteurInnen die Situation und die Anforderungen an eine Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft erleben, wie sie diese gestalten und deuten, wird in den kommenden Monaten Gegenstand einer Serie von Artikeln auf erwachsenenbildung.at sein. Gemeinsam mit unserem Netzwerk an KorrespondentInnen und AutorInnen wollen wir sichtbar machen, wie die vielfältige österreichische Erwachsenenbildung darüber nachdenkt, wie sie die Bildungsangebote gestaltet und wohin sie sich im Lichte der akutellen Migrationsbewegungen entwickelt.

 

Beim Integrationskurs ist nicht Schluss

 

Deutungshoheit wiederzuerlangen, oder wenigstens alternative Deutungen anzubieten, ist augenblicklich das Ansinnen vieler ErwachsenenbildnerInnen. Längst ist klar geworden, dass sich Bildung nicht auf Integrationsmaßnahmen für die ankommenden und um Asyl ersuchenden Menschen beschränken kann, wie durch politisch verlangte Sprach- und Wertekurse. 

 

Die Fragen sind ungleich komplexer. Eine davon lautet: Wie schaffen wir neuen Zusammenhalt, Teilhabe und Raum für Unterschiedlichkeit in einer Gesellschaft, die Zuwanderung nicht nur akut erlebt sondern ihrer letztlich auch bedarf? "Angesichts der demografischen Entwicklung und zunehmend alternder Regionen sowie einem drohenden Fachkräftemangel wird es immer notwendiger, Migration als Chance zu begreifen" heißt es etwa in einem Manifest der KEBÖ (Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs), das diese vergangenen Herbst anlässlich der zunehmenden Migrationsbewegungen veröffentlicht hatte. Erwachsenbildung habe zur Bewältigung viel anzubieten, ist dem Manifest weiter zu entnehmen. 

 

Bildung als Hoffnungträgerin und Krisenfeuerwehr

 

Die Hoffnung, dass Bildung die Dinge besser macht, ist auf allen Seiten wahrnehmbar: auf Seiten der AsylwerberInnen, auf Seiten der Organisationen, die sich um Integration, Inklusion oder Partizipation (je nach Selbstverständnis) bemühen, und auch auf Seiten der Politik. Zunächst schienen es ganz stark zivilgesellschaftliche Selbstorganisationen zu sein, die unmittelbare Hilfe anboten und Ankommenden ohne unmittelbaren Zugang zu Bildung freiwillig ersten Sprachunterricht erteilten. Institutionen und Bürokratie brauchen längere Vorlaufzeiten, um Maßnahmen zu entwickeln. Manche Erstangebote entstammen bis jetzt dem außerdienstlichen Engagement von ErwachsenenbildnerInnen, die nicht zusehen wollten, wie ersehnte und notwendige Hilfe ausblieb.

 

Der Bund steuerte einen 50-Punkte Plan zur Integration bei, in dem zumindest zwölf Maßnahmenbereiche mit Erwachsenenlernen zu tun haben. Von Bildung zu sprechen, fällt angesichts der häufig damit verbundenen Auflagen (Stichwort: Integrationsvereinbarung) nicht immer gerade leicht. Da ist Erwachsenenbildung als mögliche Anbieterin von Maßnahmen in ihrem Selbstverständnis herausgefordert.

 

Was macht Erwachsenenbildung daraus?

 

Das BMBF/Erwachsenenbildung soll aus dem mit 75 Mio dotierten Sondertopf für Integrationsmaßnahmen Mittel zur Förderung von Basisbildungskursen für AsylwerberInnen zwischen 15 und 19 Jahren erhalten. Das sollte den weiteren Bildungs- und Arbeitsmarkzugang der Teilnehmenden erheblich erleichtern, ohne sie auf Jahre mit geringen Chancen auf ein Weiterkommen in der Untätigkeit zu belassen. Dass damit nur eine von vielen Bedarfslagen gedeckt werden kann, steht außerfrage.

 

Die aufbauende berufliche Qualifizierung oder auch die Beratung zur Anerkennung international erworbener Kompetenzen und Abschlüsse sind ein Feld, in dem Erwachsenenbildung ihre Stärken ausspielen kann: an den TeilnehmerInnen orientiert, wertschätzend und bestärkend, vermittelnd zwischen den Einzelnen und den Institutionen, und sensibel für diverse Bedürfnisse und Anforderungen. Zunehmend wohl auch als Instanz, die Bedürfnisse und Bedarfe sichtbar macht, die bislang nicht wahrgenommen wurden.

 

Alan Smith, ehemaliger Leiter des Referats für Erwachsenenbildung bei der Europäischen Kommission, wies im Rahmen einer Veranstaltung am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung vergangenen November auf ein unerwartetes Potenzial der aktuellen Situation hin: "So schrecklich das Schicksal vieler MigrantInnen ist, die jetzt nach Europa strömen: Die Integration der Flüchtlinge könnte eine Chance für die Allgemeine Erwachsenenbildung sein, die eigene Relevanz wieder in den Vordergrund zu stellen." 

 

Smith ist nicht der Einzige der über den Arbeitsmarktzugang und berufliche Weiterbildung hinausdenkt. Die Grazer Bildungsforscherin Annette Sprung verweist in einem Interview, das es demnächst auf erwachsenenbildung.at zu lesen geben wird, auf die Rolle einer politischen Erwachsenenbildung: "Es geht darum, den mit Migration verbundenen sozialen Wandel quer durch alle Bevölkerungsteile zu bearbeiten." Wenn wir den Wandel besser verstehen und anerkennen, werden wenigstens Angst, Hass und Gewalt eingedämmt, und im besten Fall Teilhabe gefördert - so lautet die Hoffnung.

 

Sprung und ihre KollegInnen sind es auch, die mit ihrer Forschung den Blick wieder geweitet haben: Menschen mit Migrationserfahrung nicht nur als Zielgruppe, sondern vielmehr als kompetente Ressource von Erwachsenenbildung zu begreifen. Nicht umsonst erhielten sie im Vorjahr den Staatspreis für Erwachsenenbildung für genau diese Arbeit. Zugewanderte und deren NachfahrInnen werden noch vielmehr gebraucht: als KursleiterInnen, als BeraterInnen, als Role Models und MultiplikatorInnen, als ForscherInnen und BildungsmanagerInnen. Bei Reinigungskräften und Haustechnikern in den Häusern der Erwachsenenbildung kann nicht Schluss sein.

 

Die Themen der Beiträge zur Serie

 

Was erwartet geneigte Leserinnen und Leser im Rahmen der Serie? Über 20 Artikel sind bereits jetzt angekündigt, unter anderem zu folgenden Dimensionen:

  • Auswirkungen von Migrationserfahrung auf den Kurskontext
  • Bildungsinformation, Bildungsberatung und Anerkennung
  • Situation von und Anforderungen an Lehrende
  • Lernmaterialien für MigrantInnen
  • Neue und erprobte Bildungsangebote
  • Politische Bildung über Flucht und Asyl
  • Schnittpunkte von Erwachsenenbildung, Community Education, Selbstorganisation und Zivilgesellschaftlichem Engagement mit/für MigrantInnen
  • Freiwilligenarbeit 
  • Mehrsprachigkeit

 

Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft

Integrationskurse und Spracherwerb mögen ein Anfang sein. Doch wenn es um den sozialen Wandel geht, der mit Zuwanderung verbunden ist, sind die Menschen mit Migrationserfahrung nur eine der Zielgruppen von Erwachsenenbildung. Die Anforderungen der Migrationsgesellschaft betreffen uns alle. Fragen nach Teilhabe, Verständigung und Zusammenleben stellen sich immer wieder neu. Wie Erwachsenenbildung diese Anforderungen beschreibt, reflektiert und deutet, und welche Angebote für Lernen und Bildung sie ihnen entgegen bringt, ist Gegenstand einer Serie von Artikeln auf erwachsenenbildung.at. Alle Beiträge in der Serie finden Sie hier.