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"Sind die Asylverfahren abgeschlossen, wird der Beratungsbedarf massiv"

27.01.2016, Text: Bianca Friesenbichler, Online-Redaktion
Die Bildungsinformation Burgenland erweitert ihren Fokus auf Flüchtlingsberatung. Koordinator Alfred Lang erzählt im Interview von den Hürden, die dieses Vorhaben begleiten. (Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft)
  • Foto: (C) Bildungsberatung Burgenland
    Workshop mit Flüchtlingen zum österr. Bildungssystem und Arbeitsmarkt
  • Foto: (C) Bildungsberatung Burgenland
Im Burgenland gibt es keine spezifischen Einrichtungen der MigrantInnen- und Flüchtlingsberatung. Viele Fragen erreichen daher die Bildungsinformation Burgenland, die sich gerne mehr den Flüchtlingen widmen würde. Anfang Dezember 2015 fand ein Pilotworkshop mit Flüchtlingen zum österreichischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt statt.

Red: Wie würden Sie die Situation in Bezug auf Flüchtlinge und Beratungsangebote für Flüchtlinge im Burgenland beschreiben?

Alfred Lang: Aufgrund seiner wirtschaftlichen Situation war Burgenland nie ein Zuzugsland für MigrantInnen. Das ist mit ein Grund, warum es im Bereich der Bildungsberatung und Berufsorientierung keine Anlaufstellen für diese Zielgruppe gibt. Mit der Flüchtlingsbewegung hat sich diese Ausgangslage geändert. Insgesamt sind derzeit ca. 2.300 AsylwerberInnen im Burgenland untergebracht. Der Bereich "Bildung" wird derzeit von den Deutschkursen dominiert, die überwiegend von Freiwilligen abgehalten werden.

 

Sie waren es auch, die mit der Bildungsinformation Burgenland Kontakt aufgenommen haben, weil sie von ihren "Schützlingen" zunehmend mit Fragen konfrontiert werden, welche Berufsperspektiven sie in Österreich haben, ob sie mit ihrer Ausbildung arbeiten dürfen oder wie sie eine abgebrochene Ausbildung oder ein Studium fortsetzen können. Daraufhin haben wir beschlossen, einen Beratungsschwerpunkt zu diesem Thema einzurichten.

Was würde es brauchen, um spezifische Beratung für Flüchtlinge anbieten zu können?

Wir bräuchten vor allem mehr BeraterInnen und solche mit zusätzlichen Kompetenzen. Im Unterschied zu Migration erfolgt Flucht unter chaotischen Bedingungen. Eine Folge ist, dass meistens die Dokumente fehlen, die Bildungsabschlüsse belegen und es aufgrund der Situation in den Herkunftsländern oft nicht möglich ist, diese nachzufordern. Hier dennoch Lösungen zu finden, die eine zufriedenstellende Berufsperspektive eröffnen, erfordert Kreativität und auch spezialisiertes Fachwissen, etwa über die diversen Anlaufstellen für die Anerkennung, Gleichhaltung oder Begutachtung von Schulzeugnissen, Universitätsdiplomen oder Berufsabschlüssen; auch das Wissen über Möglichkeiten für das Nachholen von Bildungsabschlüssen unter Berücksichtigung der ganz spezifischen Lebensumstände, mit denen Flüchtlinge zurechtkommen müssen. Eine Hürde in der Information und Beratung ist aber auch die Sprache.

Derzeit sind aber nur zwei Personen bei der Bildungsinformation Burgenland beschäftigt: eine qualifizierte Beraterin, die das Bildungstelefon betreut und eine weitere, die sich u.a. um Bildungsmarketing und Veranstaltungsorganisation kümmert. Es ist also ein massives Ressourcenproblem. Wir müssten das Bildungstelefon reduzieren, um stärker in die Flüchtlingsberatung gehen zu können. Daher versuchen wir aktuell unsere Aktivitäten mit der Bildungsberatung Burgenland (Red.: einer weiteren Einrichtung für Bildungsberatung im Burgenland) abzustimmen und für die zusätzlichen Aufgaben eine Ausweitung der Mittel zu bekommen.

Wie würde so ein Beratungsangebot aussehen?

Eine große Herausforderung ist die mangelnde Mobilität der Flüchtlinge. Die Menschen sind in größeren und kleineren Quartieren untergebracht, verstreut auf derzeit über 80 Gemeinden im gesamten Burgenland. Wie bei den Deutschkursen muss daher auch die Bildungsberatung vor Ort - und das heißt möglichst in den Quartieren selbst - angeboten werden, damit die Menschen überhaupt die Möglichkeit haben, diese in Anspruch zu nehmen.

 

Die Frage "Wie kommen die Menschen in die Beratung und in weiterer Folge zum Kursort?" stellt sich gar nicht, da das ohnehin geringe Taschengeld allein für die Bus- oder Zugfahrt aufgehen würde. Wir können also nicht in Eisenstadt am Bildungstelefon warten, bis jemand anruft. Wir müssten mobil arbeiten und in die Orte und Quartiere fahren, um die Flüchtlinge zu informieren und zu beraten. Aber dazu fehlen uns die Ressourcen.

Was ist momentan möglich?

Da wir die Beratungskapazitäten nicht haben, beschränken wir uns derzeit auf bewältigbare Zielgruppen. In einem Pilotworkshop Anfang Dezember 2015 richteten wir uns an zwei Gruppen von männlichen Asylwerbern: die eine bestand aus Universitätsabsolventen, meist mit Berufserfahrung, die andere aus über 18-Jährigen, die aufgrund ihrer Flucht die High School abbrechen mussten und gerne die Matura machen würden.

 

Bei der Organisation und Auswahl der Personen waren die freiwilligen Deutschlehrerinnen eine große Hilfe. Sie haben in diesem Fall auch die Flüchtlinge in ihren Privat-PKWs zu uns nach Eisenstadt gebracht, so wurde das Problem mangelnder Mobilität gelöst; das ist aber nur in Ausnahmefällen möglich. Als Kommunikationssprache haben wir Englisch verwendet, da die Deutschkenntnisse noch nicht ausreichend sind, was aber bei diesen beiden Gruppen aufgrund der besonderen Vorbildung kein Problem war.

Im Workshop haben wir einmal grundlegend das österreichische Bildungssystem und die Funktionsweise des Arbeitsmarktes vorgestellt, damit sich jeder mit seiner Ausbildung verorten kann. Danach haben die Teilnehmer ihren individuellen Bildungsweg und ihre berufliche Erfahrung auf Flipcharts festgehalten und anschließend präsentiert. Davon ausgehend haben wir dann in der Gruppe den weiteren Informations- und Beratungsbedarf festgelegt.

Demnächst wird es einen Folgeworkshop geben, bei dem es ganz spezifisch um Anerkennungsfragen geht. Dabei werden wir mit der Anlaufstelle für Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen in Wien/NÖ zusammenarbeiten. Es wird dabei auch die Möglichkeit zur Einzelberatung geben und zwar vor Ort im Flüchtlingsquartier in Nordburgenland, in dem die Teilnehmer wohnen.

Welche Herausforderungen sehen Sie nach diesem Workshop?

Den meisten Teilnehmern war nicht bewusst, dass sie in Österreich nicht bruchlos dort weitermachen können, wo sie in Syrien, im Irak oder in Afghanistan aufgehört haben. Beispielsweise kann ein Apotheker, ein Zahnarzt oder ein Lehrer nicht einfach seine Arbeit wieder aufnehmen, eine Praxis eröffnen oder zu unterrichten beginnen, da es sich hier um reglementierte Berufe handelt. Wenn man dann die Hürden aufzählt, die es bis zu einer Berufsanerkennung und Berufszulassung zu nehmen gibt, führt dies unweigerlich zu Frustrationen, die auch schnell in Resignation umschlagen können.

Anerkennungsverfahren setzen Dokumente voraus. Aber wie bereits gesagt: Wer hat schon Zertifikate im Original oder als beglaubigte Kopie bei seiner Flucht dabei? Oder einen Studienplan? Wie lässt sich so etwas auftreiben, wenn zum Teil nicht einmal mehr die Uni existiert, wie es in Aleppo, Syrien der Fall ist? Da muss auch noch einiges bei den gesetzlichen Grundlagen geändert werden, etwa, dass auch eingescannte Dokumente eine Gültigkeit haben.

 

Was sind Ihrer Meinung nach die zentralen Aufgaben von Bildungsberatung?


Eine ganz wesentliche Aufgabe der Bildungsberatung sehe ich darin, nicht nur auf schnellen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu setzen, sondern auch zum Beschreiten längerer Bildungswege zu ermutigen, zum Beispiel die Angebote des Zweiten Bildungsweges zu nutzen oder ein Studium weiterzuführen oder wiederaufzunehmen. Bei den "Kompetenzchecks" schwingt oft das Ziel einer möglichst raschen Arbeitsmarktintegration mit, und das war es dann. Die Bildungsberatung sollte aber darauf achten, dass dort, wo eine Basis da ist, mitgebrachte Qualifikation auch ausgebaut und erweitert werden können. Bildung braucht eben Zeit. Das ist aber leichter gesagt als getan; da stellt sich natürlich die Frage der Finanzierung des Lebensunterhaltes.

Auf jeden Fall ist damit zu rechnen, dass die Zahl der abgeschlossenen Asylverfahren im Laufe dieses Jahres steigen und damit die Beratungsanfragen massiv zunehmen werden. Die Bildungsberatung und die Bildungspolitik sollten sich jetzt schon darauf vorbereiten.

 

Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft

Integrationskurse und Spracherwerb mögen ein Anfang sein. Doch wenn es um den sozialen Wandel geht, der mit Zuwanderung verbunden ist, sind die Menschen mit Migrationserfahrung nur eine der Zielgruppen von Erwachsenenbildung. Die Anforderungen der Migrationsgesellschaft betreffen uns alle. Fragen nach Teilhabe, Verständigung und Zusammenleben stellen sich immer wieder neu. Wie Erwachsenenbildung diese Anforderungen beschreibt, reflektiert und deutet, und welche Angebote für Lernen und Bildung sie ihnen entgegen bringt, ist Gegenstand einer Serie von Artikeln auf erwachsenenbildung.at. Alle Beiträge in der Serie finden Sie hier.

Weitere Informationen:

 


  

Erstellung des Artikels gefördert aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und des Europäischen Sozialfonds.

 

CC BY ÖIBF/CONEDU, auf erwachsenenbildung.at 2016

Lizenziert unter CC BY http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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