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Gelebte Kulturvermittlung: BFI-Berufsbildungsprojekt ausgezeichnet

15.01.2016, Text: Michaela Schneider, BFI Österreich
Die EU-Kommission wählte jüngst das Projekt "Culture Pilots" des BFI Oberösterreich zur "Success Story". (Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft)
  • Foto: BFI Oberösterreich
    Stadtführungen mit interkulturellem Flair
  • Screenshot: BFI Österreich
    Die Erasmus+-Site weist die "Culture Pilots" als Erfolgsgeschichte aus
Europäisches Vorzeigeprojekt
Mit dem Titel "Success Story" bedenkt die Europäische Kommission Projekte, die durch ihre Wirkkraft, ihren Beitrag zu politischen Prozessen, innovative Ergebnisse oder kreative Ansätze
andere inspirieren können.

 

Stationen einer Erfolgsgeschichte
Die Anfänge der "Culture Pilots" reichen zurück ins Linzer Kulturhauptstadtjahr 2009. Für Linz09 entwickelte das BFI Oberösterreich ein interkulturelles Bildungs- und Integrationsprojekt, das Migrantinnen zu Kulturlotsinnen ausbildete. Noch im selben Jahr gab es die erste große Auszeichnung: den Österreichischen Staatspreis für Erwachsenenbildung, in der Kategorie Innovation.

 

Danach folgte der Know-how-Export nach Europa. Ein Innovationstransferprojekt im Rahmen des Programms für lebenslanges Lernen, genauer in der Berufsbildungsschiene Leonardo da Vinci, sorgte von 2011 bis 2013 dafür, dass das Konzept der Kulturlotsinnen auch in Italien, Frankreich, Spanien und Portugal Fuß fasste – mit Ausbildung und unkonventionellen Stadtführungen in Vicenza, Marseille, Barcelona und Lissabon. Schon damals konnten sich die "Culture Pilots" aufgrund des vorbildlichen Projektmanagements über Anerkennung aus Brüssel freuen: als offizielles Good-Practice-Projekt.

 

Projektsteckbrief
Migrantische Kulturlotsinnen bieten selbst zusammengestellte Stadtführungen an, die einen multikulturellen Einblick in ihren Alltag sowie Begegnungen mit Einheimischen und TouristInnen erlauben. Ein spezifisches Training bereitet die Frauen gezielt auf ihre Rolle als Kulturvermittlerinnen vor. Der persönliche Kontakt und Möglichkeiten des Austauschs sind dazu angetan, bei allen Mitwirkenden Verständnis und Toleranz zu fördern.

 

Neben einer Erwachsenenbildungseinrichtung – dem BFI Oberösterreich als Koordinator – waren NGOs, eine Vereinigung von Sozialzentren, eine Kultureinrichtung und ein Forschungszentrum am Projekt beteiligt.

 

Kompetenzen von Migrantinnen stärken
Die Ausbildung setzt bei den Kompetenzen an, die die Frauen bereits mitbringen, und baut sie weiter aus. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf Sozialkompetenzen wie Kommunikation, Konfliktfähigkeit, Toleranz und interkultureller Kompetenz. Außerdem sollen die angehenden Kulturlotsinnen ein Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten entwickeln oder dieses schärfen.

 

Damit nehmen Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu und es steigen auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. In den Kursen am BFI Oberösterreich ging man noch einen Schritt weiter: Um schon vorhandene Kompetenzen auch nachweisbar zu machen, erstellte jede Ausbildungsteilnehmerin eine Kompetenzbilanz, die das Zukunftszentrum Tirol zertifizierte.

 

Positive Erfahrungen mit interkultureller Biografiearbeit
Methoden der Biografiearbeit haben sich in der Ausbildung besonders bewährt. Vielfach konnte die Beschäftigung mit der eigenen Lebensgeschichte neue persönliche und berufliche Möglichkeiten aufzeigen. Speziell für die Bearbeitung von Herausforderungen, Brüchen und schwierigen Erinnerungen gab es ein – sehr gut genutztes – Zusatzangebot von Einzelcoachingstunden. "Die oft als schwierig und dequalifizierend empfundene Migration wird so in eine Ressource umgewandelt", weiß Marlies Auer, Projektmanagerin am BFI Oberösterreich. Dort will man Biografiearbeit nach der erfolgreichen Anwendung im Kulturlotsinnenprojekt künftig auch in anderen Kontexten einsetzen.

 

Gelebte Kulturvermittlung – auch abseits von Kulturhauptstädten
Nach Linz09 übernahm 2013 auch Marseille das Kulturlotsinnenkonzept von Empowerment und gelebter Kulturvermittlung. Die Einbindung in ein Kulturhauptstadtprogramm verschafft den Kulturlotsinnen eine breitere Öffentlichkeit und größere Bekanntheit, auch international. Daher wäre es wünschenswert, dass noch weitere Kulturhauptstädte dem Beispiel von Linz und Marseille folgen.

 

Mindestens genauso wichtig ist es freilich, dass sich Einblicke in verschiedene Lebenswelten und die Vielfalt in multikulturellen Stadtvierteln nicht nur auf Großevents beschränken. Auch das hat das europäische Erfolgsprojekt gezeigt. Für den sozialen Zusammenhalt sind niederschwellige interkulturelle Angebote wie die Kulturlotsinnen ein Gewinn. Bleibt zu hoffen, dass sie sich an möglichst vielen Orten etablieren.

 

Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft

Integrationskurse und Spracherwerb mögen ein Anfang sein. Doch wenn es um den sozialen Wandel geht, der mit Zuwanderung verbunden ist, sind die Menschen mit Migrationserfahrung nur eine der Zielgruppen von Erwachsenenbildung. Die Anforderungen der Migrationsgesellschaft betreffen uns alle. Fragen nach Teilhabe, Verständigung und Zusammenleben stellen sich immer wieder neu. Wie Erwachsenenbildung diese Anforderungen beschreibt, reflektiert und deutet, und welche Angebote für Lernen und Bildung sie ihnen entgegen bringt, ist Gegenstand einer Serie von Artikeln auf erwachsenenbildung.at. Alle Beiträge in der Serie finden Sie hier.

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