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"Damit Erwachsenenbildung nicht im luftleeren Raum mäandert"

17.07.2015, Text: Sabine Schnepfleitner, Online-Redaktion
Professorin Elke Gruber im Interview über Zukunftsfragen der Erwachsenenbildung, den Wechsel an die Uni Graz und ihre Forschungsprioritäten.
  • Foto: Arbeiterkammer Vorarlberg
    Elke Gruber hat seit dem Vorjahr die Professur in Graz inne
Im November 2014 übernahm Elke Gruber die Professur für Erwachsenenbildung/Weiterbildung und die Leitung des damit verbundenen Arbeitsbereichs an der Universität Graz. Als ehemals Quereinsteigerin in die Bildungswissenschaft konnte sie sich über Umwege und räumliche Grenzen hinweg für die österreichische Erwachsenenbildung begeistern. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gestaltet sie nun Theorie und Praxis dazu aktiv mit. In einem für EPALE geführten Interview erzählt die Bildungsexpertin, was die Faszination Erwachsenenbildung und Universität ausgelöst hat, wie sie als Professorin von Klagenfurt zurück nach Graz kam und was das Gute und was das Herausfordernde an der  Wissenschaft der Erwachsenenbildung zukünftig sein wird.


Redaktion: Anfang der 1980er Jahre haben Sie als Forschungsassistentin der Medizinpädagogik an der Humboldt-Universität in Berlin Ihren Lebensmittelpunkt nach Österreich verlegt. Was war die Faszination für Sie in diesem Zweig zu bleiben und sich wissenschaftlich auf das Thema der Erwachsenenbildung zu konzentrieren?

Elke Gruber: Es hat mich in Berlin bereits generell der Uni-Betrieb fasziniert, die Freiräume, die man hat, das eigenständige Denken. Bis heute ist es ein Konglomerat aus Neugier, den Dingen auf den Grund zu gehen und das auch weiterzugeben. 1985/86 hat Professor Lenz in Graz den Lehrstuhl für Erwachsenenbildung aufgebaut. Es gab damals einen Aufbruch, einen regelrechten Boom in der Erwachsenenbildung. Und wie das oft bei Pionieren ist, man kommt dann in einen Sog. Die Erwachsenenbildung hat mich interessiert, vor allem, weil das in Österreich ein noch wissenschaftlich weitgehend unbehandeltes Feld war. Es war unglaublich viel möglich. Auch heute wird die Erwachsenenbildung oft als ein sehr indifferentes Feld bezeichnet. Das kann man eben auch positiv sehen - man kann durch diese Offenheit sehr viel machen.

Nach  der Habilitation und ihrer Forschungstätigkeit in Graz sind Sie an die Universität Klagenfurt gewechselt, wo Sie den Lehrstuhl für Erwachsenen- und Berufsbildung innehatten. Was waren die Herausforderungen und was haben Sie erreicht?

Der Lehrstuhl wurde neu geschaffen und es waren vor allem drei Dinge notwendig: der Aufbau des Forschungsschwerpunktes, die Entwicklung eines Masterstudienganges Erwachsenen- und Berufsbildung und als dritten Punkt die Vernetzung. Es musste eigentlich alles aufgebaut werden, was mit dem Studiengang in Zusammenhang war, das Ganze brauchte erst einmal ein Profil. Unterstützt hat mich dabei meine zu Beginn einzige Assistentin über die vielen Jahre, Dr.in Monika Kastner, der ich dafür sehr verbunden bin.

In diese Zeit sind auch meine wesentlichen Projekte gefallen: Die wissenschaftliche Begleitung der Weiterbildungsakademie, die Entwicklung von Ö-Cert gemeinsam mit Peter Schlögl  sowie die Studien zur Angebotsstruktur der Erwachsenenbildung in der Steiermark (PERLS) und Tirol (MAP EB Tirol).

Ihr privater Lebensmittelpunkt war auch während ihrer Zeit in Klagenfurt bereits in Graz.  Was war ausschlaggebend auch den beruflichen Fokus nach Graz zu verlegen?

Die Professur in Graz ist der zentrale Lehrstuhl zur Erwachsenen- und Weiterbildung in Österreich. Ich fange hier nicht wieder von vorne an, sondern es gibt einen etablierten Lehrstuhl, ausgestattet mit guten Mitarbeiterinnen, der von Professor Lenz über viele Jahre aufgebaut wurde. Ich möchte damit meine Karriere krönen. Und natürlich, es ist schon auch die Stadt Graz, das will ich nicht verhehlen, und dass ich meinen  Mann nun öfter sehe.  Aber die Zeit in Klagenfurt möchte ich nicht missen.

Was werden die Forschungsthemen bzw. -fragen sein, die Sie in Graz beschäftigen?

Bereits in den letzten Jahren haben sich für mich schon drei wichtige Themen herauskristallisiert. Dazu gehört: Organisation und Steuerung von Erwachsenenbildung/Weiterbildung in einem nationalen und internationalen Diskurs im Rahmen des Lebenslangen Lernens. Auch die Qualität hat sich bislang stark an organisationalen Strukturen orientiert, die müsste allerdings viel stärker in den pädagogischen Diskurs gehoben werden. Dann die Frage nach Profession und Professionalität und als dritte Frage das Lehren und Lernen von Erwachsenen in unterschiedlichen Settings, wo auch Diversität eine wichtige Rolle spielt.

Wir sind in unserem Arbeitsbereich gerade dabei unser Profil zu entwickeln. Unsere Forscherinnen beschäftigen sich aktuell intensiv mit Migrationsgesellschaft und Weiterbildung, mit kritischen Aspekten, Bildungswiderstand und Diskursanalyse oder auch  dem Methodendiskurs. Im Sinne des Profilbildungsprozesses wollen wir führend in Forschung und Lehre für die Erwachsenenbildung/Weiterbildung im mitteleuropäischen Raum sein, mit regionaler, nationaler und internationaler Orientierung.

Stichwort Zukunftsfrage. Mit welchen Fragen wird sich die Szene der Erwachsenenbildung in Zukunft auseinandersetzen?

Das ist sehr komplex. Zum Beispiel die alternde Gesellschaft - zum ersten Mal in der Geschichte werden Menschen so alt und so gesund alt. Damit gibt sich unter anderem eine neue Zielgruppe. Auch Übergänge und Schnittstellen werfen interessante Fragen auf. Übergänge, die es immer stärker gibt: in der Arbeitswelt, zwischen Familie und Beruf, zwischen jung ins Berufsleben einsteigen und aussteigen. Und diese Schnittstellen auch noch mit unterschiedlichen Zielgruppen kombiniert, zum Beispiel, wenn ich jetzt Migrant oder Migrantin bin, wie steige ich ins Berufsleben oder überhaupt in die Gesellschaft in Österreich ein?

 

Gleichzeitig sind auch die neuen sozialen Bewegungen eine interessante Frage, in den 1970ern als Gemeinwesenarbeit bekannt. Oder,  welche Formen des informellen Lernens sich entwickeln? Welche  Kombinationen wird es aus non-formalen und formalen Lernen geben? Welche Anerkennungen dafür gibt es? Welche neuen Strukturen und Lernformen bilden sich heraus? 

 

Vor einigen Jahren noch hätte ich auf die Frage zu den zukünftigen Herausforderungen der Erwachsenenbildung ganz klar 10 Punkte anführen können, aber im Moment ist das schwierig zu definieren.

Die Erwachsenenbildung scheint sich so unmittelbar mit den gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen auseinanderzusetzen wie kaum eine andere wissenschaftliche Disziplin.  Ist das der Grund für die Ungewissheit in ihrer Entwicklung?

Ja, und gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass bei all dem Ausfransen und Mäandern  so etwas wie ein Kern bleibt. Ich sage immer gerne, das ganze Feld ist amöbenartig. Trotzdem muss man aufpassen, dass es nach wie vor  institutionelle Strukturen  geben muss . Ich denke da an Bildungshäuser, Volkshochschulen, berufliche Weiterbildungseinrichtungen oder auch Vereine, die eine längere Lebensdauer haben. Die öffentliche Förderung ist ganz wichtig. Damit wird die Sicherheit aufrechterhalten, die notwendig ist, damit Menschen noch Visionen entwickeln können und die Erwachsenenbildung nicht im luftleeren Raum dahinmäandert.



Aufgewachsen in der ehemaligen DDR hat Univ.-Prof.in Dr.in Elke Gruber nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester die Abendschule besucht, um an der Volkshochschule in Zwickau das Abitur nachzuholen. Das war der Eintrittsschein für das Studium der Medizinpädagogik an der Humboldt-Universität in Berlin und die anschließende Stelle als Forschungsassistentin. Aufgrund ihrer Heirat ist sie nach Österreich gekommen, ein Karriereknick, da ihr Studium vorerst nicht anerkannt wurde. Erst durch die persönliche Unterstützung von Professoren an der Uni Graz konnte Sie hier wieder im Forschungsbereich anknüpfen.