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Raum für Stärken und Engagement öffnen – das Projekt CORE

18.06.2018, Text: Lucia Paar, Online-Redaktion
Das Projekt "CORE – Integration im Zentrum" unterstützt AsylwerberInnen in Wien dabei, ihre Kompetenzen zu erkennen und zu nutzen.
  • Foto: CC0 Public Domain, https://pixabay.com
    "Die Menschen sollen die Zeit des Wartens sinnvoll nutzen können und ihre Kompetenzen einsetzen können"
2017 wurden in Österreich laut Bundesministerium für Inneres 24.735 Asylanträge gestellt, 41,50% weniger als im Vorjahr. Die meisten AsylwerberInnen kamen aus Syrien (7.356), erst weit danach folgten Personen aus Afghanistan (3.781) und Pakistan (1.574). Die Anträge werden weniger, die Auswirkungen der großen Bewegungen seit 2015 zeichnen sich aber in der Erwachsenenbildung heute deutlich ab: "Neue Methoden, Kursformate, Online-Dienste und Apps sind in großer Zahl und in sehr kurzer Zeit entstanden. Kurszusammensetzungen änderten sich, Lernziele mussten lernerInnenzentriert neu ausgerichtet und Unterrichtsmethoden auf 'neue' Erstsprachen adaptiert werden", berichtet die Basisbildnerin Julia Schindler als Beispiel aus dem Bereich Deutsch als Zweitsprache. Gerade in der Basisbildung sind aber auch noch andere Veränderungen spürbar, wie z.B. höhere TeilnehmerInnenzahlen bei Angeboten der Erwachsenenbildung. "Glücklicherweise! Denn das bedeutet, dass Integration in adäquate Angebote gelungen ist", so Silvia Göhring (ISOP). Außerdem sei das Bildungs- und Beteiligungsinteresse von Flüchtlingen sehr hoch: "Sie brauchen aber ausgehend von ihren Fluchterfahrungen und dem Leben zuvor ausreichend Zeit, Angebot und eine kompetente Bildungslandschaft, um auch 'anschlussfähig' in dieser Gesellschaft ankommen zu können."

 

Eines solcher Angebote ist das Wiener Projekt "CORE – Integration im Zentrum". Es unterstützt die Menschen, die neu in Wien ankommen sind, mit umfassenden Maßnahmen – auch im Bildungsbereich.

 

Workshops machen Kompetenzen sichtbar

Eine zentrale Maßnahme des Fonds Soziales Wien (FSW, Projektpartner bei CORE) sind Kompetenzworkshops für Geflüchtete. Diese sollen AsylwerberInnen dabei unterstützen, eigene Stärken und Fähigkeiten zu erkennen und mögliche berufliche Wege zu entdecken. "Oftmals können die Personen ihre Erfahrungen und Kompetenzen zwar gut artikulieren, aber es gibt auch Personen, denen das nicht so leichtfällt", erzählt Nina Andresen, Projektleiterin beim FSW für CORE: "Das sind zum Beispiel oft Personen, die keine formalen Bildungsabschlüsse haben. Wenn man sie fragt, was sie für Fähigkeiten haben, tun sie sich schwer, weil sie nichts Offizielles vorweisen können. Da geht es darum, heraus zu kitzeln, welche Erfahrungen sie in ihrer beruflichen Tätigkeit, aber auch im privaten Umfeld gesammelt haben".

 

Darüber hinaus sollen die Workshops auch Raum für Menschen bieten, die gut ausgebildet sind, deren Ausbildung aber in Österreich nicht anerkannt wird. "Bei Rechtsanwälten aus Syrien zum Beispiel - Sie haben zwar einen Hochschulabschluss, können aber in Österreich nicht als Rechtsanwalt arbeiten, außer sie studieren noch einmal," so Andresen. Das würden aber eher die Jüngeren machen. "Also geht es darum zu schauen, welche verwandten Berufe es gibt, wo der Weg dahin nicht so lang ist."

 

Gerade für Jugendliche und junge Erwachsenen können diese Workshops aber auch als Berufsorientierung fungieren, um herauszufinden, wohin sie sich entwickeln könnten. "Die Workshops sind als Anleitung zur Selbstreflexion gedacht, dass sich die Leute bewusst die Frage stellen, was die eigenen Stärken und Schwächen sind und was man daraus für die eigene Zukunft in Österreich ableiten kann." Die ersten Workshops sind bereits für diesen Sommer geplant, verrät Nina Andresen.

 

Datenbank zur Kompetenzerfassung ab Sommer 2018

Als weitere Maßnahme entwickeln der FSW und die Wiener Bildungsdrehscheibe eine Datenbank zur Kompetenzerfassung. AsylwerberInnen, die sich in Wien aufhalten, sollen eingeladen werden, ihre Kompetenzen in dieser Datenbank festzuhalten. Das soll dabei helfen, dass AsylwerberInnen schnell aktiv werden können. "Damit das möglichst zielführend passieren kann, müssen wir wissen, mit welchen Vorerfahrungen die Personen kommen, mit welchen Kompetenzen, um dann auch einen Bedarf ableiten zu können", so die Projektleiterin. Das mache es möglich, sowohl passende Deutschkurse, gemeinnützige Tätigkeiten oder Bildungsmaßnahmen zu vermitteln. "Wenn wir wissen, dass es Plätze in einem Pflichtschulabschluss-Kurs gibt, dann hilft es, wenn man einfach in einer Datenbank suchen kann, für welche Person das in Frage kommen würde." Außerdem sei geplant, dass die Datenbank immer weiterentwickelt werde, weil es noch weitere Felder gebe, für die man die Datenbank nutzen könnte, verrät Andresen. Die Datenbank befindet sich gerade in Testung. Die beiden Organisationen wollen sie aber schon im Laufe des Sommers einsetzen.

 

Geflüchtete LehrerInnen unterrichten an österreichischen Schulen

Eine andere Initiative im Rahmen des Projekts hat das Europa Büro des Stadtschulrats für Wien eingeführt - ein Schulungs- und Unterstützungsprogramm für geflüchtete LehrerInnen. In dessen Rahmen können AsylwerberInnen mit pädagogischen Vorerfahrungen z.B. gemeinnützig bei Exkursionen in Wiener Schulen mitwirken oder bei der Elternarbeit unterstützen. Darüber hinaus können asylberechtigte LehrerInnen an einem Zertifikatskurs - durchgeführt in Kooperation mit der Universität Wien - teilnehmen. Mit Abschluss des Kurses können sich die TeilnehmerInnen beim Stadtschulrat bewerben, um über Sonderverträge an österreichischen Schulen unterrichten zu können.

 

Ulrike Doppler-Ebner, Pflichtschulinspektorin für Wien-Floridsdorf, erzählt im Interview mit dem Standard, dass es gute Chancen für eine Beschäftigung der TeilnehmerInnen gebe, da viele in den sogenannten gefragten MINT-Fächern ausgebildet seien. 23 TeilnehmerInnen besuchen den Kurs zur Zeit.

 

Selbststärkung unterstützen – die Vision hinter dem Projekt

Eine wesentliche Erfahrung sei, dass viele Personen Kompetenzen mitbringen und diese auch nutzen wollen, so Andresen. "Das merken wir in unterschiedlichen Bereichen. Da gibt es Fotografen, die Fotografie-Kenntnisse weitergeben oder Personen, die ihre Kochkenntnisse weitergeben wollen. Sie wollen etwas zurückgeben, etwas Sinnvolles tun, solange sie noch keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben." Andresen nennt als Beispiel einen Afghanen, der nun selbst ehrenamtlich Kompetenzworkshops anbietet: "Er meinte, er hat gemerkt, dass sich viele geflüchtete Menschen hauptsächlich als Geflüchtete wahrnehmen. Und die müssten erkennen, dass sie die vielen Fähigkeiten und Kompetenzen nicht auf der Flucht verloren haben." Diese Selbststärkung weiterhin und noch besser zu unterstützen, sei auch die Vision für den weiteren Verlauf des Projekts, bekräftigt Andresen: "Die Menschen sollen die Zeit des Wartens sinnvoll nutzen können und ihre Kompetenzen einsetzen können".

 

Informationen für AsylwerberInnen in Wien - Die Website refugee.at

Der FSW hat auch die Website www.refugees.wien ins Leben gerufen. Sie soll Anlaufstelle für geflüchtete Menschen in Wien sein. Die Website gibt Informationen zum Leben in Wien und gibt Auskunft über die Angebote rund um das CORE Projekt. Ein Veranstaltungskalender informiert über aktuelle Workshops, Trainings und Informationsveranstaltungen für Geflüchtete und Freiwillige in der Integrationsarbeit. Außerdem findet man einen Überblick über freiwillige Initiativen, die sich für geflüchtete Menschen in der Stadt einsetzen. Die Plattform steht in den Sprachen Deutsch, Englisch, Arabisch und Farsi zur Verfügung.

 

Das Projekt CORE

"CORE – Integration im Zentrum" ist ein Gemeinschaftsprojekt von Magistratsabteilung 17 – Integration und Diversität, Fonds Soziales Wien, waff – Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds, Wirtschaftsagentur Wien und Stadtschulrat für Wien/Europabüro.

 

Das Projekt CORE will geflüchteten Menschen in Wien die Ankunft in der neuen Stadt erleichtern und den Integrationsprozess beschleunigen. Das Projekt wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung im Rahmen der Urban Innovative Actions Initiative und durch Eigenmittel der Projektpartner finanziert. Das Projekt läuft von 1. November 2016 bis 31. Oktober 2019.

Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa