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Fantastische Lern-Apps und wo sie zu finden sind

18.12.2017, Text: Julia Schindler, Redaktion: Angelika Hrubesch, Projektnetzwerk MIKA
Seit 2016 forschen und testen im Netzwerk MIKA die Einrichtungen Frauen aus allen Ländern, DANAIDA, Frauenservice, B!LL und das kollektiv Smartphone-Einsatz und Apps für die Basisbildung, mit dem Ziel, eine solide Wissensbasis aufzubauen. (Serie: Digitale Erwachsenenbildung)
  • Foto: CC BY, Julia Schindler, auf erwachsenenbildung.at
    Apps für Basisbildung
Klar, sagt Marina aus dem Alphakurs 2, hat sie ihr Smartphone dabei. Ob ich Fotos von ihrem Sohn sehen will? Eigentlich will ich wissen, ob Marina und ihre Kollegin aus dem Kurs ihre Smartphones auch zum Lernen nutzen, und ob sie Lern-Apps darauf installiert haben - aber an den Fotos führt kein Weg vorbei. In dem langen Gespräch über ihre Gewohnheiten am Handy finde ich heraus: wenn Marina im Kurs mit ihrem Handy hantiert, nutzt sie meist google translate. Sie führt mir vor, wie sie sich Wörter vorsprechen lässt, wenn sie sie nicht lesen kann. Auch Marinas Kollegin möchte mir etwas zeigen: sie hat von einer hilfreichen Nachbarin eine App zum Lernen deutscher Artikel installiert bekommen, leider können beide Frauen die Texte nicht lesen; auch nicht die täglichen Benachrichtigungen und Werbebotschaften der App. Ob sie das nicht wieder löschen möchte? Sie halten mir das Handy hin: "Ja, löschen. Julia, bitte zeig, wie das geht."

 

Erster Schritt: Bestandsaufnahme.

Marina und ihre Kollegin sind zwei InterviewpartnerInnen, die in verschiedenen Einrichtungen befragt wurden, um herauszufinden, wie und ob TeilnehmerInnen in Basisbildungkursen digitale Geräte sowohl privat als auch zur Lernunterstützung nutzen (siehe Netzwerk MIKA). Fazit: Smartphones sind fast durchgängig die Geräte der Wahl, mit dem PC, Laptop und dem Tablet wird weit weniger oft gearbeitet. Aber obwohl die TeilnehmerInnen der Befragung angaben, ihr Smartphone gerne und viel zu nutzen, hatten bisher nur wenige das Handy im Kurskontext oder als Lernhilfe verwendet. Das Interesse daran, das Gerät als Lernunterstützung zu nutzen, war aber sehr groß: bereits in den Interviewsettings wurden wir gebeten, Lern-Apps zu installieren und die Bedienung zu erklären.

 

Zweiter Schritt: Zeigen, wie's geht.

Am Ende waren es nicht die Interviews an sich, sondern die kleinen Gesprächen am Rande, aus denen sich das Konzept der Smartphone-Sprechstunden und Smartphone – Werkstätten entwickelte: interessierte TeilnehmerInnen konnten sich über Möglichkeiten des Lernens mit dem Handy informieren (und wir sammelten Erfahrungen, wie diese Möglichkeiten ankommen und welche Probleme auftreten). Denn, so der Gedanke, ist es nicht im Sinne des ressourcenorientierten und teilnehmerinnenzentrierten Unterrichts, das Gerät, das so viele KursteilnehmerInnen interessiert und das so gut beherrscht wird, in Methodik und Didaktik zu integrieren?

 

Nun ist es mit etwas methodisch-didaktischer Vorerfahrung in der Basisbildung keine Hexerei, Anwendungsszenarien und Lernsequenzen für nicht didaktisierte Software zu erstellen: arbeiten mit Kamera und Recorder oder Übersetzungswerkzeugen, Suchfunktion und Taschenrechner. Die Auswahl didaktisierter Lern-Apps für die Basisbildung hingegen erweist sich als schwieriger und frustrierender Prozess.

 

Dritter Schritt: ins Leere.

Obwohl Lernsoftware für Smartphones aktuell ein wachsender Markt ist, wird für die Basisbildung praktisch nichts entwickelt. Die Gründe dafür sind vielfältiger, vielleicht ökonomischer, vielleicht politischer Natur, bedingen aber jedenfalls, dass sich die Basisbildung mit "Leihgaben" aus anderen Bereichen behelfen muss. Für uns bedeutete das Lern-Apps zu Themen der Basisbildung sichten und testen, die plattformübergreifend, werbe- und datenkrakenfrei sein und uns zielgruppengerecht erscheinen mussten. In Frage kamen dann fast ausschließlich Deutschlern-Apps – und zwar solche, die sich dezidiert an Flüchtlinge richten und in einem kurzen Zeitfenster im Jahr 2016 veröffentlicht worden waren. Diese erwiesen sich als tatsächlich niederschwellig, werbefrei und inhaltlich einigermaßen brauchbar – allerdings ausschließlich für das Lernfeld Deutsch als Zweitsprache auf einem sehr eingeschränkten Sprachniveau. Außerdem sind auch in diesen Apps die Übungsformen größtenteils schriftbasiert. Dass die Smartphone-Werkstätten und -Sprechstunden so gute Rückmeldungen bekamen, lag dann wohl weniger an der umwerfenden Auswahl an Lern-Apps als an dem grundsätzlich großen Interesse am Lernen mit dem Smartphone.

 

Und wohin jetzt?

Klar ist, dass der Basisbildung bezüglich Lern-Apps derzeit noch Wissens- und Erfahrungsbasis fehlt - sowohl zu aktuellen Anwendungen als auch dazu, wie eine sinnvolle App für die Basisbildung aussehen könnte. Zwar existieren einzelne App-Sammlungen und Erfahrungesberichte, allerdings ohne systematischen Ansatz und ohne Bezug auf grundlegene Prinzipien und methodisch-didaktische Anforderungen der Basisbildung.

 

Wie auch in anderen Bereichen haben die Reaktionen auf die Flüchtlingsbewegung der letzen Jahre bei den Lern-Apps Entwicklungen angestoßen, die andernfalls noch jahrelang vor sich hin gedümpelt hätten: einige Übungsformen der Deutschlern-Apps für Flüchtlinge finden richtig viel Anklang bei den KursteilnehmerInnen, etwa jene nicht-schriftbasierten, wo Wörter nachgesprochen werden können oder wo mit eigenen Bildern gearbeitet wird. Erfahrungen mit diesen Übungsformen können nun Ausgangspunkt für einen aktiveren Part der Basisbildung im Bereich Lernsoftware sein. Da es in den letzten Jahren durch die breite Verfügbarkeit von Java-Baukästen viel einfacher geworden ist, Apps selbst zu erstellen, führt der nächste Schritt konsequenterweise weg von der ermüdenden Schnitzeljagd in App-Stores hin zu einer eigenständigen Entwicklung von Lernsoftware für die Basisbildung. Weil's Sinn macht - und geht.

 

 Keine fantastischen, aber getestet brauchbare Apps:

 

Serie: Digitale Technologien und Ressourcen für die Erwachsenenbildung

In einer Serie von praxisnahen Beiträgen berichtet erwachsenenbildung.at über digitale Möglichkeiten für das Lernen und Lehren von und mit Erwachsenen. Damit sind bislang nicht ausgenützte Chancen verbunden, was Öffnung, Kommunikation und Austausch, aber auch Arbeitserleichterung und Effizienz betrifft. Die Serie soll dazu ermutigen, die technischen Möglichkeiten zu erproben und sich diese letztlich (individuell und als Bildungssektor) zu eigen zu machen. Alle bisher erschienenen Beiträge der Serie finden Sie hier.

 

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