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Rückblick: KEBÖ-Jahrestagung 2017

02.10.2017, Text: Birgit Aschemann, Online-Redaktion
Wie die österreichische Erwachsenenbildung die digitale Welle reitet. (Serie: Digitale Erwachsenenbildung)
  • Foto: Alle Rechte vorbehalten, KEBÖ/APA-Fotoservice/Hörmandinger, https://www.apa-fotoservice.at/galerie/9799
    KEBÖ-Vorsitzende Alice Fleischer sieht Digitalisierung als Chance für gesellschaftliche Teilhabe
  • Alle Rechte vorbehalten, KEBÖ/APA-Fotoservice/Hörmandinger, https://www.apa-fotoservice.at/galerie/9799
    Die KEBÖ-Jahrestagung 2017: eine gelungene Kombination aus digital und analog
Am 27.9. 2017 fand in der WKO Skylounge die KEBÖ-Konferenz 2017 zum Thema Digitalisierung statt. Gerahmt von Begrüßungsworten führte die aktuelle KEBÖ-Vorsitzende Alice Fleischer rasch zu den zentralen Fragen: „Wo und wie kann und soll die Erwachsenenbildung in die digitale Transformation eingreifen?", und „Wie kann eine gemeinsame, zentrale Strategie der KEBÖ zur gelingenden Digitalisierung in der Erwachsenenbildung aussehen?"

 

Digitalisierung: Teil der Lösung, nicht Problem

„Der digitale Tsunami kommt - aber man kann die Welle reiten" - so die Kernbotschaft der Keynote von Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung im Bereiche Bildung und Integration. Dementsprechend widmete er sich der Frage nach dem „passenden Surfboard": was brauchen wir zum Reiten der Welle, und wie trägt die Digitalisierung zur Lösung anstehender Probleme bei?

 

Herausforderungen wie der wachsende Bildungshunger bei stagnierender Weiterbildungsbeteiligung, die zunehmenden Heterogenität von Regionen und in Lerngruppen ließen die Digitalisierung leicht als Zusatzbelastung erscheinen, so Dräger. Tatsächlich halte sie aber Lösungen bereit. „Wenn wir viel Wissensvermittlung ins Digitale auslagern, bleibt uns mehr Zeit für das Wesentliche: das Soziale und die Lernenden."

 

Highlights, die längst Alltag sind

Dräger führte einige Beispiele an, wie Digitalisierung das Lernen revolutioniert. Skalierbare offene Kurse erlauben eine „Massifizierung" der Hochschulbildung, sodass allen Begabten ungeahnte Chancen offenstehen: „die nächste Einstein lebt vielleicht in einem kleinen Dorf in Afrika". Gamification motiviert zum Erfolg, da wir länger (und damit mehr) lernen, wenn wir es beim Spielen tun. Und Personendaten sind der Schlüssel zu noch mehr Möglichkeiten: Algorithmen erlauben es, für viele Lernende individuelle Lernpläne auf Basis der Lernergebnisse vorm Vortag zusammenzustellen. Andere Algorithmen können die Bildungswege benennen, mit denen ein Individuum die größte Chance auf einen Abschluss hat. Und mit manchen Computerspielen kann man in 20 Minuten den beruflichen Erfolg besser prognostizieren als mit jedem Abschlusszeugnis.

 

Beispiele wie die letztgenannten – von Dräger in griffige Stories verpackt – sind es auch, welche die Angst vor Datenmissbrauch schüren. So zeigten auch Diskussionen auf der Tagung: Datenschutz ist prioritär.

 

Die Surfbretter der KEBÖ

Dass das erfolgreiche Surfen längst begonnen hat, zeigte KEBÖ-Vorsitzende Fleischer im Interview mit einer beeindruckenden Leistungsschau der KEBÖ-Verbände zur Stärkung der digitalen Kompetenzen. Auch ohne Big Data geschieht bereits vieles, um IT-Kompetenzen und Medienkompetenz zu fördern, Erwachsenen durch einschlägige Weiterbildungsangebote zu unterstützen und mobiles Lernen zu ermöglichen. Dass die eigentliche Transformation damit erst eingeleitet wurde, schien allerdings Konsens unter den Anwesenden zu sein.

 

Good Practice aus dem Bankensektor

Griffige Praxisbeispiele präsentierte auch Stefan Teufl, Leiter der UniCredit Academy und Vice President Learning & Development der Bank Austria. Hier werden digitale LerntrainerInnen aus der eigenen Belegschaft ausgebildet, und wer mag, nutzt ein selbstentwickeltes preisgekröntes Lernspiel. Kleine „Lern-Nuggets" werden mit Face-to-Face-Elementen zu längeren Lernstrecken kombiniert. Führungskräfte können mit Avataren in einem virtuellen Raum für Neuentwicklungen zusammenarbeiten. Ein „Inverse-Mentoring-Angebot" dreht die übliche Altersstruktur im Mentoring um und nutzt das Knowhow von "Digital Natives". Lernvideos machen Weiterbildungen skalierbar, und Videoclips mit Praxisbeispielen werden mitunter als Ersatz für Einschulungsseminare verwendet.

 

Wie soll es für die KEBÖ weitergehen?

Eine „Verheiratung von digitalen Tools mit Menschen" sei ein Ziel, so Fleischer. Das Credo dabei sei klar: „Wir sehen und nutzen die Digitalisierung für ein chancengerechtes Bildungssystem und für die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe der Menschen. Wir verringern die digitale Kluft in allen sozialen Schichten."

 

Ganz praktisch gesehen, sollten die KEBÖ-Verbände und -einrichtungen Wissen und Erfahrungen zur Digitalisierung austauschen und eine koordinierte Strategie erarbeiten - so lautete der Tenor in der nachmittäglichen Fishbowl-Diskussion.

 

Konkrete Ideen dazu gab es auch schon: ein Repositorium als Informationsplattform und eine Abfolge von Webinaren und Face-to-Face-Meetings könne den Austausch unterstützen; auch ein virtuelles Methodencamp fiel als Idee. Niemand sollte bei Null beginnen müssen, wenn KollegInnen anderswo bereits Erfahrungen oder Ressourcen haben, darin waren sich die DiskussionsteilnehmerInnen einig.

 

Priorität ist die Weiterbildung Lehrender

Nach vielen Inputs wurde in der Runde abgestimmt: Welche Themen haben Priorität, wenn es um eine digitale Strategie für die Erwachsenenbildung geht? Vielleicht überraschend, jedenfalls verständlich: für 73 % ist das die Weiterbildung der Lehrenden und MultiplikatorInnen – ohne die jede Umsetzung scheitern würde. Der EBmooc 2018 (ein großer offener Onlinekurs zum Thema „Digitale Werkzeuge für ErwachsenenbildnerInnen") ist eine erste Antwort auf diese Priorität und steht ab Oktober zur Anmeldung bereit.

 

Weniger als die Hälfte der Teilnehmenden favorisierte die Entwicklung digitaler Lernsettings und die Klärung rechtlicher Rahmenbedingungen; die Infrastruktur der Einrichtungen bildete das Schlusslicht.

 

Wie Neuangst zu Neugier wird

Alles in allem war spürbar: die Digitalisierungswelle ist ein lauter Aufruf zum Handeln. Zum Abschluss der Konferenz trat daher Susanne Pöchacker an, den TeilnehmerInnen Mut zu machen für die anstehenden Veränderungen. Ihre Botschaft lautete: Das Leben war schon immer unvorhersehbar, mehrdeutig, und potenziell beängstigend. Ein regelmäßiger „Tapetenwechsel für's Gehirn" und mehr „Ja, und!" statt „Ja, aber" "sind gute Strategien, mit Veränderung Freundschaft zu schließen. Dabei blieb es nicht bei Worten: Die Teilnehmenden durften das in Übungen erleben. Die spielerische Note war ein willkommener Abschluss.

 

Die Konferenz als Praxisbeispiel

Die Konferenz selbst war ein Musterbeispiel für Digitalisierung in ihrer unaufdringlichsten Form. Sie war digital: slido.com diente der Weiterarbeit mit Diskussionsergebnissen aus Kleingruppen und unterstützte die Kooperation. Und sie war analog: Inspirierende Vorträge, Gesprächsrunden und Live-Übungen in der WKO-Skylounge im 12. Stock – an einem freundlichen Herbsttag mit Rundumblick auf Wien – machten sie zu einem sozialen und sinnlichen Vergnügen.

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