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„Adult Literacy“: Impulse von der EPALE-Diskussion

14.09.2017, Text: Birgit Aschemann, Online-Redaktion
Auf der europäischen Plattform EPALE fand von 4. bis 7. September 2017 eine offene Online-Diskussion zum Thema „Literacy“ statt. Ein Rückblick. (Serie: Basisbildung und Öffentlichkeit)
  • Foto: CC0 Public Domain, http://pixabay.com
    Auf EPALE wurde u.a. darüber diskutiert, was Literacy überhaupt bedeutet.
Welche „Skills" brauchen Erwachsene in Europa 2017? Und was sind die Erfolgsfaktoren für eine wirksame nationale Policy zur Förderung der Literalität? Mit diesen Fragen rief die europäische Plattform EPALE zur öffentlichen Diskussion rund um den Weltalphabetisierungstag auf.

 

Die Online-Diskussion wurde von David Mellows, dem EPALE Themenkoordinator für „Life Skills", gemeinsam mit Graciela Sbertoli vom European Basic Skills Network EBSN moderiert.

 

Es entwickelte sich ein lebendiger Austausch mit zahlreichen ForscherInnen und PraktikerInnen, Mitgliedern des europäischen Basisbildungsnetzwerks EBSN und Mitgliedern der nationalen EPALE-Stützpunkte. Die DiskussionsteilnehmerInnen kamen überwiegend aus Europa, aber auch aus den USA und aus Australien.

 

Was ist überhaupt „Literacy"?

Eigentlich als Einführungsthema gedacht, zog sich die Frage nach der Begriffsbestimmung von Literacy schließlich durch die gesamte Diskussion.

 

Dabei plädierten die ModeratorInnen Graciela Sbertoli und David Mellows für Genauigkeit in der Begriffsverwendung. „Literacy" sei – so das Europäische Basisbildungsnetzwerk – eindeutig vom inhaltlichen Basiswissen in verschiedenen Sachbereichen zu trennen und solle auf Lesen und Schreiben fokussiert bleiben. Dann würde beispielsweise „health literacy" den Level von Lesen und Schreiben bedeuten, der nötig ist, um schriftliche gesundheitsrelevante Informationen zu verstehen bzw. zu produzieren. Diese Begriffsverwendung entspricht der engeren Wortbedeutung auf Englisch.

 

Literacy in der (Projekt-)Praxis

In der Praxis wird der Begriff viel breiter verwendet und oft auf bestimmte Handlungsfelder bezogen. Das Resultat sind verschiedene „literacies" wie zum Beispiel „health literacy", „financial literacy" etc.. In diesen Feldern spielen Text jeweils eine wichtige Rolle, der Begriff „literacy" wird hier jedoch für die inhaltliche Kompetenz in diesen Sachgebieten verwendet. Damit beginnt die Begriffsunschärfe.

 

Ein Beispiel für die Begriffsverwendung in der Praxis bildet ein Programm für das Nachholen von Schulabschlüssen in Griechenland, wo anstelle von „Unterrichtsgegenständen" alle Kompetenzfelder als „literacies" benannt sind. „Arithmetical literacy", „enviromental literacy" und „social literacy" sind konkrete Beispiele.

 

Auch aus Slowenien wird berichtet, dass „Adult Literacy" nicht nur Lesen, Schreiben und Alltagsmathematik umfasst, sondern viel generelleres Alltagswissen im Sinne von Wissen über die Welt, die uns umgibt. Literacy wird so auch mit „Freiheit" in Verbindung gebracht. Einigkeit herrschte darüber, dass Literacy mit Citizenship, Demokratie und Teilhabe verbunden ist. Und was Literacy nicht ist, war auch schnell klar: „Literacy ist kein Maß für den Wert oder die Kultur oder die Bedeutsamkeit von erwachsenen Individuen." (David Mellows).

 

Ein möglicher gemeinsamer Nenner ist im folgenden Statement enthalten: „Literacy ist die Fähigkeit, Informationen für das tägliche Leben zu nutzen." Darauf wurde in der Diskussion oft zustimmend Bezug genommen.

 

Literacy in Forschung und Politik

Der Unesco Report ‚Rethinking Literacy' aus dem Jahr 2013 fasst fünf bestehende Konzepte von „Literacy" zusammen:

  • Literacy als Fertigkeit (zu lesen, schreiben und rechnen),
  • Literacy als angewandte, situierte Handlung oder Anforderung (z.B. „work-based literacy");
  • Literacy als ein Set von soziokulturellen Praktiken in einem bestimmten Umfeld;
  • Literacy als Kompetenz einer Person, ihre Fähigkeiten zum Erreichen ihrer (Kommunikations-)Ziele und einzusetzen und
  • Literacy als Werkzeug (gesellschafts-)kritischer Reflexion.

Für alle diese Zugänge gibt es Studien und Belege.

 

Der wissenschaftlichen Perspektive sind also viele Erkenntnisse zu verdanken. Darunter ist folgende zentral: Literacy ist ein Prozess und eine Praxis, und zwar jeweils eine situierte Praxis, die auch noch zeit- und kulturabhängig ist, also sozial definiert wird. Das macht sie kontextabhängig und relativ.

 

Bei aller Begriffsvielfalt in der Praxis bleibt folgende Herausforderung bestehen, gab Gina Ebner (EAEA) zu bedenken: Wie übersetzt man Konzepte wie „literacy", „basic skills", und „life skills" unmissverständlich und international gleichbedeutend – und zwar nicht nur für den akademischen Kontext, sondern auch für politische Entscheidungsträger? Dafür sind knappe und konkrete Definitionen wichtig.

 

Literacy in der Strategie der „Weiterbildungspfade"

Auch die Frage nach der Umsetzung der Strategie „Weiterbilungspfade" (Upskilling Pathways) wurde erfragt und diskutiert. Bis spätestens Mitte 2108 sollen die nationalen Zielgruppen und Umsetzungspläne für die „Weiterbildungspfade" definiert sein. Die portugiesische Strategie dazu wurde in der Diskussion bereits ausführlich vorgestellt. Zur Strategie der Weiterbildungspfade wurde mittlerweile auf EPALE eine praxisbezogene Gemeinschaft („Community") eingerichtet, der Interessierte hier beitreten können.

 

Unverzichtbare und schwierig: Gute Öffentlichkeitsarbeit

Im Zuge der Diskussion wurden mehrere Beispiele für Printmedien und Videoclips verlinkt und diskutiert. Darunter waren die aktuellen Videos des deutschen Alfa-Stützpunkts, ein portugiesischer Interview-Clip, ein französisches Print-Inserat und die britische „Gremlin"-Kampagne. Einmal mehr zeigte sich dabei, wie anspruchsvoll die Aufgabe ist, wirklich ermutigende Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben und nicht in die Fallen der Abwertung, Kriminalisierung, Stereotypisierung oder Beschönigung zu tappen, wenn öffentliche Bilder von Basisbildung(sbedarf) erzeugt werden.

 

Was Bibliotheken und Smartphones gemeinsam haben

Als mögliche Medien oder Vermittler für Literacy wurden mehrfach Bibliotheken genannt, die mit ihren diversen Erweiterungen und Zusatzangeboten in den letzten Jahren zunehmend in eine Schlüsselrolle für den Umgang mit Schriftsprache(n) kommen.

 

Ebenso oft kam die Rede auf Smartphones und iPads, deren Verfügbarkeit den Erwerb von Literacy revolutioniert habe. Überhaupt war die Bedeutung der digitalen Literalität unhinterfragt. Zum Thema „adult digital literacy" wird auf EPALE nun auch eine neue „Community of practice" eingerichtet, eine Art internationales Austauschforum, zu dem sich Interessierte hier anmelden können.

 

Literacy und Migration

Das Thema der Literacy für Migrantinnen wurde ebenfalls kurz diskutiert. Aus Österreich wurde hierzu ausführlich das Netzwerk MIKA mit seinen Aus- und Weiterbildungsangeboten und Entwicklungen vorgestellt. Die hier vorherrschende Auffassung von Literacy und Basisbildung grenzt sich von einer Reduktion auf technische Lese- und Schreibfähigkeiten deutlich ab. Dass Literacy auch auf soziale Teilhabende und kritische Handlungsfähigkeit zielt, zeigen die Angebote des Netzwerks.

 

Die ausführlichen EPALE-Diskussion ist hier nachzulesen; eine Zusammenfassung auf Englisch wurde angekündigt.

 

Serie: Basisbildung und Öffentlichkeit

Am Rande der Gesellschaft stehend: so werden Menschen dargestellt von denen wir meinen, dass sie Basisbildung brauchen. Wenn wir über Basisbildungsbedarf diskutieren, stehen uns diese Stigmatisierung und die damit einhergehenden negativen Zuschreibungen oft im Weg. Mit dem Themenschwerpunkt „Basisbildung und Öffentlichkeit" auf erwachsenenbildung.at will die Abteilung Erwachsenenbildung im Bundesministerium für Bildung im Herbst 2017 den Anstoß zur Auseinandersetzung mit diesem Thema geben. In einer Serie von Beiträgen kommen ExpertInnen in Interviews, wEBtalks und Artikeln zu Wort. Alle bisher zur Serie #baböff erschienenen Beiträge sowie Ressourcen zum Thema finden Sie hier.

Die Serie ist Teil eines Projekts des BMB mit Förderung aus Mitteln der Exekutivagentur Bildung, Audiovisuelles und Kultur (EACEA).

 

Was verstehen Sie unter Basisbildung? Beteiligen Sie sich an der Diskussion über eine Definition von Basisbildung! Zur Online-Pinnwand

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