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Gewerkschaftliche Bildungsarbeit – was ist das überhaupt?

28.08.2017, Text: Sabine Letz, Geschäftsführerin des VÖGB, Redaktion: Pia Lichtblau, VÖGB
Ein Rundgang durch Geschichte, Angebote und aktuelle Entwicklungen der Gewerkschaftlichen Erwachsenenbildung. (Serie: Solidarität, Teilhabe und Ermächtigung)
  • Montage: VÖGB

Bildungsarbeit mit langer Tradition

Gewerkschaftliche Erwachsenenbildung in Österreich kann auf eine lange Tradition in der ArbeiterInnenbildung zurückblicken, die mit der Gründung von Arbeiterbildungsvereinen bis ins 19. Jahrundert zurückführt (1867 Gumpendorfer Arbeiterbildungsverein). Neben der Bildungsarbeit stand damals der Kampf um die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen im Vordergrund.

 

Zu Beginn der 1. Republik gab es durch die Etablierung arbeitsrechtlicher Mitbestimmungsmöglichkeiten bereits eine eigene Funktionärsschulung und durch die 1926 gegründete Gewerkschaftsschule ein systematisches Schulungsangebot.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Erfahrungen des Faschismus und der Nachkriegszeit stand vor allem die demokratiepolitische Bedeutung für die ArbeiterInnenbildung im Vordergrund und die zunehmende Übernahme gesamtgesellschaftlicher und wirtschaftlicher Verantwortung zeigte sich im breiten Spektrum der gewerkschaftlichen Bildungsangebote.

 

Als eigener Verein konstituierte sich die gewerkschaftliche Erwachsenenbildung im Jahr 1977 als Verband österreichischer Schulungs- und Bildungshäuser (VÖSB). 2002 erfolgte die Umbenennung in Verband Österreichischer Gewerkschaftlicher Bildung (VÖGB) und die operative Übertragung der Bildungsagenden vom ÖGB auf den VÖGB als Dachverband der gewerkschaftlichen Erwachsenenbildung in Österreich.

 

Heute zeigt sich die gewerkschaftliche Bildungsarbeit mit einer großen Bandbreite an Themen, sie ist jedoch mehr als die Summe des vielfältigen Angebots des ÖGB, der Gewerkschaften und Arbeiterkammern.

 

Ziele der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit

Das große Ziel der pädagogischen Arbeit in den Grundkursen und Seminaren der Gewerkschaften, in den Workshops und Lehrgängen des ÖGB und der Arbeiterkammer ist es, ArbeitnehmerInnen und im speziellen ArbeitnehmervertreterInnen, in die Lage zu versetzen gemeinschaftlich an Problemlösungen heranzugehen.

 

Dazu gehört das kritische Hinterfragen von Machtverhältnissen ebenso wie das Erkennen von politischen Zusammenhängen bei vermeintlichen „Sachthemen" aber vor allem auch, die Teilhabe- und Mitbestimmungsfähigkeit zu erhöhen und zu stärken. In der Bildungsarbeit steht daher das gemeinsame Lernen, das Austauschen, Ausprobieren und vor allem das Umsetzen des Gelernten und Erfahrenen im Betrieb im Vordergrund. Dabei orientiert sich das gewerkschaftliche Bildungsangebot in erster Linie an den Herausforderungen, die sich für ArbeitnehmerInnen und ArbeitnehmervertreterInnen in ihrer täglichen Praxis stellen.

 

Gewerkschaftliche Bildung ist politische Bildung, denn das Ziel ist es, die Informationen, das Wissen und die erlernten Kompetenzen immer im gesamtpolitischen Kontext zu sehen und größere Verbindungen zwischen den Themen zu schaffen. Allespach, Meyer, und Wentzel bringen das in ihrem Buch „Politische Erwachsenenbildung" auf den Punkt: „Genau darum geht es nämlich: Gewerkschaftliche Bildung ist immer auch politische Bildung. Eine politische Bildung, die ‚nicht Akzeptanzbeschaffung für bestehende gesellschaftliche Verhältnisse' ist, sondern ‚kritische Instanz zur Problematisierung gesellschaftlicher Widersprüche. Sie stellt den Anspruch, Politik zu entschlüsseln, Zusammenhänge durchschaubar zu machen und neue Perspektiven aufzuzeigen."

 

Eine breit gefächerte Angebotspalette

Aufbauend und ergänzend zu den Grundkursen und Spezialangeboten der einzelnen Gewerkschaften bietet der VÖGB eine Vielzahl an Seminaren, Lehrgängen und Veranstaltungen an:

 

Die Gewerkschaftsschule ist ein zweijähriger Abend-Lehrgang für interessierte Gewerkschaftsmitglieder und ArbeitnehmervertreterInnen, der österreichweit angeboten wird.

 

Die mehrtägigen Seminare werden in Kooperation mit der Arbeiterkammer für spezielle Zielgruppen der ArbeitnehmerInnenvertretung, die in Lehrgängen zusammengefasst sind (Lehrgang Politik, Recht und Wirtschaft; Lehrgang Soziale Kompetenz; Frauenpolitischer Lehrgang; Lehrgang für KonfliktlotsInnen; Lehrgang für Behindertenvertrauensperson; Lehrgang für Aufsichtsratsmitglieder) für ganz Österreich angeboten.

 

Betriebsratsakademien sind drei Monate dauernde gewerkschaftspolitische Speziallehrgänge und werden als Vollzeitausbildung ArbeitnehmervertreterInnen in den Bundesländern Wien, Niederösterreich, Steiermark und in Tirol (als Betriebsräte-Kolleg für Westösterreich) sowie als modulare Zukunftsakademie (ZAK) für BetriebsrätInnen in Leitungsfunktion in Oberösterreich angeboten.

 

Die Sozialakademie (SOZAK) ist ein zehnmonatiger Lehrgang, in dem ArbeitnehmervertreterInnen - aufbauend auf Erfahrungen in der Interessensvertretung und gewerkschaftlicher Vorbildung - auf ihre Tätigkeit in den Betrieben und Dienststellen, in den Gewerkschaften und im ÖGB sowie in den Arbeiterkammern vorbereitet werden.

 

Die ReferentInnenakademie (REFAK) richtet sich an all jene, die als TrainerInnen, ReferentInnen oder Vortragende aktiv in der gewerkschaftlichen Erwachsenenbildung tätig sind oder künftig sein werden.

 

Ergänzend und unterstützend gibt es zu den unterschiedlichen gewerkschaftlichen Themen Skripten, die von ExpertInnen verfasst, didaktisch aufbereitet und laufend aktualisiert werden. Sie sind auf der Website des VÖGB (www.voegb.at) sowie über eine eigene App für alle immer und überall online verfügbar. Ergänzt wird das Angebot durch eine Reihe an Diskussionsveranstaltungen zu aktuellen gewerkschaftspolitischen Themen.

 

Im Rahmen der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit hat auch die gewerkschaftliche Kulturarbeit einen wichtigen Stellenwert, die das Ziel hat, möglichst vielen ArbeitnehmerInnen den Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen. Die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen wird vielfach als Bereicherung und Ausgleich zum stressigen Arbeitsalltag erlebt. Viele ArbeitnehmerInnen kommen jedoch viel zu selten in den Genuss von Kunst und Kultur.

 

Die gewerkschaftliche Kulturarbeit umfasst dabei das Besuchen von Veranstaltungen, Museen und Theateraufführungen genauso wie das aktive Mitwirken in Workshops (z.B. Schreibwerkstätten und Theaterworkshops) und bietet über die VÖGB Kulturlotsinnen auch ein eigenes Kulturvermittlungsprogramm an (kulturlotsinnen.at).

 

Entwicklungen und aktuelle Schwerpunkte

In den Seminaren und Lehrgängen Inhalte kompakt zu vermitteln, Komplexität zu reduzieren und gleichzeitig die wesentlichen Punkte differenziert darzustellen ist eine besondere Anforderung an die gewerkschaftliche Bildungsarbeit. Für die ReferentInnen und TrainerInnen bedeutet das, dass neben fundiertem Fachwissen zu den vielen verschiedenen Themen auch ausreichend Praxiserfahrung vorhanden ist, damit die Theorie mit Beispielen ergänzt wird und damit an die Arbeitsrealitäten der TeilnehmerInnen anknüpfen kann.

 

Neben Themen wie Arbeits- und Sozialrecht, Betriebs- und Volkswirtschaftslehre sowie Soziale Kompetenz ist seit Jahren die internationale Zusammenarbeit, der Blick über Grenzen und somit über den eigenen Tellerrand besonders wichtig. Sie bekommt durch den leider zunehmenden Nationalismus, die verstärkte Intoleranz bis hin zu Rassismus noch zusätzlich an Bedeutung. Das heißt, es muss einerseits an einem tragfähigen europa- bzw. weltweiten engen gewerkschaftlichen Netzwerk weiter gearbeitet werden und gleichzeitig das politische Bewusstsein für die Wichtigkeit grenzüberschreitender Zusammenarbeit und internationaler Solidarität geschärft werden.

 

Die Vielfalt als Chance zu sehen und im solidarischen Miteinander zu agieren bedeutet auch, dass die Themen Gender und Diversity ein fixer Bestandteil der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit ist, sind es doch gesellschaftspolitisch wichtige Frage der sozialen Gerechtigkeit.

 

Industrie 4.0, Big Data, Sharing Economy und Crowdwork und die Bedeutung dieser Phänomene für die ArbeitnehmerInnen und die betriebliche Zukunft bilden derzeit natürlich einen besonderen Schwerpunkt. Digitalisierung und Automatisierung bestimmen aber nicht nur die aktuellen Entwicklungen in der Industrie. Vom Transportwesen über die Gesundheit bis hin zur Bildung – die gesamte Arbeitswelt von morgen ist betroffen. Sie bieten enorme Möglichkeiten, bergen aber auch eine Menge an Herausforderungen und auch hier ist ein wesentliches Ziel der Bildungsarbeit im Focus: Mitgestalten und Mitbestimmen!

 

Serie: Solidarität, Teilhabe und Ermächtigung in der Erwachsenenbildung

In welcher Gesellschaft wollen wir miteinander leben? In Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche und demokratischer Erosion ist diese Frage für Erwachsenenbildung von steigender Bedeutung. Mit freiem Auge erkennen wir die gesellschaftlichen Brüche und Verwerfungen, die von einer zunehmend entsolidarisierten Gesellschaft zeugen. Wie wir leben wollen ist eine Frage, die beim Umgang mit uns selbst und unseren Nächsten anfängt, aber bei weitem nicht dort endet. In postdemokratischen Zeiten stehen die Verhältnisse, Strukturen und Exklusionsmechanismen mindestens ebenso sehr zur Verhandlung, wie humanistische Wertvorstellungen und Aufklärungsideale. Ein Blick, den uns das "Bildungsevangelium" als Erzählung vom persönlichen Erfolg durch Bildung immer wieder verstellt. Alle bisher zur Serie #ebsoli erschienen Beiträge finden Sie hier.

Weitere Informationen:
  • Allespach, Martin, Meyer, Hilbert & Wentzel, Lothar (2009): Politische Erwachsenenbildung. Marburg: Schüren
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