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"In der Erwachsenenbildung haben wir den Auftrag zu skandalisieren"

23.08.2017, Text: Lucia Paar, Online-Redaktion
Wie ein intersektionaler Ansatz in der Erwachsenenbildung die Teilhabe fördern kann, zeigt die Soziologin und Pädagogin Elli Scambor. (Serie: Solidarität, Teilhabe, Ermächtigung)
  • augen-wimpern-augenlid-augenbrauen Foto: CC0 pixabay.com/StockSnap
    Bildung auf Augenhöhe als Möglichkeit der Teilhabe und Ermächtigung
Das Konzept der Intersektionalität ist vor allem in den Gender Studies bekannt. Der Ansatz erlangte besonders durch den Black Feminism der 1960er Jahre in den USA Aufmerksamkeit und erreichte später auch Europa.

 

Kann der Ansatz auch einen Beitrag in Hinblick auf Teilhabe und Ermächtigung in der Erwachsenenbildung leisten? Ja, sagt Elli Scambor, Soziologin und Pädagogin sowie Geschäftsleiterin am Institut für Männer- und Geschlechterforschung.

 

Mechanismen der Über- und Unterordnung beleuchten

Das Konzept der Intersektionalität geht davon aus, dass nicht nur jeweils ein Aspekt von Diversität, wie z.B. das Geschlecht, in sozialen Situationen eine Rolle spielt. In unterschiedlichen Situationen sind auch unterschiedliche Dimensionen von Diversität relevant. "Wenn ich auf den Arbeitsmarkt schaue, sind möglicherweise andere Kategorien relevant als bei sexueller Bildung in Schulen. Diese Kategorien gilt es herauszufiltern", erklärt Elli Scambor.

 

Die verschiedenen Dimensionen von Diversität sind außerdem keine in sich geschlossenen Merkmale. Sie können sich gegenseitig verändern, Privilegierungen oder Diskriminierungen in Kombination und je nach Situation verstärken oder abschwächen.

 

Zentral sei aber, dass man mit Hilfe des Konzepts hegemoniale Strukturen aufdecken könne: "Es geht um Mechanismen der Über- und Unterordnung, die besagen, wer oben oder unten steht und die sicherstellen, dass bestimmte Gruppen auch unten bleiben und in keine privilegierte Position kommen. Mit diesen Mechanismen beschäftigen wir uns", so Elli Scambor.

 

Eigene Privilegien hinterfragen

Der Ansatz der Intersektionalität öffnet somit den Blick für Hierarchien, Bevorzugungen und Benachteiligungen. Was heißt das für Teilhabe und Ermächtigung in der Erwachsenenbildung? "Es bedeutet, dass ich als ErwachsenenbildnerIn zuerst einmal meine eigene Haltung in Frage stellen muss. Über welche Privilegien verfüge ich und wie setze ich diese unbewusst in meiner Arbeit ein?" Elli Scambor sieht das Hinterfragen der eigenen Stellung besonders in einer privilegierten Position als Herausforderung: "Wenn man in einer unterprivilegierten Position ist, kann man das leichter erkennen, weil man ständig damit konfrontiert wird. In einer privilegierten Position hat man kaum Sicht auf diese Privilegien. Ich beschäftige mich z.B. nicht täglich mit meinem Weiß-Sein - das muss ich nicht, weil ich nicht damit konfrontiert werde. Aber gerade das ist für die Erwachsenenbildung relevant - sich kritisch mit diesen Privilegien zu beschäftigen."

 

Diversität zwischen Individuen aufzeigen, um Zuschreibungen zu entkräften

Die Intersektionalitätsforschung geht davon aus, dass Diskriminierung Differenzen erzeugt, indem sie bestimmte Merkmale hervorhebt und als relevant markiert (z.B. Ausländer - Inländer, behindert - nichtbehindert). In der Erwachsenenbildung ist es üblich, Angebote an bestimmte Zielgruppen zu richten, die durch festgelegte Merkmale definiert sind. Im ersten Moment könnte man also meinen, dass die Erwachsenenbildung durch eine Zielgruppenorientierung diese Differenzen zementiert: "Oft arbeitet man mit Gruppen, die aus verschiedenen Gründen Nachteile in der Gesellschaft haben. Und damit konstituiert sie auch immer wieder diesen Problemgruppen-Ansatz. Ich glaube aber, dass es manchmal notwendig ist für bestimmte Zielgruppen etwas anzubieten."

 

Eine Möglichkeit, diese Zuschreibungen aufzubrechen, sieht Elli Scambor in der Möglichkeit der Dedramatisierung: "Das bedeutet, dass ich innerhalb der Zielgruppe die Diversität der Gruppe sichtbar mache. Das ist ein Auftrag in der Erwachsenenbildung. Es bedeutet, dass man z.B. sagt ‚Ok wir machen ein spezielles Modul für Asylwerber, aber wenn ihr euch anschaut, habt ihr alle einen unterschiedlichen Hintergrund, habt individuelle Lebenserfahrung'".

 

Soziale Zuschreibungen als Instrument der Ermächtigung nutzen

Das Zusammenspiel unterschiedlicher Dimensionen von Diversität und Zugehörigkeiten (bzw. Zuschreibungen) zu sozialen Gruppen könne auch zur Ermächtigung genutzt werden: "Mit den Zugehörigkeiten kann man auch spielerisch umgehen. Dazu gibt es z.B. eine Übung, die heißt Deutscher oder Türke. Dazu beschreibt man Situationen und fragt die Personen in der Gruppe dann, welcher Gesellschaft sie sich zugehörig fühlen. Die Leute positionieren sich dementsprechend im Raum und je nachdem, wie es für sie wichtig ist, wählen sie manchmal die eine oder andere Zugehörigkeit. Das heißt, dass ein Mann, der deutscher Staatsbürger ist, aber türkischen Migrationshintergrund hat, sagen kann ‚Ich bin Türke, und weil ich Türke bin gehe ich jetzt auf die Straße und trete für die Rechte von uns Türken ein'. Diese Zugehörigkeiten zu nutzen, kann durchaus sinnvoll sein.", konstatiert Elli Scambor.

 

Zentral sei dabei, diese Zuschreibungen und Zugehörigkeiten immer wieder zu thematisieren und diese nicht als unveränderbar zu denken: "Menschen sind ja nicht so starr, ihre Identitäten ändern sich ständig. Da plädiere ich dafür, das auch in der Erwachsenenbildung ein bisschen stärker aufzumachen."

 

Mehr Bildung auf Augenhöhe

Der Anspruch eines intersektionalen Ansatzes, Mechanismen der Über- und Unterordnung zu beleuchten, hat eine weitere Konsequenz für die Erwachsenenbildung: "Es bedeutet, die gängige Struktur zu hinterfragen, dass TrainerInnen Wissen weitergeben und TeilnehmerInnen Wissen aufnehmen."

 

Der Verein für Männer- und Gleichstellungsthemen Steiermark (VGM) setzt diesen Ansatz bspw. derzeit im Projekt Men Talk um. Dabei erarbeiten die Teilnehmer (Asylwerber) nach fünfminütigen Inputs von ExpertInnen verschiedene Themen im Dialog (Gleichstellung, Sexualität, Gewaltschutz, Beziehungen leben, etc.) und bringen ihre eigenen Stellungnahmen ein.

 

Diese Strukturen aufzubrechen, sieht Elli Scambor auch als Aufgabe der Erwachsenenbildung und als Möglichkeit der Ermächtigung und Teilhabe: "Es geht darum, diese hegemoniale Ordnung kritisch zu hinterfragen und aufzubrechen".

 

Aber auch außerhalb des konkreten Lehr-Lern-Settings gilt es, die Normalitäten von Diskriminierung und Privilegierung aufzuzeigen: "Es ist für die Menschen im Alltag ganz normal, dass sie in einer privilegierten Position sind und andere nicht. Sie zeigen das auch auf einer symbolischen Ebene. In der Erwachsenenbildung haben wir den Auftrag zu skandalisieren, das kritisch zu hinterfragen und dem etwas gegenüber zu stellen".

 

Diversität unter ErwachsenenbildnerInnen fördern

Erwachsenenbildung setzt sich immer wieder für Partizipation und Emanzipation benachteiligter Menschen ein. Es gehe aber nicht nur darum, Partizipation zu fordern, sondern den kritischen Blick auch auf das eigene Berufsfeld zu richten und Teilhabe zu ermöglichen, betont Elli Scambor: "Es ist wichtig, dass man auch schaut, wer eigentlich die ErwachsenenbildnerInnen sind. Welche Gruppe ist das? Wer arbeitet in welchen Kontexten? Es ist von Bedeutung, dass wir stärker die Gruppen repräsentieren, mit denen wir arbeiten und ihnen die Chance bieten, Konzepte mit zu entwickeln. Es geht nicht nur darum, dass wir die die Konzepte erarbeiten und dann TrainerInnen einladen, die Migrationserfahrung haben, sondern darum, die Dinge auch gemeinsam zu entwerfen. Auch das gilt es kritisch zu beleuchten."

 

Das Fördern von Ermächtigung und Teilhabe ist also nach intersektionalem Ansatz nicht nur als Appell nach außen zu sehen, sondern beginnt schon bei der eigenen Rolle als ErwachsenenbildnerIn. Die Frage, in welcher Gesellschaft wir miteinander leben wollen, ist demnach auch eine Frage an uns selbst.

 

Serie: Solidarität, Teilhabe und Ermächtigung in der Erwachsenenbildung
In welcher Gesellschaft wollen wir miteinander leben? In Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche und demokratischer Erosion ist diese Frage für Erwachsenenbildung von steigender Bedeutung. Mit freiem Auge erkennen wir die gesellschaftlichen Brüche und Verwerfungen, die von einer zunehmend entsolidarisierten Gesellschaft zeugen. Wie wir leben wollen ist eine Frage, die beim Umgang mit uns selbst und unseren Nächsten anfängt, aber bei weitem nicht dort endet. In postdemokratischen Zeiten stehen die Verhältnisse, Strukturen und Exklusionsmechanismen mindestens ebenso sehr zur Verhandlung, wie humanistische Wertvorstellungen und Aufklärungsideale. Ein Blick, den uns das "Bildungsevangelium" als Erzählung vom persönlichen Erfolg durch Bildung immer wieder verstellt. Alle bisher zur Serie #ebsoli erschienen Beiträge finden Sie hier.

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