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Ein Jahr Werte- und Orientierungskurse

25.11.2016, Text: Otto Rath, freier Redakteur/CONEDU, Redaktion: Wilfried Frei, Online-Redaktion
10.000 Personen haben die Werte- und Orientierungskurse in Österreich bereits durchlaufen – begleitet von kleinen Adaptierungen und von kritischen Diskussionen. (Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft)
  • Foto: (C) iStockphoto.com/bonniej Foto: (C) iStockphoto.com/bonniej
    Nach den 8-stündigen "Wertekursen" kommen noch weitere Maßnahmen
Der Begriff „Wertekurse“ wird in der öffentlichen Diskussion mit den vom Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) umgesetzten Kursen assoziiert. Sie bilden einen Teil des 50 Punkte Plans zur Integration, der vom Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres (BMEIA) und dem Expertenrat im November 2015 präsentiert und am 26.1.2016 in der Sitzung des Ministerrats zustimmend zur Kenntnis genommen wurde. 

 

Es werden aber auch in anderen Kontexten „Wertekurse“ umgesetzt, etwa im Rahmen von Start Wien, und sie sind auch ein Thema in den ebenfalls im 50 Punkte Plan enthaltenen Deutschkursen. Im Ministerrat am 21. Juni 2016 wurde ein neues Integrationspaket beschlossen, in dem unter anderem die Zielgruppe auf AsylwerberInnen ausgedehnt wurde.

 

10.000 TeilnehmerInnen in 800 Kursen

 

Nach Auskunft des BMEIA hatten Ende Oktober 2016 etwa 10.000 Personen an 800 Kursen in Österreich teilgenommen. Evaluiert sollen die Werte- und Orientierungskurse nach einjähriger Umsetzungsphase werden. Von Seite des ÖIF und des BMEIA wird darauf hingewiesen, dass die Kurse „gut angenommen werden“. 

Susanne Knasmüller vom BMEIA betont die Kultur der Diskussion und Auseinandersetzung in den Kursen. „Kurse werden auf Augenhöhe mit den Flüchtlingen geführt, ohne erhobenen Zeigefinger.“ 

 

Werte in acht Stunden?

 

Mögliche Änderungen in der Umsetzung der Werte- und Orientierungskurse des ÖIF sind nach Auskunft des BMEIA abhängig von den Evaluationsergebnissen. BMEIA und ÖIF gehen davon aus, dass der Umfang von acht Stunden, der schon bei der Einführung kritisiert wurde, nicht verändert wird. 

 

Damit der Breite der relevanten Themen besser Rechnung getragen werden kann, bietet der ÖIF Workshops zu Themen wie Arbeit, Bildung, Gleichberechtigung an. Zusätzlich wird an der Wertevermittlung im Deutschunterricht gearbeitet: Der ÖIF stellt eigene Curricula und Materialien zur Wertevermittlung in Sprachkursen vom Sprachniveau A2 bis B2 zur Verfügung.

 

Verpflichtung

 

Die kritischen Stimmen sind nicht verstummt. Durch die Kooperation mit dem AMS und mit den Bundesländern gibt es die Möglichkeit, einen Besuch von Deutschkursen und Werte-/Orientierungskursen mit dem Bezug der Mindestsicherung zu verbinden. Der Kursbesuch ist damit nicht freiwillig, eine Tatsache, die aus der Erfahrung der Erwachsenenbildung kritisch bewertet wird. 

 

Wertekurse für alle

 

Da die Werte- und Orientierungskurse inhaltlich und formal darauf aufbauen, was ExpertInnen in Österreich unter Berufung auf die österreichische Verfassung als Werte und Orientierungspunkte definieren, fehlen – vielleicht ergänzende - Angebote, die von den Bedürfnissen der Zielgruppen ausgehen. 

 

Als Zielgruppe werden Asylwerbende, Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte angenommen. Nun ist empirisch nachweisbar, dass nicht nur Flüchtlinge, sondern auch in Österreich geborene Personen oft große Lücken im Kontext der hier zur Diskussion stehenden Themen aufweisen. Auch die in der Lernunterlage "Mein Leben in Österreich" thematisierten Verhaltensweisen wie Pünktlichkeit, höfliches Begrüßen, etc. sind bei in Österreich geborenen Personen nicht selbstverständlich vorhanden. Gemeinsame Kurse/Workshops könnten einen wesentlichen Beitrag zu einer gemeinsamen Wertediskussion liefern. 

 

Bessere Werte

 

Den Wertekursen wird auch ein paternalistischer Zugang attestiert, etwa von Thomas Fritz (lernraum.wien), der festhält, dass AsylwerberInnen und Asylberechtigte unter dem Generalverdacht stehen, keine demokratischen Werte mitzubringen und wenn sie gesellschaftliche Regeln haben, dann die falschen. Für Rubia Salgado (maiz Linz) zeigt sich in diesen Kursen das Thema der Zivilisierung, das als Manifestation einer kolonialen Praxis in der Arbeit mit erwachsenen MigrantInnen nicht neu ist.

 

Schlüsselbereich pädagogische Praxis

 

Kenan Güngör (think.difference) schlägt vor, die Wertekurse als Teil einer größeren Strategie zu betrachten, die zusätzlich Deutschkurse und auch den Alltag miteinschließt: LehrerInnen, aber auch BeraterInnen, SozialarbeiterInnen etc. sollen befähigt werden, eine kritische und offene Diskussion über Werte und Haltungen führen zu können. 

 

Neben der Fortbildung der eigenen TrainerInnen braucht es Angebote für ExpertInnen aus Organisationen, die Angebote für asylwerbende und Asylberechtigte bereitstellen und für Freiwillige. 

 

Das Integrationspaket sieht eine verstärkte ehrenamtliche Hilfe bei Deutschkursen vor, etwa in Gemeinden sowie bei Hilfsorganisationen. Für diese Herausforderung sind das Know-how und die Erfahrung der Erwachsenenbildung von besonderer Bedeutung. Angebote der Erwachsenenbildung entstehen gerade im Bereich der Migration auf der Basis eines kritischen Diskurses, der etwa der Reflexion der eigenen, in gesellschaftliche Machtverhältnisse verstrickten pädagogischen Praxis entsprechenden Raum gibt.

 

Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft

Integrationskurse und Spracherwerb mögen ein Anfang sein. Doch wenn es um den sozialen Wandel geht, der mit Zuwanderung verbunden ist, sind die Menschen mit Migrationserfahrung nur eine der Zielgruppen von Erwachsenenbildung. Die Anforderungen der Migrationsgesellschaft betreffen uns alle. Fragen nach Teilhabe, Verständigung und Zusammenleben stellen sich immer wieder neu. Wie Erwachsenenbildung diese Anforderungen beschreibt, reflektiert und deutet, und welche Angebote für Lernen und Bildung sie ihnen entgegen bringt, ist Gegenstand einer Serie von Artikeln auf erwachsenenbildung.at. Alle Beiträge in der Serie finden Sie hier.

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