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Wege heraus

29.09.2016, Text: Julija Schellander-Obid, Redaktion: Renate Ömer, BhW Niederösterreich
Eine Ausstellung in Kärnten zeigt die schwierigen Lebens- und Arbeitssituationen slowenischer Arbeitsmigrantinnen. Die Gründe, warum sich Frauen für eine Arbeitsmigration aus Jugoslawien nach Österreich entschieden, waren vielfältig. (Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft)
  • Foto: CC BY 4.0 David Kranzelbinder, auf erwachsenenbildung.at 2016
    Slowenischen Gastarbeiterinnen vor dem Arbeitsamt
Am Freitag, den 16. September fand im k&k-Zentrum in St. Johann/Šentjanž die Eröffnung der Ausstellung „Lebenswege – slowenische „Gastarbeiterinnen“ in der Steiermark“ („Življenjske poti – slovenske „zdomske delavke“ na avstrijskem Štajerskem“) statt. Die von Verena Lorber kuratierte, von den MitarbeiterInnen des Pavelhauses / Pavlova hiša Elisabeth Arlt und David Kranzelbinder koordinierte und von Karin Maria Schmidlechner vom Institut für Geschichte der Universität Graz wissenschaftlich betreute Ausstellung greift das Thema weiblicher Arbeitsmigration aus Slowenien in die Steiermark auf.

 

Dabei verbindet sie historische Aufarbeitung mit biografischen Daten von sieben Frauen aus Slowenien, die in den 1960er und 70er Jahren als Arbeitsmigrantinnen in die Steiermark kamen, wo sie großteils noch heute leben. Ziel der Ausstellung, die noch bis 30. Oktober in St. Johann/Šentjanž  zu sehen ist, ist es laut den Verantwortlichen „Arbeitsmigrantinnen in der Geschichte sichtbar zu machen und ihnen ihren gebührenden Platz in der Erinnerungskultur einzuräumen“ (Ausstellungskatalog).

 

Fokus auf Frauen als „Gastarbeiterinnen“


Lange Zeit wurden Frauen als Arbeitsmigrantinnen in der öffentlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung wenig bis gar nicht beachtet – zu stark verhaftet war das Bild des männlichen „Gastarbeiters“, der seine Familie nachholt. Frauen wurde in diesem Kontext eher eine passive Rolle zugeschrieben. Aktuelle Forschungsarbeiten wie die gegenständliche Ausstellung wollen diese Defizite ausgleichen indem sie sich mit den Lebens- und Arbeitssituationen dieser Frauen befassen und zu dem Ergebnis kommen, dass es vielfach Frauen waren, die mit ihrem Einkommen für den Erhalt der Familie sorgten.


Die Gründe, warum sich Frauen für eine Arbeitsmigration aus Jugoslawien nach Österreich entschieden, waren vielfältig – bessere Verdienstmöglichkeiten und geringe Perspektiven im Herkunftsland, aber auch Abenteuerlust, der Wunsch, der Enge der Herkunftsgemeinschaft zu entfliehen, oder ganz einfach die Liebe veranlassten sie, ihre Heimat zu verlassen. „Lebenswege“ zeigt die Vielfalt der zum Großteil sehr schwierigen Lebens- und Arbeitssituationen slowenischer Arbeitsmigrantinnen in der Steiermark.

 

In sehr persönlichen Interviews, die sowohl in deutscher als auch slowenischer Sprache zu sehen sind, gewähren sieben Frauen Einblicke in unterschiedliche Aspekte ihres Lebens als „Gastarbeiterinnen“. Parallel zu den Videos sind ausführliche Infotafeln, persönliche Gegenstände und in der Mitte des Raumes eine Installation zu sehen. Diese zeigt die interviewten Frauen in Lebensgröße wie sie auf den Eintritt ins Arbeitsamt warten (siehe Bild).

 

Arbeitskräftemangel in Österreich wichtigster Faktor für „Gastarbeit“


Nach den harten Nachkriegsjahren kam es in Österreich in den 1950er Jahren zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, dessen Begleiterscheinung jedoch ein Mangel an Arbeitskräften war. Als Gegenmaßnahme schlossen die Bundeswirtschaftskammer (heute Wirtschaftskammer Österreich) und der Österreichische Gewerkschaftsbund das so genannte „Raab-Olah-Abkommen“, in dem sie sich darauf einigten, Kontingente von „Gastarbeitern“ auf dem Arbeitsmarkt aufzunehmen.

 

Zu diesem Zwecke wurden Anwerbeabkommen mit Spanien, der Türkei und 1966 schließlich auch mit Jugoslawien geschlossen. Im Zuge dieser Maßnahmen kamen in der Zeit von 1961 bis 1973 rund 265.000 „GastarbeiterInnen“ nach Österreich: Teilweise auf offiziellem Weg (dieser ging über die Anwerbekommission in Belgrad, bei der sich die migrationswilligen Arbeitskräfte melden mussten, und war mit sehr viel Bürokratie verbunden) oder über Selbstanwerbung durch Betriebe, teilweise aber auch auf eigene Faust.

 

Arbeitsalltag und Freizeitgestaltung


Für ArbeitsmigrantInnen aus Slowenien war die Steiermark vor allem wegen der geografischen Nähe attraktiv. So konnten sie regelmäßig ihre Familie besuchen bzw. sogar ihre Kinder bei Verwandten lassen, während sie im Ausland ihrer Arbeit nachgingen. Die meisten Arbeitsmigrantinnen in der Steiermark gingen „typisch weiblichen“ Berufen nach und waren in der Industrie, im verarbeitenden Gewerbe, in der Gastronomie sowie bei sozialen, persönlichen und öffentlichen Diensten beschäftigt.


Der Alltag der Frauen gestaltete sich vor allem in den ersten Jahren in Österreich mitunter sehr schwierig. Die meisten mussten schwere körperliche Arbeiten verrichten und gingen neben dem Hauptberuf noch informellen Arbeiten nach – als Putzfrauen, Haushaltshilfen u. ä. Auch die Wohnsituation war für die meisten „GastarbeiterInnen“ alles andere als rosig. Viele von ihnen lebten in billigen Massenunterkünften, die ihnen von den ArbeitgeberInnen zur Verfügung gestellt wurden. Auch auf dem privaten Wohnungsmarkt hatten es ArbeitsmigrantInnen schwer – Vermieter wollten ihre Wohnungen nicht an AusländerInnen vermieten und die, die es doch taten, boten ihnen oft Substandardwohnungen zu extrem hohen Preisen an.


Die Frauen waren untereinander sehr gut vernetzt, halfen einander gegenseitig und fanden Unterstützung bei Vereinen und Klubs, die bald gegründet wurden. Hier traf man sich regelmäßig, verbrachte die knappe Freizeit bei sportlichen und geselligen Aktivitäten und konnte die Muttersprache pflegen. Für die slowenischsprachigen MigrantInnen war dies vor allem der slowenische Klub „Triglav“, aber auch das slowenische Seelsorgezentrum, das noch heute existiert.

 

Weitere Veranstaltungen zum Themenkreis Migration im k&k-Zentrum


Neben der Ausstellung „Lebenswege“ finden im Herbst 2016 im k&k-Zentrum noch weitere Veranstaltungen zum Thema Migration statt. So werden am 29. September die Autorinnen des Buches „Gastarbeiterinnen“ in Kärnten – Arbeitsmigration in Medien und persönlichen Erinnerungen Viktorija Ratkovic; und Rosemarie Schöffmann zum Thema „Migrantinnen am österreichischen Arbeitsmarkt von der ,Gastarbeit´ bis heute“ referieren. Am 1. Oktober gibt es im Rahmen der Langen Nacht der Museen Führungen durch die Ausstellung „Lebenswege“ und am 20. Oktober wird der Dokumentarfilm „UNTEN“ von Djordje Cenic gezeigt, der darin seine Erfahrungen als „Gastarbeiterkind“ aufarbeitet.

 

Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft

Integrationskurse und Spracherwerb mögen ein Anfang sein. Doch wenn es um den sozialen Wandel geht, der mit Zuwanderung verbunden ist, sind die Menschen mit Migrationserfahrung nur eine der Zielgruppen von Erwachsenenbildung. Die Anforderungen der Migrationsgesellschaft betreffen uns alle. Fragen nach Teilhabe, Verständigung und Zusammenleben stellen sich immer wieder neu. Wie Erwachsenenbildung diese Anforderungen beschreibt, reflektiert und deutet, und welche Angebote für Lernen und Bildung sie ihnen entgegen bringt, ist Gegenstand einer Serie von Artikeln auf erwachsenenbildung.at. Alle Beiträge in der Serie finden Sie hier.

Weitere Informationen:
Das k & k (Kultur- und Kommunikationszentrum St. Johann i. Ros. / Kulturni in komunikacijski center Šentjanž v Rožu) ist ein seit 1995 bestehender Verein, der seit 1997 Mitgliedsverein der arge region kultur ist. Eine Angestellte der Arbeitsgemeinschaft ist im Verein beschäftigt und hauptverantwortlich für das Programm.

 

Elisabeth Arlt, Verena Lorber (Hg.): Lebenswege. Slowenische „Gastarbeiterinnen" in der Steiermark. Življenjske poti. Slovenske »zdomske delavke« na avstrijskem Štajerskem 2015

 

kkcenter.at

 

pavelhaus.at

 

CC BY Julija Schellander-Obid, auf erwachsenenbildung.at 2016

Lizenziert unter CC BY http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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