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"Es reicht nicht, ein paar neue Kurse anzubieten"

10.09.2016, Text: Wilfried Frei und Karin Kulmer, Online-Redaktion
Bildungswissenschafterin Annette Sprung im Interview mit der Online-Redaktion (Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft)
  • Foto: K.K.
    Annette Sprung forscht zur Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft
Annette Sprung ist ao. Professorin am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Universität Graz und forscht zu den Themen Migration, Partizipation, Diversität sowie interkulturelle/rassismuskritische Weiterbildung. Im Interview mit Wilfried Frei (geb. Hackl) sprach sie im vergangenen Frühjahr über Herausforderungen und Chancen einer Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft.

 

Wilfried Frei: Vor 6 Jahren hattest du für eines unserer Magazine einen Artikel mit dem Titel „Migration, Rassismus, Interkulturalität - kein oder ein Thema für die Weiterbildungsforschung?“ verfasst. Spürst du derzeit eine gesteigerte Nachfrage nach deiner Expertise?

 

Annette Sprung: Ja, ich habe verstärkte Anfragen nach wissenschaftlich fundierten Diskussionsimpulsen und Reflexionsangeboten. Auf der Erwachsenenbildung lastet ein großer Handlungsdruck. Dabei geht es um Grundsätzliches: Wie orientieren wir uns für diese zukünftigen Herausforderungen, die ja schon länger da sind, an denen man jetzt aber nicht mehr vorbeischauen kann?

 

Die Erwachsenenbildung sollte sich – dort wo das nicht ohnehin schon geschehen ist – durchaus auch gesellschaftspolitisch positionieren, es reicht nicht, ein paar neue Kurse anzubieten. Ich glaube, da kommt etwas in Gang, das ein spannender Prozess ist, auch in der nahen Zukunft.

 

Was beschäftigt die Erwachsenenbildungsszene derzeit, was sind ihre vordringlichsten Fragen zum Thema Migration?

 

Einerseits stellt sich die Frage, wie man den derzeitigen Bedarf z.B. an Deutschkursen abdecken kann, obwohl finanzielle Ressourcen fehlen und rechtliche Rahmenbedingungen es erschweren, konkrete Projekte umzusetzen. Andererseits beschäftigt die Sorge um das politische Klima die Erwachsenenbildung.

 

Es geht auch darum, dass der soziale Wandel durch Migration quer durch alle Bevölkerungsteile akzeptiert und verstanden wird, damit nicht mit Angst oder Hass und Gewalt reagiert wird. Es geht aus einer Bildungsperspektive nicht nur um Hilfe oder Leistungen für Flüchtlinge und MigrantInnen, sondern auch darum, die Nicht-MigrantInnen zu adressieren. Ich glaube, da wird sich die Erwachsenenbildung noch mehr überlegen müssen.

 

Wie kann das Bewusstsein über Rassismus und Diskriminierung gesteigert werden?

 

Man könnte z.B. mit innovativen Formaten stärker an Orte gehen, wo die Menschen dann auch miteinander leben, arbeiten usw. – und es gibt hierfür auch bereits einige gute Initiativen. Ein Anti-Rassismus-Workshop in einer Bildungseinrichtung erreicht nur bestimmte Leute. Das ist zwar an sich nicht schlecht, weil diese dann wieder als MultiplikatorInnen arbeiten. Zusätzlich müsste man sich aber auch auf neue Kontexte einlassen, da sind Community Education Ansätze sicher auch erst zu entwickeln.

 

Bildung wird leider oft im Sinne von Anpassung verstanden: „die müssen sich integrieren“, „die müssen unsere Kultur und unsere Werte lernen“- Wie siehst du die Rolle der Erwachsenenbildung im Zusammenhang mit dieser Verwendung des Kulturbegriffes?

 

Ich gehe davon aus, dass Menschen, die in ein neues System kommen, darüber auch etwas lernen müssen und wollen. Daher bedarf es adäquater Angebote, um rechtliche Grundlagen des Zusammenlebens bzw. Systeme zu kennen und zu verstehen. Die meisten Deutschkurse arbeiten ohnehin mit genau solchen Elementen: Die Leute sitzen nicht nur im Kursraum, sondern gehen mit ihren KursleiterInnen einkaufen oder zu Veranstaltungen und lernen „en passant“ auch diverse Verhaltensregeln und Umgangsformen.

 

Das mediale und politische Getöse rund um die neuen Wertekurse vermittelt allerdings eine hochproblematische Botschaft, die Geflüchteten implizit zivilisatorische Rückständigkeit zuschreibt und auch unterstellt, dass sich Menschen nicht freiwillig mit diesen Themen beschäftigen möchten. Abgesehen von der Vermittlung bestimmter Wissenbestände kann so etwas wie kulturelle Orientierung am besten in einer natürlichen Umgebung stattfinden, also im Alltag, am Arbeitsplatz usw. Ich glaube, die Erwachsenenbildung hat da genug Konzepte zu bieten, da braucht man nicht etwas Neues erfinden.

 

Tatsächlich gibt es ja Integrationsvereinbarungen wie z.B. in Vorarlberg, die ein bisschen an Lernverträge erinnern. Was bewirken diese Mittel, sind sie adäquat?

 

Ein Grundproblem dieser Art von Integrationspolitik ist, dass damit Menschen ein grundsätzliches Misstrauen signalisiert wird. Man geht davon aus, dass sie das eh nicht freiwillig machen würden. Die Idee von Zugehörigkeit, die ganz wichtig ist für Partizipation, kann man nicht entwickeln, wenn man das Gefühl hat, man muss unter Sanktionsandrohung irgendetwas leisten, um dann als Belohnung auch irgendwann dazugehören zu dürfen bzw. wenn man häufig Anerkennungsdefizite erlebt. Ich bezweifle auch aus pädagogisch-fachlicher Sicht, dass Lernbarrieren und Ängste für die Lernmotivation förderlich sind.

 

Aus den Mitteln im 2015 beschlossenen Integrationstopf ist für Erwachsenenbildung nur ein recht kleiner Teil gewidmet worden, und der überwiegend für Sprachförderung mit jungen Erwachsenen. Die Frage ist jetzt, was kann die Erwachsenenbildung in dem Zusammenhang leisten?

 

Bildung kann sicher nicht die Lösung für alle Herausforderungen sein, es geht auch um den Zugang zum Arbeitsmarkt, um Sozialpolitik und viele andere Dinge. Was die Erwachsenenbildung machen kann: sie kann gewisse Dinge vorbereiten, die wichtig sind, um z.B. Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden, wie etwa Sprachkompetenz und Basisbildung anbieten. Auch in Anerkennungs- und Validierungsfragen kann die Erwachsenenbildung mitwirken, weil sie auch entsprechende Modelle entwickelt hat, wie man Kompetenzen erfassen kann – beispielsweise die wba.

 

Was ich mir wünschen würde, wäre, dass sich die Erwachsenenbildung auch in die aktuellen Diskurse stärker einbringt und beispielsweise herausstreicht, dass MigrantInnen nicht nur als HilfeempfängerInnen zu sehen sind, sondern die Personen als autonome Subjekte in ihrer Handlungsfähigkeit im weitesten Sinne anzuerkennen und zu stärken wären; Leute mit Grundfähigkeiten auszustatten, sodass sie sich dann eben auch selbst entscheiden können, wie sie ihr Leben in Österreich gestalten wollen.

 

Du hast ja mit einigen Kolleginnen letztes Jahr den Staatspreis für Erwachsenenbildung für ein Projekt über migrationsspezifische Kompetenzen bekommen. Ist der reflektierte Umgang mit der eigenen Migrationserfahrung zu einer gefragten Kompetenz für die Erwachsenenbildung avanciert?

 

Das ist auch etwas, was die Erwachsenenbildung tun kann: den gesellschaftlichen Wandel in den Institutionen abzubilden und zu schauen, sind wir da überhaupt richtig aufgestellt. Das Potential, das Menschen mit Migrationsbiografie mitbringen können, wird derzeit noch wenig anerkannt. Die Idee, die wir auch mit den „Leitlinien für eine Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft“ verfolgen, ist darüber hinaus, Diversität nicht nur im Personal, sondern ebenso in den Strukturen angemessen zu berücksichtigen. Ist man entsprechend eingestellt auf Antidiskriminierung, Öffnung, Mehrsprachigkeit?

 

Gerade im Flüchtlingsbereich gab und gibt es seit dem letzten Sommer viele Freiwillige, die sich engagieren. Wie siehst du in diesem Zusammenhang die Gefahr der Deprofessionalisierung?

 

Dass Ehrenamtlichkeit und Professionalität in einer bestimmten Balance sein müssen, ist wesentlich. Das Problem ist, dass die Ehrenamtlichen in vielen Feldern wirklich zentrale Aufgaben übernehmen müssen, weil hier der Staat und die Politik versagen bzw. auch – und das kennzeichnet neoliberale Systeme – gezielt die Ressource „Gemeinschaft“ genutzt wird, um staatliche Aufgaben abzuwälzen.

 

Man muss zwar froh sein, dass es diese Bereitschaft zu solidarischem Handeln gibt und das auch schätzen – bei gleichzeitiger kritischer Reflexion der dahinter liegenden gesellschaftlichen Entwicklungen. Eine Aufgabe für die Erwachsenenbildung ist, sich Unterstützungsangebote für Ehrenamtliche zu überlegen, sie weiterzubilden für ihre Tätigkeit und sie dabei zu begleiten, wobei eine klare Definition dessen, was ehrenamtliche von professioneller Arbeit unterscheidet und wie sich diese ergänzen sollten, wichtig erscheint.

 

Woran sollen ErwachsenenbildnerInnen, die potentiell Bildungsangebote für AsylwerberInnen gestalten, denken?

 

Ich glaube,abgesehen vom Erwerb etwaiger zusätzlicher Kompetenzen,  der erste Punkt wäre eine Reflexionsaufgabe, nämlich welche Differenzsetzung nehme ich im Umgang mit vermeintlich „Fremden“ wann zu welchem Zweck vor. Spielt das jetzt überhaupt eine Rolle, dass die Person aus Syrien kommt, oder ist es relevant, dass die Person in einer Flüchtlingsunterkunft lebt, auf engstem Raum, keinen Platz zum Lernen und zum Denken hat, und sich Sorgen um ihre Familie im Heimatland macht.

 

Niemand von uns ist frei von vorgefertigten Bildern, Erwartungshaltungen und Stereotypen – ich nehme mich selbst auch überhaupt nicht aus davon – und es gehört zur pädagogischen Professionalität, dass man gleich zu Beginn reflektiert, was habe ich da für Konstruktionen meiner TeilnehmerInnen im Kopf. Im Moment ist das besonders schwierig, weil es so einen massiven, oft negativen Diskurs über geflüchtete Menschen gibt. In der Regel wird aber die Erfahrung gemacht, dass in der Begegnung und Interaktion diese Bilder überhaupt nicht bestätigt werden. Hier können auch Unterstützungsmöglichkeiten für ErwachsenenbildnerInnen, wie Weiterbildung oder Supervision, helfen.

 

(Mitarbeit: Karin Kulmer)

 

wEBtalk "Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft"
mit Annette Sprung und Senad Lacevic, 22. Juni 2016

 

Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft

Integrationskurse und Spracherwerb mögen ein Anfang sein. Doch wenn es um den sozialen Wandel geht, der mit Zuwanderung verbunden ist, sind die Menschen mit Migrationserfahrung nur eine der Zielgruppen von Erwachsenenbildung. Die Anforderungen der Migrationsgesellschaft betreffen uns alle. Fragen nach Teilhabe, Verständigung und Zusammenleben stellen sich immer wieder neu. Wie Erwachsenenbildung diese Anforderungen beschreibt, reflektiert und deutet, und welche Angebote für Lernen und Bildung sie ihnen entgegen bringt, ist Gegenstand einer Serie von Artikeln auf erwachsenenbildung.at. Alle Beiträge in der Serie finden Sie hier.

 

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