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Zusammen arbeiten

17.08.2016, Text: Karin Holzinger, Redaktion: Renate Ömer, BhW Niederösterreich
Die Flüchtlingsprojekte von Basis.Kultur.Wien führen Lern- und Kreativangebote durch, die auf gemeinsames Tun setzen, um informelles Lernen und gegenseitiges Kennenlernen zu unterstützen. (Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft)
  • Foto: CC BY Ewa Kaja
    Nähatelier
  • Foto: CC-BY Ewa Kaja
    Strickatelier
Neue Solidaritäten, neues Engagement

Die Hilfsbedürftigkeit von Menschen und die anfängliche Verwirrung bei der Koordinierung der Flüchtlingsströme im Herbst 2015 veranlasste viele Menschen quer durch die Gesellschaft, sich spontan zu engagieren. Plötzlich war die verloren geglaubte Solidarität wieder da und auch die Erwachsenenbildung setzte sich mit ihren Möglichkeiten zur Bewältigung der Ausnahmesituation ein.

 

Neue Lernräume

Schon immer versuchte Basis.Kultur.Wien, Menschen mit Angeboten abseits abgetretener Kultur- und Bildungspfade zu erreichen. Viele Projekte basierten auf der Tatsache, dass neue, leicht zugängliche Räume für alltägliches Lernen  -  im Tun, im Spiel, im Gespräch  -  gefunden werden müssen, um Menschen wieder direkte Lernerfahrungen zu ermöglichen und sie an demokratischen Prozessen zu beteiligen.

 

Aufgrund des akuten Handlungsbedarfs wurde im Herbst 2015 begonnen, mit Kulturangeboten entgegenzusteuern, die unkomplizierten menschlichen Umgang und Kontakt fördern und in denen direkte Beteiligung möglich ist.

 

Eingespieltes Konzept

Mit Flexibilität und Augenmaß wurden erprobte Angebote an die neuen Ansprüche adaptiert, um informelles Lernen und gegenseitiges Kennenlernen aus dem gemeinsamen Tun heraus zu unterstützen. Dabei  zählte man auf die jahrelange Erfahrung guter WorkshopleiterInnen in der Beratung und Begleitung von Menschen. 

 

Entstanden sind Projekte, die auf einer offenen Gruppe von Menschen basieren, die sich an fixen Orten und zu fixen Zeiten zum gemeinsamen kreativen Arbeiten treffen, damit Strukturen wachsen und die Menschen nach ihrer Flucht wieder zu sich finden können.  Wichtige Voraussetzungen dabei waren ein Grundvertrauen in alle Beteiligten in ihrem Bemühen um Empathie und Respekt und entsprechende Räume mit einer Atmosphäre, die Gelegenheit boten, vorurteilsfrei auf andere Menschen zuzugehen und durch Interesse und menschliche Wärme neuen Halt und Orientierung  zu geben.

 

Die beiden hier exemplarisch skizzierten Projekte erläutern diese Qualität emotionalen Lernens, die Meinungsbildung ohne zwischengelagerte Expertenvorgaben zuließ.

 

Räume, in denen Begegnung gelingt

Mag sein, dass kreatives Arbeiten nicht das dringlichste Bedürfnis von Schutz suchenden Menschen aus Kriegsgebieten ist. Kulturelle Angebote in einer geeigneten Atmosphäre eigneten sich aber ausgezeichnet, um Einheimische und neue Zuwanderer miteinander ins Gespräch zu bringen. 

 

So wurden interessierte Frauen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Iran aus einem Wohnheim in bereits bestehende  Näh- und Strickworkshops eingeladen, bei denen die TeilnehmerInnen bei ihren eigenen Näh- und Strickvorhaben beraten werden. Beim Versuch, die eingespielte Gruppe zu öffnen,  zeigte sich die Herausforderung anfänglich auf beiden Seiten, diesen Prozess zuzulassen und daran zu wachsen. Mit Neugierde und großem Engagement von Kursleitung und Begleitung tastete man sich aneinander heran.

 

Es dauerte nicht lange, und die anfängliche Spannung und Zurückhaltung lockerte sich. Wörterbücher wurden gekauft, Nähmaschinen und Häkeltechniken erklärt. Das fixe Team garantierte, dass alle rasch in die gemeinsame Arbeitssituation eingebunden wurden. Jeder half mit, Sprachbarrieren zu überwinden. Die Workshops entpuppten sich als sinnvolle Methode, gemeinsam kreativ zu arbeiten, die ersten Deutschkenntnisse zu erwerben, sich gegenseitig kennenzulernen und wechselseitig Hilfe bei Näharbeiten anzubieten.

 

Alle waren um wertschätzendes Miteinander bemüht, um die Umstände des Zusammenarbeitens neu zu ordnen und eine gemeinsame Atmosphäre des einträchtigen Arbeitens zu finden. Die Heiterkeit von entspannten Mensch-zu-Mensch-Begegnungen in den offenen Ateliers wurde deutlich spürbar.

 

Perspektiven
Den Flüchtlingen half es, die ständig im Kopf kreisenden Gedanken zur Ruhe zu bringen, dunkle Wintertage des Wartens zu überwinden, im Aufgehoben-Sein der Gruppe wieder Humor zuzulassen und die Zukunftsangst mit künstlerischer Arbeit sinnvoll in Hoffnung und neue Perspektiven umzuwandeln.

 

Politische Bildung beim Spracherwerb

Beim Deutschlernen wird nicht nur Deutsch gelernt. Es war spannend zu beobachten, dass die Kurse über den reinen Spracherwerb hinaus gingen. Die weitaus überragende Rolle spielte hier das informelle Lernen, die Vorbildwirkung der ehrenamtlich tätigen DeutschtrainerInnen – deren positives Engagement die fehlende Professionalisierung mehr als wett machte –, die wertschätzende Haltung gegenüber den Lernenden und vor allem die Themen, die im Kurs angesprochen wurden.

 

Informationen zur Bewältigung des Alltags in der neuen Umgebung, das Näherbringen von grundlegenden kulturellen Übereinkünften und menschlichen Gewohnheiten oder Auskünfte zu Gesetzen, - vieles hatte Platz im Unterricht.

 

So unterschiedlich die Lernenden waren, so unterschiedlich war ihr Interesse. Unsere MitarbeiterInnen stießen auf neugierige Fragen zum Thema Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau genauso wie zur eigenen Religionszugehörigkeit. Nach anfänglicher Zurückhaltung bei dieser Antwort outete sich ein afghanischer Asylwerber in der großen Runde muslimischer TeilnehmerInnen mit der Aussage: „Ich bin Agnostiker“.


Alles kann passieren, wenn Menschen sich einbringen können und den Eindruck haben, dass ihre Gedanken ernst genommen werden.

 

Engagement kann scheitern

Inwieweit die hier vorgestellten Projekte individuelle Radikalisierung verhindern, bleibt abzuwarten. Pädagogischer und sozialer Arbeit sind Grenzen gesetzt. Wie die Ereignisse der letzten Wochen gezeigt haben, ist die Situation komplexer. „Und manchmal sind Traumata und Aggressionen durch kein Angebot und kein Mitgefühl zu besiegen, manchmal hilft Helfen nichts." (Matthias Drobinski, Süddeutsche Zeitung vom 20.7.2016)

 

Für den Erhalt einer menschlichen Gesellschaft wird es aber notwendig sein, sich dem Risiko zu stellen, enttäuscht zu werden, und jeder Intoleranz mit Lernangeboten zu begegnen, die es erlauben, Freiheit zu erleben und Toleranz zu leben.

 

Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft
Integrationskurse und Spracherwerb mögen ein Anfang sein. Doch wenn es um den sozialen Wandel geht, der mit Zuwanderung verbunden ist, sind die Menschen mit Migrationserfahrung nur eine der Zielgruppen von Erwachsenenbildung. Die Anforderungen der Migrationsgesellschaft betreffen uns alle. Fragen nach Teilhabe, Verständigung und Zusammenleben stellen sich immer wieder neu. Wie Erwachsenenbildung diese Anforderungen beschreibt, reflektiert und deutet, und welche Angebote für Lernen und Bildung sie ihnen entgegen bringt, ist Gegenstand einer Serie von Artikeln auf erwachsenenbildung.at. Alle Beiträge in der Serie finden Sie hier.

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