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Selbstständigkeit – Chance und/oder Risiko?

12.11.2019, Text: Karin Schräfl, Forum Katholischer Erwachsenenbildung
"Wenn du eine Vision hast, verwirkliche sie." Eltern-Kind-Gruppenleiterin Elisabeth Rechberger macht im Interview über ihren Weg vom Ehrenamt zur Selbstständigkeit Mut zur Veränderung. (Serie: Arbeit und Erwachsenenbildung)
  • Foto: CC BY, Wolfgang Bauer, auf erwachsenenbildung.at
    Elisabeth Rechberger hat ihren Traum von der Selbstständigkeit verwirklicht.
  • Grafik: Alle Rechte vorbehalten, Elisabeth Rechberger, https://www.zusammenwachsen.or.at/
    Logo: Zusammenwachsen - Begleitung von Fachkräften und Familien mit Kindern von 0 bis 6 Jahren

Karin Schräfl: Du bist schon lange im Bereich Eltern-Kind-Gruppen unterwegs. Zu Beginn ehrenamtlich und seit kurzem auf selbstständiger Basis. Wie kommt man eigentlich dazu, Eltern-Kind-Gruppen zu leiten?

Elisabeth Rechberger: Begonnen habe ich 2008 als Teilnehmerin von Eltern-Kind-Gruppen, die von der Magistratsabteilung 11 in Wien angeboten wurden. Es war für uns wie ein zweites Zuhause. Im Winter 2017 kam dann unser zweites Kind zur Welt. Wieder besuchte ich dort eine Gruppe, doch irgendwie war diesmal alles anders. So kam es für mich im Sommer 2017 gerade passend, dass ich gefragt wurde, ob ich in der Pfarre Neuerlaa eine Eltern-Kind-Gruppe ehrenamtlich leiten möchte. Ich überlegte nicht lange und sagte zu.

Dein Know-how beziehst du aus verschiedenen Quellen. Da gibt's einerseits die persönliche Ebene als zweifache Mutter, und dann gibt es die berufliche Ebene...

Das Muttersein ist sicher hilfreich. Und in meinem Grundberuf bin ich gelernte Kindergartenpädagogin und war auch fast 5 Jahre als Kindergartenleiterin tätig. Während meiner Tätigkeit als ehrenamtliche Eltern-Kind-Gruppenleiterin wuchs das Interesse, mich in diesem Bereich zu professionalisieren. Daher begann ich im Herbst 2018 den Lehrgang zur zertifizierten Eltern-Kind-Gruppenleiterin des Katholischen Bildungswerkes Wien.
Der Lehrgang war für mich qualitativ hochwertig, da ich sehr viele Dinge, auch als Pädagogin, dazu lernen konnte. Vor allem: Wie bewege ich mich im Spannungsfeld Eltern-Kinder-Leitung? Und so schloss ich im Sommer 2019 erfolgreich den Lehrgang ab. Zeitgleich absolvierte ich das Unternehmensgründungsprogramm des Arbeitsmarktservice auf dem Weg zur Selbstständigkeit. So entstand mein Unternehmen "Zusammenwachsen - Begleitung von Fachkräften und Familien mit Kindern von 0 bis 6 Jahren".
Doch damit ist der Weg noch nicht abgeschlossen, denn im Jänner 2020 werde ich wba-zertifizierte Erwachsenenbildnerin sein!

Im September hast du dich selbstständig gemacht. Glückwunsch dazu!
Was hat sich dadurch für dich persönlich verändert?

Es hat sich nach außen bis jetzt noch nicht so viel für mich verändert. Im Inneren sehr wohl einiges. Ich fühle mich freier und flexibler, auch wenn es auf der anderen Seite bedeutet, dass ich meine Kund*innen selbst finden muss. Ich schätze dieses Gefühl der Freiheit sehr!

Wo siehst du die Hauptunterschiede zu deiner früheren ehrenamtlichen Tätigkeit?

Es kommt immer darauf an, welchen Auftrag ich zu erfüllen habe. Ist es das Ziel, Menschen in eine Gemeinschaft zu bringen, ist das Ehrenamt eine gute Idee. Ich finde es grundsätzlich auch wichtig, sich ehrenamtlich zu engagieren, aber das, was wir als zertifizierte Eltern-Kind-Gruppenleiter*innen tun, ist mit einem Auftrag für die Gesellschaft verbunden. Nämlich, anders als in Eltern-Kind-Beratungsstellen, intuitiv kompetente Eltern in ihrem Tun zu begleiten und zu unterstützen.
Meist beginnt man diese Tätigkeit im Ehrenamt, was ich ehrlich gesagt auch gut finde, um erste Erfahrungen zu sammeln. Aber danach ist es umso wichtiger, dass mit dem Lehrgang die Möglichkeit für Leiter*innen besteht, sich in diesem Feld weiterzuentwickeln und daraus einen Beruf zu machen. Es muss anerkannt werden, dass es um mehr als Spielen und Kaffeetrinken geht, nämlich um Elternbildung.

Der Weg in die Selbstständigkeit ist ja oft ein steiniger.
Wie war das bei dir?

Ich bin mit großer Zuversicht und Vertrauen an die Selbstständigkeit herangegangen. Was auch sehr hilfreich war, ansonsten hätte ich es nicht gewagt, mich selbstständig zu machen.
Die ersten paar Wochen waren noch sehr positiv, da ich wusste, dass ich ein paar fixe Aufträge im Erwachsenenbildungsbereich habe. Doch schon nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass es Zeit braucht, bis die Menschen in die Gruppen kommen. Aktuell kommen zwei Mamas zu einer Gruppe. Das freut mich sehr. Ich arbeite daran, Netzwerke aufzubauen und dadurch bekannter zu werden.

Selbstständigkeit bedeutet auch ein gewisses Risiko.
Für ein Angebot, das immer kostenlos war, muss plötzlich gezahlt werden.
Wie siehst du das? Was sagst du den Leuten, wenn sie dich nach dem "Warum" fragen?

Stimmt. Im Laufe des letzten Jahres ist mir aber bewusst geworden, welchen Beitrag ich durch meine Arbeit für die Familien mit ihren Kindern leiste, und dass diesbezüglich der Stellenwert in der Gesellschaft und Politik eher ein geringer ist.
Im Zuge des Lehrganges habe ich gelernt, was da wirklich dahinter steckt und dass es, wenn man es professionell anbieten möchte, mit einigem Aufwand im Hintergrund verbunden ist. Was bekommen die Eltern bei mir? Sie bekommen Unterstützung und Begleitung im Umgang mit ihren Kindern im Alltag, meine Erfahrungen als Mutter und Pädagogin auf der einen Seite und die Profession als Elternbildnerin auf der anderen Seite. Der Mix aus beidem macht es aus. Denn auch wenn es kein offiziell anerkannter Beruf ist, sehe ich es als einen Beruf, der es verdient hat, anerkannt und auch dementsprechend honoriert zu werden.

Zum Schluss noch eine Frage: Was würdest du anderen Menschen raten, die einen ähnlichen Weg wie du einschlagen möchten?

Wenn du einen Traum, eine Vision hast, überlege dir: Wie wichtig ist sie dir? Und was ist dein Beweggrund, diesen Weg einzuschlagen? Das Allerwichtigste ist, es dann zu tun. Auch einmal über die Grenze zu gehen und den Mut zu haben, etwas Neues zu beginnen, selbst wenn man am Anfang noch nicht weiß, wo es hinführen wird.
Es braucht meiner Meinung nach zuerst die Begeisterung, mit Eltern und Kindern gemeinsam zu arbeiten. Auf alle Fälle empfehle ich aus eigener Erfahrung, auch wenn man schon im pädagogischen Bereich eine Ausbildung und Vorerfahrung hat, den Lehrgang für Eltern-Kind-Gruppenleiter*innen in einem professionellen Institut zu absolvieren.
Für mich sehr hilfreich war auch das Unternehmensgründungsprogramm des Arbeitsmarktservice, da man sich hier sehr intensiv und professionell begleitet auf die Selbständigkeit vorbereiten kann.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für deine Zukunft!

Das Gespräch führte Karin Schräfl, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im Forum Katholischer Erwachsenenbildung.

 

Serie: Arbeit und Erwachsenenbildung

Weiterbildungen in Vorbereitung auf die Erwerbsarbeit und in deren Kontext bilden einen großen Teil der Bildungsteilnahmen in Österreich. Erwachsenenbildung im Kontext von Arbeit betrifft somit viele Menschen unmittelbar – auch ErwachsenenbildnerInnen. Wie sich ihr Beruf gestaltet und entwickelt, sind Fragen, die berühren. Wie verändern sich Arbeitsbedingungen von ErwachsenenbildnerInnen und das Lernen am Arbeitsplatz durch aktuelle Entwicklungen wie Digitalisierung? Welche Inhalte arbeitsmarktorientierter Erwachsenenbildung sind derzeit relevant? Und welche Verbindungslinien kann es zwischen emanzipatorischer und arbeitsmarktorientierter Erwachsenenbildung geben? Rund um die Themenkreise Arbeitsmarktorientierte Bildung, Erwachsenenbildung als Beruf und Lernen am Arbeitsplatz zeigt und reflektiert die Serie Konzepte, beschreibt und diskutiert Wandel und macht Beispiele guter Praxis einem breiten Publikum bekannt. Alle bisher zur Serie #ebarbeit erschienenen Beiträge finden Sie hier.

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