Sprache und Integration

Der Zusammenhang von Sprache und Integration ergibt sich aus der Tatsache, dass der Spracherwerb der Landessprache durch MigrantInnen sowohl Voraussetzung als auch Ergebnis von Integrationsprozessen ist. Integration wird als gesamtgesellschaftlicher Prozess verstanden, der sowohl Anstrengungen und Veränderungen von Seiten der aufnehmenden Gesellschaft als auch von den zuwandernden Individuen verlangt.

Der Spracherwerb der Landessprache bewirkt jedoch nicht automatisch Integration. Er ist nur einer von vielen Aspekten, die für den Integrationsprozess entscheidend sind. Viele MigrantInnen machen die Erfahrung, dass sie ihnen trotz guter Kenntnisse der Landessprache der Zugang zu Weiterbildung, angesehenen Arbeitsstellen und anderen Ressourcen verwehrt bleibt, die sozialen Aufstieg ermöglichen.

Sprachliche Situation von erwachsenen MigrantInnen

Spracherwerb in der Migration

Für den Erwerb der Landessprache durch MigrantInnen spielen die Aufnahme- und ihre Lebenssituation eine entscheidende Rolle. Sie werden durch sprachenpolitische, aufenthaltsrechtliche und soziale Rahmenbedingungen bestimmt. Sie definieren den Sozialen Status von MigrantInnen und beeinflussen die Qualität ihrer Sprachkontakte. Die Erfahrungen in der und durch die Aufnahmegesellschaft wirken auf die Sprachlernmotivation und auf die Einstellungen von MigrantInnen gegenüber der zu erwerbenden Sprache. Die Sprachkompetenzen von MigrantInnen korrelieren nicht mit der Dauer des Aufenthalts, sondern mit der Qualität ihrer Beziehungen (Grinberg/Grinberg 1990).

Sprache und Identität

Die sprachlichen Identitäten von MigrantInnen sind in der Regel sehr komplex. MigrantInnen werden spätestens durch ihre Migration mehrsprachig, bringen aber zumeist bereits mehrere Sprachen aus ihrer Sozialisation in den Herkunftsländern mit. Die sprachliche Situation von MigrantInnen ist durch sprachenpolitische Rahmenbedingungen im Herkunftsland ebenso bestimmt wie durch jene des Aufnahmelandes. Migration bedeutet für Individuen und Gruppen in der Regel Verlust von sprachlicher Souveränität. Das bedeutet MigrantInnen erfahren Sprachlosigkeit und sprachlichen (wie auch gesellschaftlichen) Machtverlust. Die Unfähigkeit sich adäquat auszudrücken wird von Erwachsenen als einschränkend  und verunsichernd empfunden. Durch die Migration finden in Familien Sprachwechsel statt, die innerhalb einer Generation den Verlust der Erstsprachen mit sich bringen können. Ist die Zweitsprache zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefestigt, kann das Nachteile für den Bildungserfolg der zweiten Generation mit sich bringen (Brizic 2007).

Weitere Informationen und Beispiele

"Ich will erzählen"
Ein interdisziplinäres Sprachprojekt der Beratungsstelle peregrina, das die Lebensgeschichten von Flüchtlingsfrauen in den Mittelpunkt des Sprachlernprozesses stellt.
Nachhaltige Sprachförderung. Mindeststandards für das Bildungswesen in einer Zuwanderergesellschaft (pdf)
Forderungskatalog, der die Mehrsprachigkeit von MigrantInnen zum Ausgangspunkt nimmt.
Sprachen- und Qualifikationsportfolio für MigrantInnen und Flüchtlinge
Ein Instrument, das dem biografischen Ansatz folgt und die sprachliche wie auch die kulturelle Differenz von MigrantInnen berücksichtigt. Es ist in acht Sprachen übersetzt (Arabisch, Englisch, Französisch, Kurdisch, Persisch, Russisch, Serbisch/Kroatisch/Bosnisch und Türkisch).

Sprachenpolitische Rahmenbedingungen

Seit 2003 gilt in Österreich Sprache als "Schlüssel" für Integration. Anlass war eine veränderte Fremdengesetzgebung, die im Rahmen der sog. "Integrationsvereinbarung" ZuwanderInnen verpflichtet, einen Deutschkurs zu besuchen und eine Prüfung auf A2-Niveau des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens nachzuweisen. Bei Nichterfüllung drohen eine Reihe von Sanktionen bis hin zur Ausweisung. Diese Politik wird von Seiten der Praxis und der Wissenschaft als nicht zielführend eingeschätzt, da sie den komplexen Zusammenhang von Sprache und Integration übersieht.

Weitere Informationen

Sprache im Kontext Interkultureller Öffnung von Erwachsenenbildungseinrichtungen

Interkulturelle Öffnung von Erwachsenenbildungseinrichtungen bedeutet in Bezug auf Sprache, dass Informationen über Kursangebote in den Sprachen von MigrantInnen zu Verfügung stehen und weitergegeben werden, dass administratives Personal und KursleiterInnen die Sprachen von MigrantInnen sprechen oder selbst MigrantInnen sind und schließlich, dass Weiterbildungsangebote auf Lernende in der Zweitsprache Deutsch hinsichtlich Didaktik und Lernmaterialgestaltung abgestimmt sind.

Weitere Informationen

Empfehlungen zur Interkulturellen Öffnung (pdf)
Diese Empfehlungen wurden von der EQUAL-Partnerschaft "qualifikation stärkt" entwickelt. Sie nehmen Rücksicht auf das Lernen in der Zweitsprache und die Mehrsprachigkeit von Lernenden.
Nachhaltige Sprachförderung. Mindeststandards für das Bildungswesen in einer Zuwanderergesellschaft (pdf)
Dabei handelt es sich um einen Forderungskatalog, der die Mehrsprachigkeit von MigrantInnen zum Ausgangspunkt nimmt.

Institutionen - Sprache und Integration

Diese Auflistung stellt eine kleine Auswahl dar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Institutionen für MigrantInnen

Sprachenpolitische Institutionen in Österreich und Europa

Literatur

  • Brizic, Katharina (2007): Das geheime Leben der Sprachen. Gesprochene und verschwiegene Sprachen und ihr Einfluss auf den Spracherwerb in der Migration. Münster: Waxmann.
  • Grinberg, León/Grinberg, Rebeca (1990): Psychoanalyse der Migration und des Exils. München und Wien: VIP.
  • Krumm, Hans-Jürgen (2001): Kinder und ihre Sprachen - Lebendige Mehrsprachigkeit. Wien: eviva
  • Oksaar, Els (2003): Zweitspracherwerb. Wege zur Mehrsprachigkeit und zur Interkulturellen Verständigung. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Vielau, Axel (2003 ): Die aktuelle Methodendiskussion. - In: Bausch, Karl-Richard et al.: Handbuch Fremdsprachenunterricht. Tübingen und Basel: Francke UTB. 238-241.
Text: Verena Plutzar
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Sprache und Integration

Der Zusammenhang von Sprache und Integration ergibt sich aus der Tatsache, dass der Spracherwerb der Landessprache durch MigrantInnen sowohl Voraussetzung als auch Ergebnis von Integrationsprozessen ist. Integration wird als gesamtgesellschaftlicher Prozess verstanden, der sowohl Anstrengungen und Veränderungen von Seiten der aufnehmenden Gesellschaft als auch von den zuwandernden Individuen verlangt.

Der Spracherwerb der Landessprache bewirkt jedoch nicht automatisch Integration. Er ist nur einer von vielen Aspekten, die für den Integrationsprozess entscheidend sind. Viele MigrantInnen machen die Erfahrung, dass sie ihnen trotz guter Kenntnisse der Landessprache der Zugang zu Weiterbildung, angesehenen Arbeitsstellen und anderen Ressourcen verwehrt bleibt, die sozialen Aufstieg ermöglichen.

Sprachliche Situation von erwachsenen MigrantInnen

Spracherwerb in der Migration

Für den Erwerb der Landessprache durch MigrantInnen spielen die Aufnahme- und ihre Lebenssituation eine entscheidende Rolle. Sie werden durch sprachenpolitische, aufenthaltsrechtliche und soziale Rahmenbedingungen bestimmt. Sie definieren den Sozialen Status von MigrantInnen und beeinflussen die Qualität ihrer Sprachkontakte. Die Erfahrungen in der und durch die Aufnahmegesellschaft wirken auf die Sprachlernmotivation und auf die Einstellungen von MigrantInnen gegenüber der zu erwerbenden Sprache. Die Sprachkompetenzen von MigrantInnen korrelieren nicht mit der Dauer des Aufenthalts, sondern mit der Qualität ihrer Beziehungen (Grinberg/Grinberg 1990).

Sprache und Identität

Die sprachlichen Identitäten von MigrantInnen sind in der Regel sehr komplex. MigrantInnen werden spätestens durch ihre Migration mehrsprachig, bringen aber zumeist bereits mehrere Sprachen aus ihrer Sozialisation in den Herkunftsländern mit. Die sprachliche Situation von MigrantInnen ist durch sprachenpolitische Rahmenbedingungen im Herkunftsland ebenso bestimmt wie durch jene des Aufnahmelandes. Migration bedeutet für Individuen und Gruppen in der Regel Verlust von sprachlicher Souveränität. Das bedeutet MigrantInnen erfahren Sprachlosigkeit und sprachlichen (wie auch gesellschaftlichen) Machtverlust. Die Unfähigkeit sich adäquat auszudrücken wird von Erwachsenen als einschränkend  und verunsichernd empfunden. Durch die Migration finden in Familien Sprachwechsel statt, die innerhalb einer Generation den Verlust der Erstsprachen mit sich bringen können. Ist die Zweitsprache zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefestigt, kann das Nachteile für den Bildungserfolg der zweiten Generation mit sich bringen (Brizic 2007).

Weitere Informationen und Beispiele


Definition: Mehrsprachigkeit

"Ich will erzählen"
Ein interdisziplinäres Sprachprojekt der Beratungsstelle peregrina, das die Lebensgeschichten von Flüchtlingsfrauen in den Mittelpunkt des Sprachlernprozesses stellt.

Nachhaltige Sprachförderung. Mindeststandards für das Bildungswesen in einer Zuwanderergesellschaft (pdf)
Forderungskatalog, der die Mehrsprachigkeit von MigrantInnen zum Ausgangspunkt nimmt.

Sprachen- und Qualifikationsportfolio für MigrantInnen und Flüchtlinge
Ein Instrument, das dem biografischen Ansatz folgt und die sprachliche wie auch die kulturelle Differenz von MigrantInnen berücksichtigt. Es ist in acht Sprachen übersetzt (Arabisch, Englisch, Französisch, Kurdisch, Persisch, Russisch, Serbisch/Kroatisch/Bosnisch und Türkisch).



Sprachenpolitische Rahmenbedingungen

Seit 2003 gilt in Österreich Sprache als "Schlüssel" für Integration. Anlass war eine veränderte Fremdengesetzgebung, die im Rahmen der sog. "Integrationsvereinbarung" ZuwanderInnen verpflichtet, einen Deutschkurs zu besuchen und eine Prüfung auf A2-Niveau des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens nachzuweisen. Bei Nichterfüllung drohen eine Reihe von Sanktionen bis hin zur Ausweisung. Diese Politik wird von Seiten der Praxis und der Wissenschaft als nicht zielführend eingeschätzt, da sie den komplexen Zusammenhang von Sprache und Integration übersieht.

Weitere Informationen




Sprache im Kontext Interkultureller Öffnung von Erwachsenenbildungseinrichtungen

Interkulturelle Öffnung von Erwachsenenbildungseinrichtungen bedeutet in Bezug auf Sprache, dass Informationen über Kursangebote in den Sprachen von MigrantInnen zu Verfügung stehen und weitergegeben werden, dass administratives Personal und KursleiterInnen die Sprachen von MigrantInnen sprechen oder selbst MigrantInnen sind und schließlich, dass Weiterbildungsangebote auf Lernende in der Zweitsprache Deutsch hinsichtlich Didaktik und Lernmaterialgestaltung abgestimmt sind.

Weitere Informationen


Empfehlungen zur Interkulturellen Öffnung (pdf)
Diese Empfehlungen wurden von der EQUAL-Partnerschaft "qualifikation stärkt" entwickelt. Sie nehmen Rücksicht auf das Lernen in der Zweitsprache und die Mehrsprachigkeit von Lernenden.

Nachhaltige Sprachförderung. Mindeststandards für das Bildungswesen in einer Zuwanderergesellschaft (pdf)
Dabei handelt es sich um einen Forderungskatalog, der die Mehrsprachigkeit von MigrantInnen zum Ausgangspunkt nimmt.

Interkulturelle Öffnung



Institutionen - Sprache und Integration

Diese Auflistung stellt eine kleine Auswahl dar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Institutionen für MigrantInnen


Sprachenpolitische Institutionen in Österreich und Europa


Literatur

  • Brizic, Katharina (2007): Das geheime Leben der Sprachen. Gesprochene und verschwiegene Sprachen und ihr Einfluss auf den Spracherwerb in der Migration. Münster: Waxmann.
  • Grinberg, León/Grinberg, Rebeca (1990): Psychoanalyse der Migration und des Exils. München und Wien: VIP.
  • Krumm, Hans-Jürgen (2001): Kinder und ihre Sprachen - Lebendige Mehrsprachigkeit. Wien: eviva
  • Oksaar, Els (2003): Zweitspracherwerb. Wege zur Mehrsprachigkeit und zur Interkulturellen Verständigung. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Vielau, Axel (2003 ): Die aktuelle Methodendiskussion. - In: Bausch, Karl-Richard et al.: Handbuch Fremdsprachenunterricht. Tübingen und Basel: Francke UTB. 238-241.

Text: Verena Plutzar