Mehrsprachigkeit
Mehrsprachigkeit bedeutet für ein Individuum, dass
mehrere Sprachen in verschiedenen Lebenszusammenhängen benützt werden.
Die Sprachen müssen nicht alle auf gleichem und vor allem nicht auf
gleich gutem Niveau in allen sprachlichen Fertigkeiten (hören,
sprechen, lesen, schreiben) und in allen Lebensbereichen beherrscht
werden. Der Grad der Beherrschung differiert je nach Funktion der
Sprache und je nach Sphäre, in der die Sprache benützt wird. Außerdem
verändern sich Sprachkompetenzen je nach Lebenssituation, wenn sich
damit zusammenhängend auch die Sprachverwendung ändert. Demnach ist
Mehrsprachigkeit nicht als etwas Statisches zu betrachten, sondern
vielmehr als etwas Dynamisches, das sich im Laufe des Lebens wandelt.
Die Mehrsprachigkeit von MigrantInnen wird von der Aufnahmegesellschaft
zumeist nicht wahrgenommen und anerkannt. Die Fokussierung auf das
Deutsche allein bedeutet für MigrantInnen nicht nur einen Ausschluss
von gesellschaftlicher Partizipation, sondern lässt auch ihre
Ressourcen und Potentiale ungenützt. Die Rolle der Erstsprache für den
Zweitspracherwerb ist seit langem für die Sprachentwicklung von Kindern
bekannt. Auch für Erwachsene gilt, dass das Lernen einer weiteren
Sprache dann besonders gut gelingt, wenn bewusst auf die Strategie des
Sprachvergleichs mit bereits erworbenen Sprachen zurückgegriffen wird
und wenn sie sich in ihrer sprachlichen Identität wahrgenommen fühlen.
Erst-, Zweit- und Fremdsprachen
Sprachenlernen findet in und außerhalb institutioneller Rahmenbedingungen statt und lässt sich nur zum Teil steuern. Man kann hinsichtlich der Aneignungsbedingungen zwischen Erst-, Zweit- und Fremdsprachen unterscheiden. Unter Erstsprachen versteht man, vereinfacht gesagt, jene Sprachen, mit denen ein Kind in seiner frühen sprachlichen Entwicklung aufwächst. Zweitsprachen sind jene Sprachen, die als Umgebungs- und Verkehrssprachen neben die Erstsprachen treten und regelmäßig benützt werden (wie z.B. das Deutsche für MigrantInnen in Österreich). Fremdsprachen sind Sprachen, die fern von einer zielsprachigen Umgebung angeeignet werden (wie z.B. das Französische in Österreich). Eine Sprache kann zwischen der Funktion als Zweit- oder Fremdsprache wechseln, je nachdem in welchem Kontext sich Sprechende befinden. Daher gibt es auch Forschungsstandpunkte, die diese Unterscheidung für obsolet halten (Oksaar, 2003).
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Text: Verena Plutzar



