Kulturbegriff

Kultur/ Interkulturalität/ Transkulturalität


"Interkulturalität" ist heute zu einem nahezu inflationär gebrauchten Schlagwort avanciert. Auch wenn von interkulturellem Lernen die Rede ist, kann das zugrunde liegende Kulturverständnis je nach Ansatz variieren. Selten wird dieses jedoch explizit gemacht. Die Interkulturelle Pädagogik sowie angrenzende Disziplinen haben die Thematik in kritischen Reflexionen ausgelotet. Es würde den Rahmen dieser Seite sprengen, die im Bildungsbereich vorfindbaren Vorstellungen von "Kultur" sowie die damit verbundenen Konsequenzen zu beschreiben. Daher werden an dieser Stelle lediglich einige zentrale Aspekte der Kulturdebatte wiedergegeben.

Traditionelles Kulturverständnis

Vielfach stößt man in Alltagsdiskursen, aber auch in der Pädagogik, auf einen essentialistischen Kulturbegriff, in dem Kulturen als in sich abgeschlossenes Ganzes (Kulturkreise) gesehen und mit vermeintlichen Abstammungsgemeinschaften ("Ethnien") gleichgesetzt werden. Darauf basiert eine Abgrenzung zwischen dem Eigenen und dem Fremden, dem Innen und Außen. Ziel pädagogischer Bemühungen könnte dieser Perspektive zufolge beispielsweise sein, über die "Anderen" und ihre Eigenheiten zu lernen, um diese zu "verstehen" und zu akzeptieren.

Kritische Positionen machen auf die Gefahren eines derartigen Kulturverständnisses, u.a. Prozesse der Stereotypisierung und Ethnisierung, aufmerksam. Bereits Theodor Adorno hat darauf verwiesen, dass "Kultur" zuweilen als Ersatz für andere, gesellschaftlich diskreditierte Begriffe wie "Rasse" diene und damit versucht werde, Herrschaftsansprüche zu legitimieren. In der jüngeren Vergangenheit wurden zahlreiche politische Konflikte mit Bezug auf Kultur und Ethnizität erklärt. Die Thesen Samuel Huntingtons vom "Kampf der Kulturen" fanden weltweit breite Resonanz. 

Hybridisierung, Kultur als Prozess

Postmoderne und postkoloniale Kulturtheorien (mit starken Impulsen aus der Literaturwissenschaft) lehnen ein traditionelles Kulturmodell ab und machen auf das permanente Durchmischen kultureller Strömungen aufmerksam. Gleichzeitig wird Kultur nicht nur auf nationale/ethnische Aspekte bezogen, sondern im weitesten Sinn auf unterschiedliche Differenzmerkmale und Zugehörigkeiten (Lebenswelten, Subkulturen, Milieus). Begriffe wie "Hybridisierung" (Bhabha), "Kreolisierung" (Hannerz) oder "Mehrfachzugehörigkeit" (Mecheril) stehen für diese neuen Erklärungsansätze.

Transkulturalität

Der Philosoph Wolfgang Welsch hält den Begriff der Interkulturalität für ungeeignet, weil er die traditionelle Kulturvorstellung nicht überwinde, sondern nur auf die Bekämpfung problematischer Folgen abziele. Er hebt die interne Differenziertheit und Komplexität moderner Kulturen mit ihrer Vielfalt an Lebensstilen hervor. Wenn Menschen in diesen Kontexten interagieren, greifen sie auf alle möglichen Einflüsse zurück (Globalisierung!), es durchdringen sich unterschiedliche Lebenspraxen. Diese Durchdringung fasst Welsch mit dem Terminus der "Transkulturalität".

Interkulturalität in der Pädagogik

In der Pädagogik herrscht keine Einigkeit über die Wahl einer angemessenen Begrifflichkeit, daher sind Bezeichnungen wie "Transkulturelle Bildung", "Diversity-Pädagogik", "Pädagogik in der Einwanderungsgesellschaft", "Migrationspädagogik" etc. vorfindbar. Sie drücken das Bemühen aus, eine traditionelle Kulturvorstellung und ihre problematischen pädagogischen Implikationen zu überwinden. Die meisten VertreterInnen der Disziplin halten am Begriff der "Interkulturalität" fest, legen jedoch Wert auf ein damit verbundenes kritisches Kulturverständnis.

Einige Zitate

Wolfgang Nieke

Kultur ist die "…Gesamtheit der kollektiven Deutungsmuster einer Lebenswelt".

Nieke, W. (2000): Interkulturelle Erziehung und Bildung. Wertorientierungen im Alltag. Opladen, S. 50.

John Clarke

"Die Kultur einer Gruppe oder Klasse umfaßt die besondere und distinkte Lebensweise dieser Gruppe oder Klasse, die Bedeutungen, Werte und Ideen, wie sie in den Institutionen, in den gesellschaftlichen Beziehungen, in Glaubenssystemen, in Sitten und Bräuchen, im Gebrauch der Objekte und im materiellen Leben verkörpert sind. Kultur ist die besondere Gestalt, in der dieses Material und diese gesellschaftliche Organisation des Lebens Ausdruck finden. Eine Kultur enthält die 'Landkarten der Bedeutung', welche die Dinge für ihre Mitglieder verstehbar machen. Diese ‘Landkarten der Bedeutung’ trägt man nicht einfach im Kopf mit sich herum: sie sind in den Formen der gesellschaftlichen Organisationen und Beziehungen objektiviert, durch die das Individuum zu einem 'gesellschaftlichen Individuum' wird. Kultur ist die Art, wie die Beziehungen einer Gruppe strukturiert und geformt sind; aber sie ist auch die Art, wie diese Formen erfahren, verstanden und interpretiert werden. Männer und Frauen werden daher durch die Gesellschaft, Kultur und Geschichte geformt und formen sich selbst. So bilden die bestehenden kulturellen Muster eine Art historisches Reservoir - ein vorab konstituiertes 'Feld der Möglichkeiten' -, das die Gruppen aufgreifen, transformieren und weiterentwickeln. Jede Gruppe macht irgendetwas aus ihren Ausgangsbedingungen, und durch dieses 'Machen', durch diese Praxis wird Kultur reproduziert und vermittelt. Aber diese Praxis findet nur im gegebenen Feld der Möglichkeiten und Zwänge statt."


Clarke u.a. 1979, S. 40f., zit.n. Kalpaka, Annita/Räthzel, Nora (Hrsg.) (1990): Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein. Hamburg, S. 46f.

Paul Mecheril

"Interkulturalität im Sinne von Fremdheitserfahrungen, schließlich sogar an einem selbst, ist ein Feld der Verunsicherung und Ambivalenz - insbesondere in Traditionen, wie der des westlich-rationalen Denkens, die auf die von Vernunft und Autonomie gegründete Stärke des Handlungssubjektes setzen. Wer die Dimension des Interkulturellen ernst nimmt, kommt sehr schnell an Grenzen eines pädagogischen (Selbst-)Verständnisses, das sich auf die technologische Wirkung des Verstehens, des Wissens und der kommunikativen Gewohnheiten verlässt. Interkulturell ist eine Chiffre für die Undurchschaubarkeit und die Nicht-Vorhersehbarkeit von kommunikativen Situationen, für die Zerstörbarkeit der fraglosen Voraussetzungen des unbedachten wie des bedachten Handelns, für die Grenzen des Berechenbaren, Planbaren und Erwirkbaren."

Mecheril, P. (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim und Basel, S. 131.

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Kultur/ Interkulturalität/ Transkulturalität


"Interkulturalität" ist heute zu einem nahezu inflationär gebrauchten Schlagwort avanciert. Auch wenn von interkulturellem Lernen die Rede ist, kann das zugrunde liegende Kulturverständnis je nach Ansatz variieren. Selten wird dieses jedoch explizit gemacht. Die Interkulturelle Pädagogik sowie angrenzende Disziplinen haben die Thematik in kritischen Reflexionen ausgelotet. Es würde den Rahmen dieser Seite sprengen, die im Bildungsbereich vorfindbaren Vorstellungen von "Kultur" sowie die damit verbundenen Konsequenzen zu beschreiben. Daher werden an dieser Stelle lediglich einige zentrale Aspekte der Kulturdebatte wiedergegeben.

Traditionelles Kulturverständnis

Vielfach stößt man in Alltagsdiskursen, aber auch in der Pädagogik, auf einen essentialistischen Kulturbegriff, in dem Kulturen als in sich abgeschlossenes Ganzes (Kulturkreise) gesehen und mit vermeintlichen Abstammungsgemeinschaften ("Ethnien") gleichgesetzt werden. Darauf basiert eine Abgrenzung zwischen dem Eigenen und dem Fremden, dem Innen und Außen. Ziel pädagogischer Bemühungen könnte dieser Perspektive zufolge beispielsweise sein, über die "Anderen" und ihre Eigenheiten zu lernen, um diese zu "verstehen" und zu akzeptieren.

Kritische Positionen machen auf die Gefahren eines derartigen Kulturverständnisses, u.a. Prozesse der Stereotypisierung und Ethnisierung, aufmerksam. Bereits Theodor Adorno hat darauf verwiesen, dass "Kultur" zuweilen als Ersatz für andere, gesellschaftlich diskreditierte Begriffe wie "Rasse" diene und damit versucht werde, Herrschaftsansprüche zu legitimieren. In der jüngeren Vergangenheit wurden zahlreiche politische Konflikte mit Bezug auf Kultur und Ethnizität erklärt. Die Thesen Samuel Huntingtons vom "Kampf der Kulturen" fanden weltweit breite Resonanz. 


Hybridisierung, Kultur als Prozess

Postmoderne und postkoloniale Kulturtheorien (mit starken Impulsen aus der Literaturwissenschaft) lehnen ein traditionelles Kulturmodell ab und machen auf das permanente Durchmischen kultureller Strömungen aufmerksam. Gleichzeitig wird Kultur nicht nur auf nationale/ethnische Aspekte bezogen, sondern im weitesten Sinn auf unterschiedliche Differenzmerkmale und Zugehörigkeiten (Lebenswelten, Subkulturen, Milieus). Begriffe wie "Hybridisierung" (Bhabha), "Kreolisierung" (Hannerz) oder "Mehrfachzugehörigkeit" (Mecheril) stehen für diese neuen Erklärungsansätze.

Transkulturalität

Der Philosoph Wolfgang Welsch hält den Begriff der Interkulturalität für ungeeignet, weil er die traditionelle Kulturvorstellung nicht überwinde, sondern nur auf die Bekämpfung problematischer Folgen abziele. Er hebt die interne Differenziertheit und Komplexität moderner Kulturen mit ihrer Vielfalt an Lebensstilen hervor. Wenn Menschen in diesen Kontexten interagieren, greifen sie auf alle möglichen Einflüsse zurück (Globalisierung!), es durchdringen sich unterschiedliche Lebenspraxen. Diese Durchdringung fasst Welsch mit dem Terminus der "Transkulturalität".

Interkulturalität in der Pädagogik

In der Pädagogik herrscht keine Einigkeit über die Wahl einer angemessenen Begrifflichkeit, daher sind Bezeichnungen wie "Transkulturelle Bildung", "Diversity-Pädagogik", "Pädagogik in der Einwanderungsgesellschaft", "Migrationspädagogik" etc. vorfindbar. Sie drücken das Bemühen aus, eine traditionelle Kulturvorstellung und ihre problematischen pädagogischen Implikationen zu überwinden. Die meisten VertreterInnen der Disziplin halten am Begriff der "Interkulturalität" fest, legen jedoch Wert auf ein damit verbundenes kritisches Kulturverständnis.

Einige Zitate

Wolfgang Nieke

Kultur ist die "…Gesamtheit der kollektiven Deutungsmuster einer Lebenswelt".

Nieke, W. (2000): Interkulturelle Erziehung und Bildung. Wertorientierungen im Alltag. Opladen, S. 50.

John Clarke

"Die Kultur einer Gruppe oder Klasse umfaßt die besondere und distinkte Lebensweise dieser Gruppe oder Klasse, die Bedeutungen, Werte und Ideen, wie sie in den Institutionen, in den gesellschaftlichen Beziehungen, in Glaubenssystemen, in Sitten und Bräuchen, im Gebrauch der Objekte und im materiellen Leben verkörpert sind. Kultur ist die besondere Gestalt, in der dieses Material und diese gesellschaftliche Organisation des Lebens Ausdruck finden. Eine Kultur enthält die 'Landkarten der Bedeutung', welche die Dinge für ihre Mitglieder verstehbar machen. Diese ‘Landkarten der Bedeutung’ trägt man nicht einfach im Kopf mit sich herum: sie sind in den Formen der gesellschaftlichen Organisationen und Beziehungen objektiviert, durch die das Individuum zu einem 'gesellschaftlichen Individuum' wird. Kultur ist die Art, wie die Beziehungen einer Gruppe strukturiert und geformt sind; aber sie ist auch die Art, wie diese Formen erfahren, verstanden und interpretiert werden. Männer und Frauen werden daher durch die Gesellschaft, Kultur und Geschichte geformt und formen sich selbst. So bilden die bestehenden kulturellen Muster eine Art historisches Reservoir - ein vorab konstituiertes 'Feld der Möglichkeiten' -, das die Gruppen aufgreifen, transformieren und weiterentwickeln. Jede Gruppe macht irgendetwas aus ihren Ausgangsbedingungen, und durch dieses 'Machen', durch diese Praxis wird Kultur reproduziert und vermittelt. Aber diese Praxis findet nur im gegebenen Feld der Möglichkeiten und Zwänge statt."


Clarke u.a. 1979, S. 40f., zit.n. Kalpaka, Annita/Räthzel, Nora (Hrsg.) (1990): Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein. Hamburg, S. 46f.


Paul Mecheril

"Interkulturalität im Sinne von Fremdheitserfahrungen, schließlich sogar an einem selbst, ist ein Feld der Verunsicherung und Ambivalenz - insbesondere in Traditionen, wie der des westlich-rationalen Denkens, die auf die von Vernunft und Autonomie gegründete Stärke des Handlungssubjektes setzen. Wer die Dimension des Interkulturellen ernst nimmt, kommt sehr schnell an Grenzen eines pädagogischen (Selbst-)Verständnisses, das sich auf die technologische Wirkung des Verstehens, des Wissens und der kommunikativen Gewohnheiten verlässt. Interkulturell ist eine Chiffre für die Undurchschaubarkeit und die Nicht-Vorhersehbarkeit von kommunikativen Situationen, für die Zerstörbarkeit der fraglosen Voraussetzungen des unbedachten wie des bedachten Handelns, für die Grenzen des Berechenbaren, Planbaren und Erwirkbaren."

Mecheril, P. (2004): Einführung in die Migrationspädagogik. Weinheim und Basel, S. 131.


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