Theoretische Modelle

Gendertheorien sind vielfältig und interdisziplinär. Für die Erwachsenenbildung relevante theoretische Bezüge sind in den Geistes- und Sozialwissenschaften verortet. Hier können Sie sich einen Überblick über die zentralen Diskurse der Gender Studies verschaffen.

Gleichheit

Die Gleichheitstheorie entstand in der so genannten Ersten oder Alten Frauenbewegung (Anfang 20. Jh.) und wurde von der Zweiten oder Neuen Frauenbewegung (1970er-Jahre) übernommen. Danach sind alle Frauen und Männer in ihren Fähigkeiten, Fertigkeiten und Eigenschaften gleich. Zudem sind alle Frauen und Mädchen durch Gewalt von Männern betroffen. Aus dieser Haltung hat sich die heutige Gleichstellungspolitik entwickelt, der wir die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern in Österreich verdanken. Kritisiert wird an der Gleichheitstheorie, dass sie die Unterschiede und Hierarchien unter Frauen ausblendet. In der Erwachsenenbildung kann uns diese Theorie dazu verhelfen, unsere Vorannahmen über die Fähigkeiten von Frauen und Männern abzubauen.

Sexuelle Differenz

Diese Theorie wurde von den so genannten "Mailänderinnen", einer Philosophinnengruppe in Mailand, in den 1980er-Jahren entwickelt. Sie kritisierten an der Gleichheitstheorie, dass die Gleichstellung die Anpassung von Frauen an die männliche Norm fördere. Sie stellten ihr die Annahme entgegen, dass Frauen und Männer per se unterschiedlich seien. Die Eigenart des Weiblichen - die weibliche Differenz - würde durch die patriarchale Gesellschaft unterdrückt. Sie traten für eine Aufwertung des Weiblichen ein.

Aus dieser Theorie entspringt jene Frauenpolitik, die sich für die Sichtbarkeit von Frauen und eigene Frauenräume einsetzt. Ziel ist die Bestimmung eines eigenen weiblichen Subjekts, unabhängig von einer männlichen Norm. In dieser Theorie wird die Beteiligung von Frauen an Diskriminierungen übersehen. Zudem wird die weibliche Differenz weder begründet noch belegt. Außerdem muss auch die zugrunde gelegte Zweigeschlechtlichkeit in Frage gestellt werden. Zentral für die Erwachsenenbildung ist zum einen die aus dieser Theorie stammende Forderung nach geschlechtsspezifischer Sprache: Das bedeutet, Frauen in grammatikalisch weiblicher und Männer in grammatikalisch männlicher Form anzusprechen. Zum anderen können hier spezifische Seminarangebote für Frauen eingeordnet werden.

Diversität

Auch diese Theorie wurde aus der Kritik an der Gleichheitstheorie und an der Theorie der sexuellen Differenz in den 1980er-Jahren entwickelt. Ihr Ursprung liegt in der "black women´s liberation" in den USA (Angela Davis, Bel Hooks u.a.). Lesbische, jüdische, eingewanderte und behinderte Frauen schlossen sich an. Sie alle stellten fest, dass Feminismus lediglich weiße, westliche und heterosexuelle Frauen umfasste (und vielfach noch umfasst). Andere gesellschaftliche Konfliktlinien wie Rassismus und andere Diskriminierungsformen wurden und werden ausgeblendet. Ihre Grundannahme: Es gibt nicht "die Frauen" und auch keine "weibliche Zugangsweise". Demnach müssen Diversitäten wie Herkunft, Hautfarbe, Klasse, Behinderung, Alter und sexuelle Orientierung in das Blickfeld rücken.

Die Diversitätstheorie führte zu einer Differenzierung der Angebote für Frauen. So entstanden z.B. Lesbenzentren, Vereine für Migrantinnen und Mädchenprojekte. Bezogen auf die Erwachsenenbildung wurde deutlich, dass wir aus Genderperspektive nicht nur "die Frauen" und "die Männer" im Feld unserer Betrachtungen haben sollten. Vielmehr könnte es darum gehen, Frauen und Männer in ihren unterschiedlichen Identitäten, mit ihren Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten wahrzunehmen.

Ethnomethodologischer Konstruktivismus

Dieser Ansatz kam aus der angloamerikanischen Frauen- und Geschlechterforschung Mitte der 1980er Jahre in den deutschen Sprachraum (Carol Hagemann-White, Erving Goffman, Harold Garfinkel). Ausgangspunkt war die Feststellung, dass Gender sozial konstruiert wird. In unseren Interaktionen inszenieren wir Gender. Alle anwesenden Personen sind an dieser Konstruktion beteiligt und bestimmen die Genderbilder des Moments mit. Demnach ist Geschlecht nicht etwas, das wir haben, sondern etwas, das wir tun (vgl. Carol Hagemann-White). Aus der Ethnomethodologie kommt für diesen Prozess der Geschlechtsinszenierung der Begriff "Doing Gender".

Daraus folgt, dass sich Frauen und Männer an der Konstruktion der zweigeschlechtlichen Gesellschaft beteiligen. VertreterInnen dieses Ansatzes beschäftigen sich mit der Frage, wie in welchen Kontexten Gender konstruiert wird. Sie stellen damit auch biologistische Argumentationen von Geschlecht in Frage. In der Erwachsenenbildung müssen wir uns bewusst sein, dass wir als TrainerInnen, BildungsorganisatorInnen und in der Bildungskonzeption Gender mitkonstruieren. Wen wir wie ansprechen und welche Angebote wir wem machen erzeugt Bilder von Gender.

Hegemoniale Männlichkeit

Dieses Modell wurde Anfang der 1990er-Jahre vom Soziologen, Pädagogen und Philosophen Robert W. Connell entwickelt. Er geht davon aus, dass hegemoniale Männlichkeit eine gesellschaftliche Strategie darstellt. Diese Strategie beschreibt das zu einer bestimmten Zeit kulturell maßgebliche Deutungsmuster von Männlichkeit. Mit dieser Deutung wird die gesellschaftliche Machtstellung von Männern legitimiert. Hegemoniale Männlichkeit ermöglicht die Überlegenheit von Männern und die Diskriminierung von Frauen. Das ist möglich, weil die Beschreibung hegemonialer Männlichkeit stets Männer als kraft- und machtvoll beschreibt. Kulturell ist sie so fest verankert, dass die Hegemonie unhinterfragt als normal gilt. Selbst nicht herrschende Gruppen unterstützen dieses Bild aktiv.

Seinem Konzept folgend stellt Connell hegemoniale Männlichkeit in Frage, indem er die Alleinstellung dieser Männlichkeitsform hinterfragt. In seinen Forschungen macht er deutlich, dass kaum ein Mann diesem Bild hegemonialer Männlichkeit entspricht und vielmehr verschiedenste Männlichkeiten gelebt werden. Durch die Benennung dieser Formen kann hegemonialer Männlichkeit der Boden entzogen werden. Wie oft folgen wir in der Erwachsenenbildung Männern, die scheinbar dem Bild hegemonialer Männlichkeit entsprechen? Kann ein nicht so cooler Mann ein guter Trainer sein? Welche Rückmeldungen bekommt er? Welche Männlichkeiten sollen in den Bildungsinstituten repräsentiert sein? Diese Fragen könnten zu Diskussionen in Bildungsinstituten anregen und eine Reflexion der Männlichkeitsbilder einleiten.

Dekonstruktion

Dieser Ansatz fand seinen Anfang im französischen Poststrukturalismus (Jacques Derrida) und in seiner feministischen Rezeption u.a. durch Luce Irigaray Anfang der 1970er-Jahre. Zu einer breiteren Rezeption, auch im deutschsprachigen Raum, kam es durch Judith Butler 20 Jahre später. Derridas Ausgangspunkt bildet seine Kritik am abendländischen Logozentrismus, der zu laufenden Ausschließungen von Identitäten führt. Er entwickelte daher mit der Dekonstruktion eine textuelle Strategie der Aufdeckung von Werten und Normen. Texte werden zerlegt, verschoben und gedeutet, bis sich das Ausgeschlossene erschließt und den Sinn durcheinander bringt.

Mit dieser Strategie können Werte und Normen von Diskursen und ihren sprachlichen Ausdrucksformen bewusst und sichtbar gemacht werden. So werden bei der Maßnahme des Kinderbetreuungsgeldes beispielsweise folgende Vorstellungen deutlich: Ein Kind muss drei Jahre lang zuhause betreut werden, eine Mutter verzichtet mindestens für zwei Jahre auf die Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit, ein Vater darf lediglich maximal ein Jahr nicht erwerbstätig sein. In der Erwachsenenbildung kann uns dieser Ansatz dabei helfen, der Handlung zugrunde liegende Vorstellungen, Werte und Normen von TeilnehmerInnen, Konzeptionen, Angeboten zu erfassen und mit ihnen umzugehen.

Diskurstheorie

Diese Gendertheorie gründet auf Michel Foucaults Diskursbegriff und wurde vor allem durch Judith Butler Anfang der 1990er-Jahre im deutschsprachigen Raum bekannt. Diskurse sind nach Foucault Systeme des Denkens und Sprechens. Sie bilden privilegierte Orte der sozialen Konstruktion von Gender. Nach Butler ist Gender vor allem in Diskursen der Rechtsprechung, der Naturwissenschaften und der Medizin verortet. Sie geben den Rahmen für unser Verständnis von Gender. Sprachliche Ausdrucksformen sind in diese Diskurse eingebettet und durch sie hervorgebracht. So werden wir erst durch den Diskurs der Zweigeschlechtlichkeit als Frauen und Männer benannt. Andere Möglichkeiten wie Transsexualität oder Intersexualität bleiben ausgeschlossen. Sie werden rechtlich nicht anerkannt.

Ziel dieses Ansatzes ist es vor allem, dualistische Prinzipien unseres Denkens aufzubrechen und Ausgeschlossenes zu integrieren und zu benennen, zur Sprache oder in den Diskurs zu bringen. Durch kreative Sprachnutzung und Sichtbarmachen des ungewollt Zum-Ausdruck-Gebrachten können wir Denk- und Sprechsysteme sukzessive verändern. Als Beispiel dafür kann die Veränderung der Sprache durch die Repräsentation von Frauen genannt werden. Als zentraler Ort sprachlicher Vermittlung ist die Erwachsenenbildung in diesem Zusammenhang gefordert, im Bildungssetting Diskursrezeptionen mit ihren Bedeutungen und Auswirkungen zu reflektieren. Was bedeutet es z.B., im Seminar laufend von einem traditionellen Familienmodell auszugehen und zu sprechen, wenn AlleinerzieherInnen teilnehmen?

Queer Theory

Den Ursprung der Queer Theory bildet die Fortführung der lesbisch-feministischen und schwulen Theoriebildung in den USA Anfang der 1990er-Jahre. Zu dieser Zeit tobte die AIDS-Debatte. In der lesbisch-schwulen Community wurde deutlich, dass in der Betreuung von an AIDS Erkrankten Unterschiede gemacht wurden. Vor allem schwule Männer waren beispielsweise je nach Hautfarbe, Herkunft und Bildung unterschiedlich betroffen. Dieser Umstand weist nach der Queer Theory auf zweierlei hin: Sexualität ist ebenso eine soziologische Strukturkategorie wie Geschlecht und bestimmt die soziale Verortung der Einzelnen. Des Weiteren schließt die ausschließliche Verwendung der soziologischen Strukturkategorie Sexualität andere Identitäten aus. Der Begriff "queer" (engl.) bedeutet schräg, seltsam, verdächtig, eigenartig usw. und versucht, Identitäten neu zu fassen. Mit der Verwendung dieses Begriffs als Strategie wird Identität auf die Dauer als uneindeutig gesetzt.

Es wird davon ausgegangen, dass Identitäten laufend entstehen, entwickelt, bestimmt werden und dass dieser Prozess nie endet. Ziel ist es, normative Fixierungen zu durchkreuzen und die Begriffe für das von ihnen Ausgeschlossene zu öffnen. An dieser Stelle wird der Konnex zur Strategie der Dekonstruktion sichtbar, die auch im Rahmen der Queer Theory eingesetzt wird. Gerade im Kontext der Erwachsenenbildung kommt es im formellen und informellen Rahmen z.B. zu normativen heterosexuellen Inszenierungen, die eng mit dem Geschlecht verknüpft werden. Andere Sexualitäten werden weder angesprochen oder ermöglicht noch berücksichtigt. Die Queer Theory kann uns an diesem Punkt die Auseinandersetzung erleichtern.

Gendertheorien und Erwachsenenbildung

In der Studie "Der Gender Markt. Eine qualitative Studie zu AnbieterInnen, Strukturen und Standards" (2006) erläutern Birgit Buchinger und Ulrike Gschwandtner Folgendes: Die inhaltlich-theoretische Positionierung und welche Theorien zur Anwendung kommen, weist bei den aktuellen AnbieterInnen von Gender-Mainstreaming-Bildungsangeboten eine sehr hohe Heterogenität auf. In der praktischen Arbeit wird meist auf eine bewusst gewählte Mischung von Theoriezugängen Bezug genommen. Viele weisen vor allem auf die Wurzel der Frauenforschung und feministischen Wissenschaft hin. Auf welche Theorien zurückgegriffen wird, steht in engem Zusammenhang mit den Quellprofessionen der ErwachsenenbildnerInnen.

Resümee

Zu empfehlen ist nach unserer Meinung eine mehrperspektivische, integrative und situationsadäquate Anwendung der oben vorgestellten Theorien. Denn jede Theorie lässt sich in Haltungen, Konzepte, Methoden und Techniken übersetzen. Auf diese Weise wird genderkompetente und gendergerechte Erwachsenenbildung möglich.

Literatur

  • Becker, Ruth / Kortendiek, Beate (Hrsg.) (2004): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden: Vs Verlag.
  • Becker-Schmidt, Regina / Knapp, Gudrun-Axeli (2003): Feministische Theorien. Zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag.
  • Beier, Stefan / Fröhler, Norbert / Kahmann, Marcus / Rüter, Christian (Hrsg.) (2001): Kritische Männerforschung. Neue Ansätze in der Geschlechtertheorie. Hamburg.
  • Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Gender Studies. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag.
  • Butler, Judith (1997): Körper von Gewicht. Gender Studies. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag.
  • Connell, Robert W. (2006): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Wiesbaden: Vs Verlag, 3., veränderte Auflage.
  • Glaser, Edith / Klika, Dorle / Prengel, Annedore (Hrsg.) (2004): Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft. Bad Heilbrunn/Obb.: Verlag Julius Klinkhardt.
  • Stephan, Inge / Braun von, Christina (Hrsg.) (2005): Gender@Wissen. Ein Handbuch der Gendertheorien. Köln, Weimar, Wien: UTB Böhlau Verlag.
  • Villa, Paula-Irene (2003): Judith Butler. Campus Einführungen. Frankfurt, New York: Campus Verlag.
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Theoretische Modelle

Gendertheorien sind vielfältig und interdisziplinär. Für die Erwachsenenbildung relevante theoretische Bezüge sind in den Geistes- und Sozialwissenschaften verortet. Hier können Sie sich einen Überblick über die zentralen Diskurse der Gender Studies verschaffen.

Gleichheit

Die Gleichheitstheorie entstand in der so genannten Ersten oder Alten Frauenbewegung (Anfang 20. Jh.) und wurde von der Zweiten oder Neuen Frauenbewegung (1970er-Jahre) übernommen. Danach sind alle Frauen und Männer in ihren Fähigkeiten, Fertigkeiten und Eigenschaften gleich. Zudem sind alle Frauen und Mädchen durch Gewalt von Männern betroffen. Aus dieser Haltung hat sich die heutige Gleichstellungspolitik entwickelt, der wir die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern in Österreich verdanken. Kritisiert wird an der Gleichheitstheorie, dass sie die Unterschiede und Hierarchien unter Frauen ausblendet. In der Erwachsenenbildung kann uns diese Theorie dazu verhelfen, unsere Vorannahmen über die Fähigkeiten von Frauen und Männern abzubauen.

Sexuelle Differenz

Diese Theorie wurde von den so genannten "Mailänderinnen", einer Philosophinnengruppe in Mailand, in den 1980er-Jahren entwickelt. Sie kritisierten an der Gleichheitstheorie, dass die Gleichstellung die Anpassung von Frauen an die männliche Norm fördere. Sie stellten ihr die Annahme entgegen, dass Frauen und Männer per se unterschiedlich seien. Die Eigenart des Weiblichen - die weibliche Differenz - würde durch die patriarchale Gesellschaft unterdrückt. Sie traten für eine Aufwertung des Weiblichen ein.

Aus dieser Theorie entspringt jene Frauenpolitik, die sich für die Sichtbarkeit von Frauen und eigene Frauenräume einsetzt. Ziel ist die Bestimmung eines eigenen weiblichen Subjekts, unabhängig von einer männlichen Norm. In dieser Theorie wird die Beteiligung von Frauen an Diskriminierungen übersehen. Zudem wird die weibliche Differenz weder begründet noch belegt. Außerdem muss auch die zugrunde gelegte Zweigeschlechtlichkeit in Frage gestellt werden. Zentral für die Erwachsenenbildung ist zum einen die aus dieser Theorie stammende Forderung nach geschlechtsspezifischer Sprache: Das bedeutet, Frauen in grammatikalisch weiblicher und Männer in grammatikalisch männlicher Form anzusprechen. Zum anderen können hier spezifische Seminarangebote für Frauen eingeordnet werden.

Diversität

Auch diese Theorie wurde aus der Kritik an der Gleichheitstheorie und an der Theorie der sexuellen Differenz in den 1980er-Jahren entwickelt. Ihr Ursprung liegt in der "black women´s liberation" in den USA (Angela Davis, Bel Hooks u.a.). Lesbische, jüdische, eingewanderte und behinderte Frauen schlossen sich an. Sie alle stellten fest, dass Feminismus lediglich weiße, westliche und heterosexuelle Frauen umfasste (und vielfach noch umfasst). Andere gesellschaftliche Konfliktlinien wie Rassismus und andere Diskriminierungsformen wurden und werden ausgeblendet. Ihre Grundannahme: Es gibt nicht "die Frauen" und auch keine "weibliche Zugangsweise". Demnach müssen Diversitäten wie Herkunft, Hautfarbe, Klasse, Behinderung, Alter und sexuelle Orientierung in das Blickfeld rücken.

Die Diversitätstheorie führte zu einer Differenzierung der Angebote für Frauen. So entstanden z.B. Lesbenzentren, Vereine für Migrantinnen und Mädchenprojekte. Bezogen auf die Erwachsenenbildung wurde deutlich, dass wir aus Genderperspektive nicht nur "die Frauen" und "die Männer" im Feld unserer Betrachtungen haben sollten. Vielmehr könnte es darum gehen, Frauen und Männer in ihren unterschiedlichen Identitäten, mit ihren Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten wahrzunehmen.

Ethnomethodologischer Konstruktivismus

Dieser Ansatz kam aus der angloamerikanischen Frauen- und Geschlechterforschung Mitte der 1980er Jahre in den deutschen Sprachraum (Carol Hagemann-White, Erving Goffman, Harold Garfinkel). Ausgangspunkt war die Feststellung, dass Gender sozial konstruiert wird. In unseren Interaktionen inszenieren wir Gender. Alle anwesenden Personen sind an dieser Konstruktion beteiligt und bestimmen die Genderbilder des Moments mit. Demnach ist Geschlecht nicht etwas, das wir haben, sondern etwas, das wir tun (vgl. Carol Hagemann-White). Aus der Ethnomethodologie kommt für diesen Prozess der Geschlechtsinszenierung der Begriff "Doing Gender".

Daraus folgt, dass sich Frauen und Männer an der Konstruktion der zweigeschlechtlichen Gesellschaft beteiligen. VertreterInnen dieses Ansatzes beschäftigen sich mit der Frage, wie in welchen Kontexten Gender konstruiert wird. Sie stellen damit auch biologistische Argumentationen von Geschlecht in Frage. In der Erwachsenenbildung müssen wir uns bewusst sein, dass wir als TrainerInnen, BildungsorganisatorInnen und in der Bildungskonzeption Gender mitkonstruieren. Wen wir wie ansprechen und welche Angebote wir wem machen erzeugt Bilder von Gender.

Hegemoniale Männlichkeit

Dieses Modell wurde Anfang der 1990er-Jahre vom Soziologen, Pädagogen und Philosophen Robert W. Connell entwickelt. Er geht davon aus, dass hegemoniale Männlichkeit eine gesellschaftliche Strategie darstellt. Diese Strategie beschreibt das zu einer bestimmten Zeit kulturell maßgebliche Deutungsmuster von Männlichkeit. Mit dieser Deutung wird die gesellschaftliche Machtstellung von Männern legitimiert. Hegemoniale Männlichkeit ermöglicht die Überlegenheit von Männern und die Diskriminierung von Frauen. Das ist möglich, weil die Beschreibung hegemonialer Männlichkeit stets Männer als kraft- und machtvoll beschreibt. Kulturell ist sie so fest verankert, dass die Hegemonie unhinterfragt als normal gilt. Selbst nicht herrschende Gruppen unterstützen dieses Bild aktiv.

Seinem Konzept folgend stellt Connell hegemoniale Männlichkeit in Frage, indem er die Alleinstellung dieser Männlichkeitsform hinterfragt. In seinen Forschungen macht er deutlich, dass kaum ein Mann diesem Bild hegemonialer Männlichkeit entspricht und vielmehr verschiedenste Männlichkeiten gelebt werden. Durch die Benennung dieser Formen kann hegemonialer Männlichkeit der Boden entzogen werden. Wie oft folgen wir in der Erwachsenenbildung Männern, die scheinbar dem Bild hegemonialer Männlichkeit entsprechen? Kann ein nicht so cooler Mann ein guter Trainer sein? Welche Rückmeldungen bekommt er? Welche Männlichkeiten sollen in den Bildungsinstituten repräsentiert sein? Diese Fragen könnten zu Diskussionen in Bildungsinstituten anregen und eine Reflexion der Männlichkeitsbilder einleiten.

Dekonstruktion

Dieser Ansatz fand seinen Anfang im französischen Poststrukturalismus (Jacques Derrida) und in seiner feministischen Rezeption u.a. durch Luce Irigaray Anfang der 1970er-Jahre. Zu einer breiteren Rezeption, auch im deutschsprachigen Raum, kam es durch Judith Butler 20 Jahre später. Derridas Ausgangspunkt bildet seine Kritik am abendländischen Logozentrismus, der zu laufenden Ausschließungen von Identitäten führt. Er entwickelte daher mit der Dekonstruktion eine textuelle Strategie der Aufdeckung von Werten und Normen. Texte werden zerlegt, verschoben und gedeutet, bis sich das Ausgeschlossene erschließt und den Sinn durcheinander bringt.

Mit dieser Strategie können Werte und Normen von Diskursen und ihren sprachlichen Ausdrucksformen bewusst und sichtbar gemacht werden. So werden bei der Maßnahme des Kinderbetreuungsgeldes beispielsweise folgende Vorstellungen deutlich: Ein Kind muss drei Jahre lang zuhause betreut werden, eine Mutter verzichtet mindestens für zwei Jahre auf die Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit, ein Vater darf lediglich maximal ein Jahr nicht erwerbstätig sein. In der Erwachsenenbildung kann uns dieser Ansatz dabei helfen, der Handlung zugrunde liegende Vorstellungen, Werte und Normen von TeilnehmerInnen, Konzeptionen, Angeboten zu erfassen und mit ihnen umzugehen.

Diskurstheorie

Diese Gendertheorie gründet auf Michel Foucaults Diskursbegriff und wurde vor allem durch Judith Butler Anfang der 1990er-Jahre im deutschsprachigen Raum bekannt. Diskurse sind nach Foucault Systeme des Denkens und Sprechens. Sie bilden privilegierte Orte der sozialen Konstruktion von Gender. Nach Butler ist Gender vor allem in Diskursen der Rechtsprechung, der Naturwissenschaften und der Medizin verortet. Sie geben den Rahmen für unser Verständnis von Gender. Sprachliche Ausdrucksformen sind in diese Diskurse eingebettet und durch sie hervorgebracht. So werden wir erst durch den Diskurs der Zweigeschlechtlichkeit als Frauen und Männer benannt. Andere Möglichkeiten wie Transsexualität oder Intersexualität bleiben ausgeschlossen. Sie werden rechtlich nicht anerkannt.

Ziel dieses Ansatzes ist es vor allem, dualistische Prinzipien unseres Denkens aufzubrechen und Ausgeschlossenes zu integrieren und zu benennen, zur Sprache oder in den Diskurs zu bringen. Durch kreative Sprachnutzung und Sichtbarmachen des ungewollt Zum-Ausdruck-Gebrachten können wir Denk- und Sprechsysteme sukzessive verändern. Als Beispiel dafür kann die Veränderung der Sprache durch die Repräsentation von Frauen genannt werden. Als zentraler Ort sprachlicher Vermittlung ist die Erwachsenenbildung in diesem Zusammenhang gefordert, im Bildungssetting Diskursrezeptionen mit ihren Bedeutungen und Auswirkungen zu reflektieren. Was bedeutet es z.B., im Seminar laufend von einem traditionellen Familienmodell auszugehen und zu sprechen, wenn AlleinerzieherInnen teilnehmen?

Queer Theory

Den Ursprung der Queer Theory bildet die Fortführung der lesbisch-feministischen und schwulen Theoriebildung in den USA Anfang der 1990er-Jahre. Zu dieser Zeit tobte die AIDS-Debatte. In der lesbisch-schwulen Community wurde deutlich, dass in der Betreuung von an AIDS Erkrankten Unterschiede gemacht wurden. Vor allem schwule Männer waren beispielsweise je nach Hautfarbe, Herkunft und Bildung unterschiedlich betroffen. Dieser Umstand weist nach der Queer Theory auf zweierlei hin: Sexualität ist ebenso eine soziologische Strukturkategorie wie Geschlecht und bestimmt die soziale Verortung der Einzelnen. Des Weiteren schließt die ausschließliche Verwendung der soziologischen Strukturkategorie Sexualität andere Identitäten aus. Der Begriff "queer" (engl.) bedeutet schräg, seltsam, verdächtig, eigenartig usw. und versucht, Identitäten neu zu fassen. Mit der Verwendung dieses Begriffs als Strategie wird Identität auf die Dauer als uneindeutig gesetzt.

Es wird davon ausgegangen, dass Identitäten laufend entstehen, entwickelt, bestimmt werden und dass dieser Prozess nie endet. Ziel ist es, normative Fixierungen zu durchkreuzen und die Begriffe für das von ihnen Ausgeschlossene zu öffnen. An dieser Stelle wird der Konnex zur Strategie der Dekonstruktion sichtbar, die auch im Rahmen der Queer Theory eingesetzt wird. Gerade im Kontext der Erwachsenenbildung kommt es im formellen und informellen Rahmen z.B. zu normativen heterosexuellen Inszenierungen, die eng mit dem Geschlecht verknüpft werden. Andere Sexualitäten werden weder angesprochen oder ermöglicht noch berücksichtigt. Die Queer Theory kann uns an diesem Punkt die Auseinandersetzung erleichtern.

Gendertheorien und Erwachsenenbildung

In der Studie "Der Gender Markt. Eine qualitative Studie zu AnbieterInnen, Strukturen und Standards" (2006) erläutern Birgit Buchinger und Ulrike Gschwandtner Folgendes: Die inhaltlich-theoretische Positionierung und welche Theorien zur Anwendung kommen, weist bei den aktuellen AnbieterInnen von Gender-Mainstreaming-Bildungsangeboten eine sehr hohe Heterogenität auf. In der praktischen Arbeit wird meist auf eine bewusst gewählte Mischung von Theoriezugängen Bezug genommen. Viele weisen vor allem auf die Wurzel der Frauenforschung und feministischen Wissenschaft hin. Auf welche Theorien zurückgegriffen wird, steht in engem Zusammenhang mit den Quellprofessionen der ErwachsenenbildnerInnen.

Resümee

Zu empfehlen ist nach unserer Meinung eine mehrperspektivische, integrative und situationsadäquate Anwendung der oben vorgestellten Theorien. Denn jede Theorie lässt sich in Haltungen, Konzepte, Methoden und Techniken übersetzen. Auf diese Weise wird genderkompetente und gendergerechte Erwachsenenbildung möglich.

Literatur

  • Becker, Ruth / Kortendiek, Beate (Hrsg.) (2004): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden: Vs Verlag.
  • Becker-Schmidt, Regina / Knapp, Gudrun-Axeli (2003): Feministische Theorien. Zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag.
  • Beier, Stefan / Fröhler, Norbert / Kahmann, Marcus / Rüter, Christian (Hrsg.) (2001): Kritische Männerforschung. Neue Ansätze in der Geschlechtertheorie. Hamburg.
  • Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Gender Studies. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag.
  • Butler, Judith (1997): Körper von Gewicht. Gender Studies. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag.
  • Connell, Robert W. (2006): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Wiesbaden: Vs Verlag, 3., veränderte Auflage.
  • Glaser, Edith / Klika, Dorle / Prengel, Annedore (Hrsg.) (2004): Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft. Bad Heilbrunn/Obb.: Verlag Julius Klinkhardt.
  • Stephan, Inge / Braun von, Christina (Hrsg.) (2005): Gender@Wissen. Ein Handbuch der Gendertheorien. Köln, Weimar, Wien: UTB Böhlau Verlag.
  • Villa, Paula-Irene (2003): Judith Butler. Campus Einführungen. Frankfurt, New York: Campus Verlag.