Wortaufbau auf dem Tablet
Wortaufbau auf dem Tablet
SMS mit Fehlbuchstaben
SMS mit Fehlbuchstaben

Apps lernen: Erfahrungen aus der Basisbildung

07.01.2016, Renate Ömer, BHW Niederösterreich
Informelles Lernen läuft heute oft in virtueller Umgebung ab. Das lässt sich zum Beispiel für Basisbildung mit Erwachsenen nützen. (Serie: Digitale Technologien und Ressourcen für die Erwachsenenbildung)
Hoher Stellenwert

 

Es ist faszinierend zu beobachten, dass die Teilnehmenden der Basisbildung seit Jahren lückenlos mit Handys versorgt sind. Die Anzahl der nicht internetfähigen Geräte geht mittlerweile gegen Null. Das Handy ist eine Selbstverständlichkeit geworden, wie das Telefonieren auch. Alle wollen erreichbar sein, bequem und unmittelbar kommunizieren. Der hohe gesellschaftliche Stellenwert des Smartphones ist spürbar. Was liegt also näher, als diese Faktoren für den Lernprozess zu nutzen?

 

Die vorhandene technische Ausrüstung der Teilnehmenden als materielle Ressource einzusetzen, die Bedeutung von Kommunikation als Teil des Lernprozesses erlebbar zu machen und Selbstdarstellung als Möglichkeit zur Selbsteinschätzung anzubieten, drängt sich geradezu auf. Das Reizvolle daran ist, dass sich die Teilnehmenden in dieser Perspektive als technisch gut ausgestattet, als ExpertInnen ihrer Kommunikation oder als interessierte LaiInnen erleben können.

 

Lernen in Apps

 

Als Triebfeder noch besser wirken würde die Gestaltung der Apps: die professionellen Grafiken, der Sound, einfach der gesamte Sinneseindruck; attraktiv, einfach, übersichtlich. So dachte ich, als ich begann, Apps in der Basisbildung einzusetzen. Das funktionierte tatsächlich sehr gut; und zwar dort, wo es um das Fokussieren von Buchstaben und Wörtern ging: Wortsuch-Rätsel, Bild-Wort-Aufgaben, Buchstaben-Durcheinander zu Wörtern ordnen u. ä.

 

Allerdings müssen wir uns an das Wortmaterial der Apps anpassen. Und das wiederum orientiert sich auf Schriftspracherwerbs-Niveau an der Lebenswelt von Kindergarten- und Volksschulkindern. Das wird von den Lernenden sehr unterschiedlich wahrgenommen. Indem ich offenlege, warum ich eine bestimmte App zum Lernen verwende, versuche ich klarzustellen, dass das Übungsniveau einer App leider nicht immer dem geistigen Niveau der Lernenden entspricht: “Was kann die App? ansprechende Grafik, Hinweise auf die Lösung, ermöglicht Training mit Selbstkontrolle - und kindisch ist sie halt auch.” Eine App darf in meinen Lerngruppen abgelehnt werden; so wie anderes Übungsmaterial auch.

 

Klar geworden ist mir bis jetzt, dass ich mir von Lern-Apps viel zu viel erwartet hatte: Sie sollten klar erkennbar bestimmte Fertigkeiten trainieren, einfach und übersichtlich in der Bedienung sein, den Lernständen meiner Gruppe entgegenkommen, Hinweise zur Lösung geben, Selbstkontrolle ermöglichen, aktivieren und motivieren, und, und, und … Keine App kann das leisten, nicht einmal die, die wir selbst zu programmieren versucht haben.

 

Überrascht hat mich aber immerhin, dass sich einige Lernende von Wort-Bild- oder Such-Rätseln zum Anwenden von Problemlöse-Strategien anregen haben lassen. Das ließ sich schön beobachten und auch thematisieren – vor allem dann, wenn die Strategie erfolgreich war. Eine Strategie bewusst zu machen und den Erfolg zu “feiern” ist meiner Meinung nach ein Meilenstein in der Basisbildung: der Ausgangspunkt für weitere Erfolgserlebnisse im Lernprozess.

 

Lernen an Apps

 

Ebenso spannend ist das Feld des informellen Lernens, das sich in der Arbeit mit Apps eröffnet. In einem geplanten Lernprozess, einer vorbereiteten Lernumgebung ergeben sich Möglichkeiten des direkten Transfer von Gelerntem in Alltagssituationen: Handy lautlos stellen, Telefonnummern aus dem Telefonprotokoll mit Namen im Adressbuch abspeichern, WLAN einschalten, WLAN-Passwort eingeben, gratis WLAN benutzen, Handy-Bedienung auf Tablet übertragen, am Tablet Erlerntes (kurzes Antippen, langes Drücken und Halten) am eigenen Handy ausprobieren, Handy als mobilen Hotspot verwenden, etc.

 

Die Erfahrung, ‘nicht das Gerät steuert mich, sondern ich das Gerät’ ist ein wunderbarer Beitrag zum Gefühl der Selbstwirksamkeit. Ein Zeichen für Empowerment ist für mich auch, wenn Lernende in Lehr-Rollen schlüpfen, um ihre eigenen Tipps und Erfahrungen weiterzugeben. Und dann sind auch Austausch und Rückmeldung im Lernprozess gewährleistet. Tatsächlich können elektronische Medien dazu verleiten, sich mit technischen Details aufzuhalten, sich mit Bedienungskram zu verzetteln. Klar ist: Für eine funktionierende Kommunikation sollte ein Medium gewählt werden, dessen Verwendung keine Mühe macht.

 

Nichtsdestoweniger: Erfahrungen mit neuen Medien zu machen, kann bestärkend sein und neugierig machen. Lernsequenzen dazu können Teilnehmende der Basisbildung im Alltag entlasten.

 

Apps einsetzen

 

Bei Learning Apps lernen meiner Erfahrung nach nicht nur Kursteilnehmende. Im Vorfeld und in der Evaluation lernt die Kursleitung wohl mindestens ebenso viel. Um festzustellen, welche App gerade passt, stelle ich mir Fragen zum Gruppensetting, zur Arbeitsfähigkeit als Gruppe, zum Lernstand, zur Heterogenität in der Gruppe und zur Binnendifferenzierung.

 

Da ich viele dieser Fragen im Vorhinein nicht gut beantworten kann, hängt der Einsatz von Apps letztendlich von der Experimentierfreudigkeit aller ab. Die ist natürlich umso größer, je mehr Freiräume in der Gestaltung des Lernangebotes bestehen: Curriculum oder Prüfungsanforderungen sind hier eher hinderlich.

 

Mit Bestimmtheit sagen kann ich, dass eine Aktivität mit Apps immer länger dauert als geplant; oft genug einfach deshalb, weil sie viele fasziniert.

 

Serie: Digitale Technologien und Ressourcen für die Erwachsenenbildung

In einer Serie von praxisnahen Beiträgen berichtet erwachsenenbildung.at über digitale Möglichkeiten für das Lernen und Lehren von und mit Erwachsenen. Enorme Chancen sind damit verbunden, was Öffnung, Kommunikation und Austausch, aber auch Arbeitserleichterung und Effizienz betrifft. Die Serie soll dazu ermutigen, die technischen Möglichkeiten zu erproben und sich diese letztlich (individuell und als Bildungssektor) anzueignen. Alle bisher erschienenen Beiträge der Serie finden Sie hier.

Weitere Informationen:
Verwandte Artikel
  • (Kritische) Basisbildung mitgestalten

    (Kritische) Basisbildung mitgestalten

    Seit Jänner 2016 absolvieren 23 MigrantInnen eine Ausbildung zur/zum BasisbildnerIn und setzen dabei ihre vielfältigen Ressourcen ein. (Serie: Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft) »mehr
  • Call for Papers: Wandel durch Digitale Technologien

    Call for Papers: Wandel durch Digitale Technologien

    Wie verändern digitale Technologien die Erwachsenenbildung? Meb30 ist jetzt für Einreichungen offen. »mehr
  • Aufrufe zur Einreichung von Projekten im Rahmen des ESF

    Aufrufe zur Einreichung von Projekten im Rahmen des ESF

    Im Oktober wird das BMBF, Abteilung Erwachsenenbildung, eine Reihe neuer Calls für Förderungen im Rahmen des Europäischen Sozialfonds veröffentlichen. »mehr
  • Neue Aus- und Weiterbildungen für die Basisbildung

    Neue Aus- und Weiterbildungen für die Basisbildung

    Aktiven ebenso wie angehenden BasisbildnerInnen stehen ab sofort neue und mehr fachspezifische Angebote zur Aus- und Weiterbildung zur Verfügung. »mehr
  • BasisbildnerInnen diskutieren Bedingungen und Gestaltungsmöglichkeiten

    BasisbildnerInnen diskutieren Bedingungen und Gestaltungsmöglichkeiten

    Ende September 2016 findet im Rahmen des Netzwerks MIKA am bifeb erstmals ein Workshop zum „Beruf Basisbildung“ statt. »mehr
WEITERSAGEN: 
EBmooc
themen
Nationaler Qualifikationsrahmen
Informationen zum Nationalen Qualifikations-rahmen (NQR).
»mehr
ESF Programmperiode 2014-2020