Jana Brabcová, Präsidentin des Tschechischen AIVD
Jana Brabcová, Präsidentin des Tschechischen AIVD

Tschechischer Verband für Erwachsenenbildung (AIVD) entwickelt QS-System

15.11.2015, Online-Redaktion
Nachbarland will Qualität von Bildungsanbietern in die Diskussion bringen und AuftraggeberInnen ebenso wie KundInnen Orientierung bieten.
Nach Angaben der Präsidentin des tschechischen AIVD Jana Brabcová macht den größten Teil der Erwachsenenbildung in der Tschechischen Republik die Berufsbildung aus. Dabei entscheiden nicht die tatsächlichen NutzerInnen, also die Lernenden, über die Wahl des Bildungsangebots, sondern ArbeitgeberInnen oder Arbeitsämter. Nach Frau Brabcová ist für die Wahl eines Angebots meistens ausschließlich der Preis entscheidend, Qualität spiele hierbei kaum eine Rolle. Diese Situation sei vor allem durch öffentliche Aufträge im Rahmen der europäischen Fonds verursacht, die in Tschechien als wichtigste Geldgeber in der Berufsbildung fungieren. Ein niedriger Preis sei dabei "das sicherste Kriterium", um eine Vertragsverlängerung zu erhalten, so Brabcová.


Der Tschechische Verband für Erwachsenenbildung (AIVD ČR) will diese Situation ändern und beteiligte sich im Rahmen des Proekts „KONZEPT“ (ein Projekt des Ministeriums für Schulwesen, Jugend und Sport) an der Schaffung des Qualitätssicherungssystems für Einrichtungen der Erwachsenenbildung, das vergangenen Herbst im Rahmen einer Fachtagung in Bratislava (SK) einem internationalen Publikum vorgestellt wurde.


Vier Säulen als Qualitätskriterien


Der tschechische AIVD hat vier Qualitätskriterien als Säulen des Systems definiert. Die Bildungseinrichtungen müssen in jedem Kriterium wenigstens Mindeststandards erfüllen, damit sie als qualitativ gelten. Die Qualitätssäulen und Mindestanforderungen sind folgende:

 

1. Säule: Qualifizierte MitarbeiterInnen


Die erste Säule betrifft Qualifikationen von Personen, die in der Erwachsenenbildung tätig sind. Um nach dem Qualitätssicherungssystem als qualifiziert anerkannt zu werden, gilt beispielsweise eine Ausbildung in Erwachsenenbildung, zusätzlich muss man mindestens ein Jahr Praxis vorweisen können. Auch ohne formale Ausbildung kann man sich qualifizieren, indem man vor einem autorisierten Komitee eine Prüfung ablegt. Auch dann ist mindestens ein Jahr Praxis erforderlich, um als qualifiziert anerkannt zu werden.


Um dieses Qualitätskriterium zu erfüllen, müssen in einer Bildungsinstitution mindestens 35% aller Lehr-/Lernstunden durch qualifizierte MitarbeiterInnen durchgeführt werden.


2. Säule: Prozessgestaltung in der Bildungseinrichtung


Zweites Kriterium ist die Prozessgestaltung in einer Institution. Hier sind u.a. folgende Fragen von Interesse: Wie sehen die Abläufe aus, sowohl vor als auch nach einer Bildungsveranstaltung? Wie effektiv gestaltet die Einrichtung den Prozess? Spielen Bildungsbedarfe der NutzerInnen eine Rolle? Wie sieht die Evaluation in der Institution aus? Um die Mindestanforderung zu erfüllen, müssen die Einrichtungen regelmäßig Evaluationen durchführen.


3. Säule: Technischer und didaktischer Hintergrund


Die dritte Säule betrifft den technischen und didaktischen Hintergrund. Verwendet die Einrichtung legale Software? Entwickelt sie eigene Materialien oder Programme? Wie wird methodisch und didaktisch vorgegangen? Die Mindestanforderung ist, dass die Einrichtungen legale Software sowie legale Materialien und Unterlagen nutzen. Außerdem müssen die Bildungsveranstaltungen in einer hygienisch und psychohygienisch unbedenklichen Umgebung stattfinden.


4. Säule: TeilnehmerInnen- und KundInnenorientierung


Bei diesem Qualitätskriterium geht es darum, wie sehr an den KundInnen und TeilnehmerInnen orientiert eine Institution arbeitet, und wie flexibel die Institution sich nach Bildungsbedarfen ausrichten kann. Eine Bildungseinrichtung muss zumindest eine Kontaktperson für KundInnen und TeilnehmerInnen haben.

Fünf-Sterne-Modell als Qualitäts-Rating


Das Qualitätssicherungsmodell unterscheidet nicht nur, ob Qualität in einer Institution vorhanden ist oder nicht, sondern beschreibt unterschiedliche Stufen der Qualität. Eine Institution kann einen bis fünf Sterne erreichen, wobei bereits ein Stern von der Erfüllung minimaler Ansprüche zeugt und somit als Qualitätssiegel gilt. Je höher die Institutionen eingestuft sind, desto mehr haben sie auch die einzelnen Qualitätskriterien erfüllt.


Die verschiedenen Stufen und deren Abgrenzung wirken auf den ersten Blick komplex, allerdings gibt es auch quantitative Parameter. In einer Institution mit einem Stern genügt es z.B. wenn  35% aller Lern-Lehreinheiten von qualifizierten MitarbeiterInnen geführt werden, in einer Einrichtung mit fünf Sternen liegt der Anteil bei mindestens 90%.


Als Grund für ein Rating-Modell nennt Frau Brabcová, dass die Qualität der Bildungseinrichtungen in Tschechien sehr unterschiedlich ist. Das Tool soll motivieren sich zu steigern, gleichzeitig soll eine Steigerung auch nicht unerreichbar sein. Durch ein Rating sei die Bereitschaft sich verbessern zu wollen höher, da eine Steigerung Schritt für Schritt möglich ist und eine höhere Einstufung nicht unmöglich erscheint, so Brabcovà.


Prüfung der Qualität durch Selbst-, Fremd- und NutzerInnenevaluation


Will eine Bildungseinrichtung am Rating teilnehmen, kann sie sich nach vorangegangener Selbsteinschätzung für eine bestimmte Stufe zur Evaluierung anmelden. Dazu gibt es ein Selbstevaluations-Formular, das sie ausgefüllt an den Verband schickt. Anschließend prüfen externe EvaluatorInnen diese Einschätzung. Die EvaluatorInnen sind Mitglieder des Konzept-Teams, das sich aus verschiedenen Organisationen zusammensetzt. Dazu gehören Schulen, Universitäten, NGO’s, das Arbeitsministerium, der tschechische AIVD und das Unterrichtsministerium.

 

Außerdem kann die Institution den EvaluatorInnen eine NutzerInnenliste vorlegen, wenn die NutzerInnen einwilligen. Als NutzerInnen gelten sowohl die AuftraggeberInnen der Weiterbildung, wie zum Beispiel Firmen oder Arbeitsämter, als auch die TeilnehmerInnen, die das Bildungsangebot direkt nutzen. So können die PrüferInnen bei diesen NutzerInnen um Rückmeldungen anfragen. Nach der Prüfung entscheidet sich ob und wie viele Sterne die Institution tatsächlich erreicht.


Erfahrungen aus der Pilotierungsphase


An der Einführungsphase haben 12 Einrichtungen teilgenommen. Die Resonanz war sowohl seitens der Institutionen als auch seitens der NutzerInnen sehr positiv, meint Brabcová. Aufgefallen sei, dass die meisten Organisationen sich selbst sehr realitätsnah, also übereinstimmend mit den externen EvaluatorInnen, eingeschätzt haben. Weiters aufgefallen ist, dass nicht nur die größeren, sondern auch die kleinen Bildungseinrichtungen hohe Qualität aufgewiesen haben.


Im nächsten Schritt soll nun eine weitere Einführungsphase folgen, in deren Zuge das Tool auch überarbeitet werden soll. Der tschechische AIVD will Qualität noch intensiver in die Diskussion bringen und die Wichtigkeit pädagogischen Handelns stärker in den Fokus stellen. Am Ende der Testphase soll ein Qualitätssicherungssystem stehen, das Aussagen über Qualität trifft und das als Orientierung in der Erwachsenenbildungslandschaft dient. AuftraggeberInnen sollen dann genauso wie Lernende die Entscheidung für ein Bildungsangebot nicht nur mehr nach dem Preis fällen sondern auch andere Gütekriterien in Erwägung ziehen.


Das Qualitätssicherungsmodell wurde im Rahmen einer Fachtagung des Slowakischen Erwachsenenbildungsverbandes in Bratislava am 24. September 2015 vorgestellt, zu der auch die Autorin dieses Beitrags eingeladen war. Zum Thema Qualitätssicherung in der Weiterbildung präsentierten slowakische und tschechische ExpertInnen aktuelle Projekte und Entwicklungen. Die Tagung fand unter dem Dach der slowakischen Lifelong Learning Week statt, die jährlich zu bestimmten Themen veranstaltet wird.

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