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Kreativität und Gestaltung im Pflichtschulabschluss

04.08.2015, Text: Sonja Molnar, VHS Burgenland, Redaktion: Barbara Kreilinger, VÖV
Eine Kursleiterin erzählt, wie die Arbeit im Pflichtschulabschluss NEU den Unterricht fächerübergreifend und projektorientiert werden lässt. (Serie: Kunst und Kultur)
  • Foto: Sonja Molnar
    Das künstlerische Tagebuch
  • Foto: Sonja Molnar
    Die Gruppe beim Gestalten
Es war im Herbst 2013, als für mich aktuell wurde, dass im Pflichtschulabschluss NEU die Fächer „Bildnerische Erziehung“ und „Musikerziehung“ zusammengefasst für den neuen Lehrgang „Kreativität und Gestaltung“ vorzubereiten wären. Und dass ich im Burgenland die erste Kursleiterin mit diesem Angebot wäre.


Nach anfänglichen Unsicherheiten und dem Studium des Curriculums wurde mir schnell klar, dass ich hier die einmalige Chance hatte, Kunst- und Musikunterricht so zu gestalten, wie ich beides selber gerne als junge Erwachsene genossen hätte: zeitnah, fächerübergreifend und projektorientiert.


Trotz dem erfreulichen Trend zur Projektarbeit fand ich es wichtig, als roten Faden die Geschichte, die Chronologie beizubehalten, um den TeilnehmerInnen einen Überblick über die Kunst- und Musikgeschichte zu gewährleisten. Nicht zuletzt, um möglichst viele Lerntypen anzusprechen.


Ein künstlerisches Tagebuch
Anstatt der üblichen Mitschriften und Unterlagen machten wir ein sogenanntes „Artjournal“ als künstlerisches Tagebuch zum Mittelpunkt des Unterrichts. Die TeilnehmerInnen erhielten in jedem Abschnitt Handouts zu Geschichte und Stil der jeweiligen Epoche sowie Biographien der bedeutendsten Musikerinnen und KünstlerInnen. Diese konnten frei verarbeitet werden, als Collage, handgeschrieben, illustriert oder verziert.


Das Artjournal wurde von den TeilnehmerInnen nach anfänglichem Zögern sehr gut angenommen, immer mehr eigene Ideen fanden darin Platz und für manche wurde es zum „echten“ Tagebuch. Bis auf ein paar spezielle „Artjournal-Aufgaben“ ließ ich den TeilnehmerInnen freie Hand bei der Gestaltung und so spiegelten die Bücher am Ende des Kurses großartig die Persönlichkeiten ihrer BesitzerInnen wieder.


Musik liegt in der Luft
Natürlich wurde auch die Musik der jeweiligen Epochen gehört und besprochen. Einen kleinen Einblick gab uns da beispielsweise der Film „Amadeus“, der neben all der Fiktion auch ein realistisches Licht auf die Arbeitsweise Mozarts und die gesellschaftlichen Umstände damals warf.


Musik ist immer mit Emotionen verbunden und ein weiteres Highlight in unserem Kurs war sicher, als alle TeilnehmerInnen ihr persönliches Lieblingslied vorstellen und darüber reden durften. Beachtenswert war hier die gegenseitige Wertschätzung und Neugier aufeinander, jedes Lied wurde interessiert gehört und analysiert. Diese Unterrichtseinheit war sicher die, in der wir am meisten übereinander erfuhren und einander verstehen lernten.


Facebook
Eine weitere Neuerung war die Erstellung einer Facebook Seite, um unsere Arbeit zu dokumentieren und sichtbar zu machen. Hier war den TeilnehmerInnen und mir wichtig, dass Gesichter nicht erkennbar waren. Fotos der Gruppe wurden verfremdet oder maximal Hände gezeigt. Das Nachholen eines Schulabschlusses ist für manche nach wie vor ein sensibles Thema und so wollte ich es auch behandelt haben.


Abschluss
Zur Prüfung erhielten die TeilnehmerInnen zwei vorgegebene Themenbereiche, die sie zu erarbeiten und anhand ihrer Werke zu erläutern hatten. Sie präsentierten die Artjournals und sprachen über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Kurs. Zusätzlich erstellten sie im Vorfeld eine Facharbeit, in der sie den Kursinhalt beschrieben und reflektierten.


Resümee
Für mich als Kursleiterin war dieses Konzept im Wesentlichen gut durchführbar. Natürlich gab es Probleme, Krisen, manchmal waren TeilnehmerInnen überfordert vom Umfang des Lernstoffes, vom Arbeitsaufwand. Künstlerische Fächer sind immer auch emotionsbehaftet und mein Konzept bedurfte ständiger Modifizierung, der Stoff musste sprachlich noch einfacher, klarer aufgearbeitet werden, Aufgaben noch detaillierter beschrieben werden.


Dennoch glaube ich sagen zu dürfen, dass unsere TeilnehmerInnen im Großen und Ganzem zufrieden waren mit ihren Ergebnissen und Arbeiten, offener wurden für Kunst und Musik, die sie vorher noch nicht kannten und – was mein vordringlichstes Ziel war – lernten, an eine Aufgabenstellung kreativer und vielseitiger heranzugehen.

Kompetenzfeld Kreativität und Gestaltung
Die Burgenländischen Volkshochschulen haben ihre Lehrgänge zum Pflichtschulabschluss NEU so konzipiert, dass alle TeilnehmerInnen die Möglichkeit haben drei Wahlfächer kennen zu lernen, unabhängig von ihrer zukünftigen Berufswahl. Als allgemeinbildende Erwachsenenbildungseinrichtung ist es genau dieser Anspruch alle Kompetenzfelder gleichrangig und gleichwertig nebeneinander anzubieten. Gerade das Kompetenzfeld „Kreativität und Gestaltung“ beinhaltet spannende und vielfältige Möglichkeiten. Für viele TeilnehmerInnen wird erstmals eine Berührung mit Kunst geboten und ein Zugang zur eigenen Kreativität, zur eigenen Gestaltungs- und Ausdrucksmöglichkeit geöffnet.


Pflichtschulabschluss NEU
Der Pflichtschulabschluss ist ein zentrales Moment in der Bildungslaufbahn eines Menschen. Er bildet die Grundvoraussetzung für den Berufseinstieg oder den Besuch einer weiterführenden Schule. Mit dem Bundesgesetz zum „Pflichtschulabschluss durch Jugendliche und Erwachsene“ wurde ein methodisch und fachlich attraktiver Bildungsabschluss geschaffen, der die Hauptschulabschluss – Externistenprüfung ablöst.


Es ist ein fächerübergreifendes Modell mit dem Ziel einer erwachsenengerechten, kompetenzorientierten Unterrichts- und Prüfungskultur, die die Handlungsdimensionen in den Mittelpunkt stellt. In einem rund. eineinhalb Jahre dauernden Lehrgang werden sieben Kompetenzfelder unterrichtet und geprüft, wo neben den allgemeinbildenden Inhalten auch das Wahlfach“ Kreativität und Gestaltung“ angeboten wird, um künstlerisch-kreative Kompetenzen zu entwickeln und zu fördern.

 

Serie "Kunst und Kultur in der Erwachsenenbildung"
In einer Serie von Berichten, Interviews, Essays und programmatischen Beiträgen berichten Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Verbänden, Netzwerken und Einrichtungen 2015 über die künstlerischen und kulturellen Aspekte von Erwachsenenbildung. In dieser Gemeinschaftsinitiative soll sichtbar werden, wie wichtig kreative Zugänge zur Welt und deren Aneignung sind. Bildung fungiert hier ebenso sehr als Kulturträger wie auch Innovator. Sie eröffnet Freiräume im Denken und Handeln, schafft Verständigung zwischen den Menschen und Kulturen und hilft uns Identität im Wandel zu begreifen und immer neu zu entwickeln. Alle Beiträge zur Serie finden Sie hier.