Impressum | Sitemap | English

Heimat und Identität

17.06.2015, Text: Renate Ömer, BHW Niederösterreich
Dr. Floßmann ist Leiter des BHW-Fachbereichs Heimat und Identität. Als Erwachsenenbildner baut er auf Beteiligung und Identifikation. Im Interview mit Renate Ömer erklärt er, was dahinter steckt. (Serie: Kunst und Kultur)
  • Gerhard Floßmann Foto: G. Floßmann
    Gerhard Floßmann im Interview
Herr Dr. Floßmann, Sie waren 37 Jahre lang Professor für Geschichte in einer HTL. Woher kam Ihr Interesse für Heimat- und Regionalforschung?

 

Viele HTL-Schüler waren als Praktiker wenig an so einem theoretischen Kram wie Römerzeit oder Jugendstil interessiert. Ich habe immer wieder historische oder kunsthistorische Exkursionen angeboten - es galt, völlig uninteressierte Leute zu motivieren! Ich wollte Schüler einfach "historisch" aktivieren, mit ihnen etwas unternehmen.


Nebenbei habe ich irrsinnig viel gearbeitet: B-Matura-Kurse, für die Akademie der Wissenschaften Urbare herausgegeben, z. B. vom Stift Seitenstetten u.a., Arbeitsgruppen geleitet, Orts- und Bezirkskunden herausgegeben, die große Bekanntheit erreichten. Zehn Jahre lang betreute ich das Stiftsarchiv in Melk.


Im BHW-Fachbereich "Heimat und Identität" kann ich Fachwissen weitergeben und Forschung im ländlichen Raum initiieren: Jenische in Loosdorf (Geheimsprache, Messerstecher), tschechische Migration in Hürm um 1900, eine regionalkundliche Bibliografie des Bezirkes Amstetten, Mitteilungen für Regional- und Heimatforschung herausgeben.

 

Wie gelingt es Ihnen, Erwachsene zu bewegen, Regionalkultur zu betreiben?

 

Alle Lernenden müssen abgeholt werden. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Mein pädagogisches Credo besteht aus drei Teilen: Erstens das Material dort hinbringen, wo sich die Leute aufhalten; zweitens sie aktivieren, sich mit dem Material auseinanderzusetzen und drittens sie selber entscheiden lassen, welche Inhalte sie bearbeiten wollen.

 

Den Blick schärfen, Fachwissen zur Betrachtung aufbauen, das ist das Interessanteste. Erst die Umsetzung des angeeigneten Wissens in eigenen Vorhaben führt dazu, dass es nachvollzogen werden kann.

 

Wie sieht das im Detail aus? In welchen Zusammenhängen interessieren sich Leute für Heimatforschung?

 

Da gibt es z. B. den Mostviertel-Stammtisch der GenealogInnen oder 38 Bäuerinnen in Gmünd, die eine Hauschronik erstellen möchten. In Hinterleiten gibt es eine landwirtschaftliche Fachschule; da lernen 19 junge Bäuerinnen in Nachmittagskursen Familienforschung zu betreiben und Hauschroniken zu verfassen - mit anschließender Exkursion in das Landes- und Diözesanarchiv. ARGEs schreiben Stadtbücher über Ybbs und Mank. Die Publikation "Elsa Plainacher - Die Hexe von Mank" war da eine herausragende Leistung. Aktivieren heißt hinausgehen, nicht daheimsitzen.


Meine Erfahrung ist: bei Gruppenunterricht sind die Leute oft mit den grundsätzlichen Fragen und der wissenbezogenen Zusammenarbeit überfordert. Daher: an der Materie schulen - Kurrentschrift lesen lernen mit dem Ziel, historische Quellen analysieren, mit dem Ziel, eine Ortskunde (= Gesamtdarstellungen mit historischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Längsschnitten, bebildert, leicht zu lesen) zu erstellen. Ein Drittel will Anerkennung, ein Drittel ist indifferent, ein Drittel ist interessiert. Dieses Drittel muss sehr gefördert werden. Die Arbeitsaufgaben im Kurs müssen am Lebensumfeld der Teilnehmenden orientiert sein. Voraussetzung für den Erfolg: Man muss sich für die Menschen und für das Fach interessieren. Dann macht die Arbeit einen irren Spaß. Letztlich ist das Ziel doch, kritisch zu werden, aber auch, sich an erbrachten Leistungen zu erfreuen. Das ist wichtig für das Leben.

 

Wo liegen die Stolpersteine?

 

Zum Beispiel diese Veranstaltung an einem mir bekannten Erwachsenenbildungsinstitut vor langer Zeit: Da sollte eine bekannte Kunstkritikerin und ein Künstler Erwachsenen Kunstbetrachtung beibringen. Alles war ausgezeichnet geplant, die Vortragenden waren wirkliche Koryphäen auf ihrem Gebiet. Trotzdem gab es nur eine Anmeldung! Was fehlte, war die Werbung! Ich muss hingehen und anbieten - von selber kommt keiner.


Oder: 70-80 Leute wollten Heimatkunde betreiben, aber wissen nicht wie und was. Es gilt, die Fertigkeiten und das Wissen der "Heimatkundler" so weit zu schulen, dass diese den Ansprüchen der studierten Historiker entsprechen, beispielsweise über eine zertifizierte Ausbildung zur Regional- und Heimatforschung. Das könnte auch den Archiven nützen, sie hätten dann qualifizierte Gegenüber, die wissen, was sie wollen und tun. Das sind unsere Angebote über das BHW.

 

Ihren Äußerungen entnehme ich eine sehr hohe idealistische Motivation. Was sind denn die materiellen Ressourcen bei Ihrer Arbeit?

 

Für eine Bildungsveranstaltung muss eine minimale Infrastruktur vorhanden sein: ein Beamer, eine Leinwand oder eine Projektionsfläche, ein leistungsfähiger Internet-Anschluss. Marktplatz Bildung, eine Bildungsinitiative des Landes NÖ, habe ich gebeten, für jeden größeren Ort in einem Vortragsraum die Infrastruktur und ihre Wartung zu professionalisieren - so banale Ansprüche wie z. B. den Zugang zum Lernraum so einzurichten, dass er der Projektionswand gegenüber liegt, sodass zu spät Kommende nicht daran vorbei müssen; eine Garderobe zur Verfügung zu stellen, die Möglichkeit zum Abdunkeln geben, den Beamer zu warten, für eine kontrastreiche Projektionsfläche zu sorgen, ausreichend Stecker oder Verlängerungskabel zu haben usw. Bildungsinitiativen brauchen grundsätzlich eine projektbezogene finanzielle Förderung, keine organisations- oder firmenbezogene. Es gibt so viel zu tun!

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Serie "Kunst und Kultur in der Erwachsenenbildung"
In einer Serie von Berichten, Interviews, Essays und programmatischen Beiträgen berichten Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Verbänden, Netzwerken und Einrichtungen 2015 über die künstlerischen und kulturellen Aspekte von Erwachsenenbildung. In dieser Gemeinschaftsinitiative soll sichtbar werden, wie wichtig kreative Zugänge zur Welt und deren Aneignung sind. Bildung fungiert hier ebenso sehr als Kulturträger wie auch Innovator. Sie eröffnet Freiräume im Denken und Handeln, schafft Verständigung zwischen den Menschen und Kulturen und hilft uns Identität im Wandel zu begreifen und immer neu zu entwickeln. Alle Beiträge zur Serie finden Sie hier.