Regisseurin Hanne Lassl über ihre Erfahrungen bei der Arbeit am Film
Regisseurin Hanne Lassl über ihre Erfahrungen bei der Arbeit am Film

"Du siehst eine Parallelwelt" - Interview mit Regisseurin Hanne Lassl

16.12.2014, Bianca Friesenbichler, Online-Redaktion
Der Dokumentarfilm "Rosi, Kurt und Koni" begleitet drei Menschen mit Basisbildungsbedarf. Er wird ab März 2015 in den heimischen Kinos zu sehen sein.
In "Rosi, Kurt und Koni" begleitet Hanne Lassl drei Menschen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben und sich in einer von Schrift und Vorschrift geprägten Welt zurecht finden müssen. Er zeigt, wie sie sich ihren Herausforderungen stellen und für Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen. Bianca Friesenbichler sprach mit der Drehbuchautorin und Regisseurin.


Friesenbichler: Du bist "Regisseurin" des Films "Rosi, Kurt und Koni". Wie ist deine Rolle zu beschreiben - gerade bei Dokumentarfilmen, wo wahrscheinlich völlig anders gearbeitet wird als bei Spielfilmen? 

Lassl: Normalerweise bin ich als Produktionsleiterin, nicht als Regisseurin tätig. Das ist mein erster Film. Bei einem Dokumentarfilm schreibt man zwar ein Konzept und weiß damit, wozu man grundsätzlich arbeiten will, aber die Reise geht dann manchmal ganz woanders hin als man angenommen hatte. Bei diesem Film war das besonders stark ausgeprägt. Mein ursprünglicher Plan war es, Menschen Schritt für Schritt im Rahmen von Basisbildungskursen dabei zu begleiten, wie sie Lesen und Schreiben lernen. Auf die Geschichten, die sich im Zuge meiner Arbeit aufgetan haben, war ich nicht vorbereitet gewesen. Damit hat sich der Film stark verändert. Das ist prinzipiell das Spannende beim Dokumentarfilm: Die ProtagonistInnen sind eben keine SchauspielerInnen und es gibt auch kein festgeschriebenes Drehbuch. Die Reise geht dorthin, wo sie hingeht. Der Film wird vom Leben geschrieben.


Die Grundidee und das Konzept stammen von dir. Wie bist du darauf gekommen, dich mit diesem Thema auseinander zu setzen?

Meine Schwester, die in Frankreich lebt, arbeitet in der Alphabetisierung. Ich verbringe immer wieder mehrere Wochen bei ihr in Paris.  Eines Abends kam sie von der Arbeit heim und erzählte: "Heute ist etwas Irres passiert! Eine 65-jährige Frau hat heute angefangen zu lesen!" Sie war an diesem Abend richtig aufgebracht und hat mich damit sehr bewegt. Ich habe sie gebeten, mich einmal in die Schule mitzunehmen. Dort durfte ich dann einige TeilnehmerInnen kennen lernen und dabei kam mir die Idee, einen Film über diese Menschen zu machen. Als ich wieder zu Hause war, begann ich zu recherchieren und drei Wochen später war mein Konzept fertig. 


Was waren deine größten Herausforderungen bei der Arbeit am Film?
Die Menschen "aufzumachen", das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Zwischendurch war ich schon sehr verzweifelt, weil ich gerade bei diesem Tabuthema keine ProtagonistInnen finden konnte. Als ich endlich ProtagonistInnen gefunden hatte, sind sie wieder abgesprungen. Es ist wirklich ein schreckliches Tabuthema! Ich wollte den Film schon aufgeben. Doch irgendwann ist es dann gelungen, Rosi, Kurt und Koni für den Film zu gewinnen. Sie haben mir sehr klar gesagt, was ich mit ihnen drehen könne. Sie haben entschieden, was sie erzählen und was nicht. Deswegen hat das auch so lange gedauert - ich habe eineinhalb oder zwei Jahre an dem Film gedreht - die Nähe herzustellen und das Vertrauen zu gewinnen, hat seine Zeit gebraucht. Aber heute vertrauen sie mir sehr! Sie haben den Film auch schon gesehen und mögen ihn. 


Was waren deine persönlichen ganz großen Highlights in diesen zwei Jahren, was deine Learnings?
Meine Learnings waren, dass sich Geschichten total verändern können und man sehr aufmerksam sein muss, weil sich ganz plötzlich eine andere Richtung ergeben kann. Diese  totale Flexibilität hatte ich mir ja auch gewünscht, war letztlich aber auch eine große Herausforderung. 


Sehr fordernd war für mich auch, dass mir anfangs nicht bewusst war, wie stark mich die Geschichten der Betroffenen berühren und bewegen würden. Ich habe gewusst, dass sie Hilfe brauchen und Möglichkeiten, mit ihrem Leben umzugehen, aber ich wusste beispielsweise nicht, dass ein Mann das Sorgerecht für sein Kind nicht erhält, weil er nicht lesen und schreiben kann. Es spielen zwar mehrere Faktoren hinein, aber in einem Gutachten steht, dass Kurt aufgrund dessen für sein Kind nicht sorgen könne. Und ich erlebe ihn als sorgenden Vater. Er kann für den Buben kochen, geht sehr liebevoll mit ihm um. Wo er Bedarf hat, ist, diese Behördenbriefe zu verstehen. Lesen kann er sie ja. Aber das dann auch zu verstehen, dafür brauchte er Unterstützung.


Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass Elfriede, die Freundin von Rosi, die sich über viele Jahre um sie gekümmert hat, plötzlich einen Sachwalter einschalten wollte. Ich wusste auch nicht, wie ich das einordnen sollte. Ich das gut oder schlecht für Rosi? Letztendlich glaube ich, es war gut für Rosi, weil sie dadurch selbständig werden musste.


Dass diese Menschen mit so existentiellen Fragen konfrontiert sein würden - damit hatte ich tatsächlich nicht gerechnet.


Auch mit Arten von Diskriminierung?
Diskriminierung - das kann ich eigentlich nicht beurteilen. Es gibt Gesetze und ich denke, jeder meint es gut mit jedem, auch wenn das, was dabei herauskommt, nicht immer auch gut ist. Diskriminierung am Arbeitsplatz zum Beispiel habe ich überhaupt nicht erlebt. Einer der Protagonisten, Koni, wurde durch meinen Dreh geoutet in seiner Firma. Ich hatte ihn gebeten, an seinem Arbeitsplatz drehen zu dürfen. Ich habe das Thema der Firma gegenüber heruntergespielt, indem ich sagte, ich mache einen Film über Menschen, die sich am Abend weiterbilden. Es ist aber herausgekommen, worum es tatsächlich geht und auf einmal wusste jeder, was vorher niemand wusste. Wir waren anfangs völlig entsetzt und ich hatte ein äußerst schlechtes Gewissen. Das Schöne war aber, dass die Firma Koni heute sehr unterstützt. Er kann sich immer wieder für das Lernen frei nehmen. Das Outing im Betrieb war letztlich gut für ihn. Diskriminierung habe ich insofern nicht erlebt. Aber die ProtagonistInnen des Films sind auch sehr stark und stehen zu sich.


Ich persönlich hatte auch nicht erwartet, was durch die Arbeit am Film bewegt werden kann. Anfangs war ich davon ausgegangen, dass ich den Leuten etwas nehme, wenn ich ihren Weg begleite und daraus einen Film mache. Ich hatte Angst, zu sehr in ihr Leben einzudringen. Aber genau das Gegenteil ist passiert: Tatsächlich hat sie die Arbeit am Film sehr gestärkt in dem, was sie tun oder darin, wie sie zu sich selbst stehen. Sie sind  sehr stolz und sehr stark geworden. Da hat sich tatsächlich auch in ihrem Leben etwas verändert und ich glaube, das liegt daran, dass ihnen jemand zugehört und Aufmerksamkeit geschenkt hat.


Warum würdest du den Film empfehlen? Was ist für dich das ganz Besondere an deinem Produkt?
Für mich ist es schwierig, das auf den Punkt zu bringen. Ein Freund von mir, der die Arbeit gesehen hat und selbst auch Filmemacher ist, hat gesagt: Das Besondere ist, dass du etwas siehst, was du sonst nie sehen würdest: eine Parallelwelt, die wir alle nicht kennen. Der "normale Mensch", glaube ich, beschäftigt sich nicht mit Basisbildungsbedarfen. In die Welt von Betroffenen einmal hineinzuschauen, in ihrem Wohnzimmer zu sitzen und zu sehen, wie sie leben, was sie denken, welche Wünsche sie haben und mit welchen Problemen sie konfrontiert sind und gleichzeitig zu sehen, wie stark sie sind, das glaube ich ist die Qualität des Films. 


Ich schätze diese Menschen wirklich sehr! Sie haben alle drei nach neun Jahren Schule gar nichts gekonnt und sie gehen jetzt am Abend in die Schule und Koni macht jetzt sogar eine Lehre. Das muss man sich vorstellen! Auch die anderen beiden lernen konsequent, wenn auch nicht in derselben Konsequenz wie Koni, der ja keine Familie hat. Das sind eben unterschiedliche Lebenssituationen.


Ich frage mich, warum sie das in neun Jahren Schulzeit nicht gelernt haben. Für mich ist das unverständlich, warum sie das in neun Jahren nicht gelernt haben, es jetzt mit 45 aber lernen können. Das konnte mir niemand beantworten.


Habt ihr auch über die Schulzeit gesprochen und über ihre Lernerfahrungen in der Schule?
Ja, alle drei sind völlig traumatisiert von ihren Schulerfahrungen! Sie sind alle zur Sonderschule gegangen und Sonderschule ist Sonderschule. Wenn du einmal in der Sonderschule landest, hast du keine gesellschaftlichen Anschlussmöglichkeiten mehr. Sie sagen von sich selbst, sie seien faul gewesen, aber ich denke: Warum waren sie denn faul? Sie haben keinen Spaß in der Sonderschule gehabt. Und ich sage ihnen dann immer: Es ist nicht eure Schuld! Ich denke, wenn jemand neun Jahre lang zur Schule gegangen ist und jetzt in  vier, fünf Jahren am Abend nach acht Stunden Arbeit in der VHS das lernt, was er als Kind als Neunjähriger nicht gelernt hat - das ist ja kein dummer Mensch! Ganz im Gegenteil!


Abgesehen davon muss die Motivation dazu dann sehr hoch sein.
Die Motivation kommt vom Leidensdruck. Irgendwann sagten sie sich: Ich will das nicht mehr, ich will raus! 


Wenn du von diesen drei Personen ausgehst: Was glaubst du, worauf müssten BasisbildungstrainerInnen achten?
Die machen eh alles richtig. Mir hat der Umgang mit den TeilnehmerInnen sehr gut gefallen. Wie die TrainerInnen auf die TeilnehmerInnen eingegangen sind: Wo hat der Einzelne Probleme? Etwa die Waschmaschinenanleitung, die ich nicht lesen kann und solche Dinge. Ich finde auch sehr schön, dass die Menschen auch sozial abgeholt werden, dass man mit ihnen rausgeht. Da werden beispielsweise "Bildungsreisen" gemacht, das heißt, man geht mit ihnen ins Museum, ins Kino etc. Das verändert was im Leben. 


Im Sinne erwachsenengerechter Arbeit gegenüber dem Schulunterricht für Kinder?
Ja. Sie lernen nicht mit dem Kinderschulbuch, sondern anhand alltäglicher Probleme, mit denen sie konfrontiert sind. Was mir zum Beispiel auch so gut gefallen hat, ist, wie wir mit Kurt ins Belvedere gegangen sind. Es ist Teil des Bildungsprogramms der Volkshochschule, dass den Lernenden auch Kunst gezeigt wird, man sie aus ihrem sozialen Gefüge herausholt und woanders hinführt. Sie entdecken dabei so viele Dinge. Ich fand auch schön, dass wir mit ihnen einen Animationsfilm gemacht haben, der auch Teil meines Films ist. Ich wollte so gerne, dass die drei ProtagonistInnen selbst ihre eigene Geschichte erzählen und nicht immer ich von außen auf ihre Geschichte blicke. Das sollte mit dem Animationsfilm gelingen. Anfangs wollten sie nicht mitmachen, aber der Workshopleiter meinte: Wer einmal kommt, kommt immer wieder. Und so war es dann auch. Es hat ihnen großen Spaß gemacht, sie haben gebastelt und ihre Geschichten entwickelt. Dieses kreative Arbeiten hat Türen geöffnet. 


Wie geht es bei dir jetzt weiter? Was sind deine nächsten Projekte? Gibt es schon Ideen?
Ich  bin hauptberuflich Produktionsleiterin, d.h. ich lebe davon, Filme zu organisieren. Mehrere Projekte sind dahingehend geplant: Nächste Woche fliege ich nach Israel im Rahmen des Projekts "Desert Kids". Dabei geht es um arabische und jüdische Kinder, die in Israel aufwachsen, um ihre unterschiedlichen Kulturen usw. Ein eigenes Projekt habe ich derzeit keines vor. Ich brauche jetzt auch eine Pause; es ist schon sehr anstrengend, einen solchen Film zu machen. Zunächst würde ich gerne abwarten, ob das Thema die Menschen überhaupt interessiert und sie sich den Film anschauen. Mich interessiert es, aber interessiert es auch andere? Ich weiß es nicht. 

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