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Early School Leaving - Erwachsenenbildung als Alternative

25.07.2017, Text: Lucia Paar, Online-Redaktion
"Wenn die ‚Praxis der Freiheit' verloren geht, haben Early School Leavers wenig gewonnen" - Judith Veichtlbauer (VHS Wien) im Interview.
  • Grafik: CC0 geralt/pixabay.com
    Judith Veichtelbauer über EB als Alternative zur schulischen Erstausbildung und die Wichtigkeit der Selbstbestimmung
Frühzeitiger Schulabbruch ist im Bildungsbereich stetes Thema und auch in der Erwachsenenbildung immer präsent. Aber welche Position nimmt sie dabei ein? Eine Annährung zur Rolle der Erwachsenenbildung mit Judith Veichtlbauer - Projektkoordinatorin für Bildungsabschlüsse bei der VHS Wien.

Lucia Paar: Early School Leavers - wer ist damit überhaupt gemeint?

Judith Veichtlbauer: Laut EU- Definition Jugendliche ohne formalen Abschluss auf der Sekundarstufe II. Ein Pflichtschulabschluss reicht demnach nicht. Der wesentliche Punkt ist, dass die Latte relativ hoch ist, mit dem immer gleichen Argumentationskreislauf, dass nur höhere Bildung Teilhabe an der Gesellschaft per Arbeitsplatz ermöglicht. Das erfordert immer mehr Bildungsanstrengung. Das wird zumindest suggeriert.

 

Dass unsere "Chancengesellschaften" aber nicht wirklich funktionieren, haben die in vielen europäischen Staaten hohen Arbeitslosenraten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen - auch bei gut Ausgebildeten - gezeigt.
Die sogenannten Early School Leavers zeigen deshalb auch, dass sie die Verheißungen, über Bildung gesellschaftlichen Anschluss zu finden, immer weniger glauben.

 

Die Schulen werden in diesem System verstärkt als Disziplinierungsanstalt wahrgenommen. Ob man mit der gesetzlichen Ausbildungspflicht und akribischem Monitoring jedes Schulabbruchs der zunehmenden Marginalisierung breiter Schichten beikommen wird, wage ich zu bezweifeln. Denn dahinter steht ein grundsätzliches Strukturproblem und nicht nur eines schulischer Strukturen.

Lucia Paar: Und inwieweit betrifft das Thema "Early School Leaving" die Erwachsenenbildung?

Judith Veichtlbauer: Die Erwachsenenbildung hat in den letzten Jahren verstärkt Kompensationsaufgaben übernommen. Sie hat die Übergänge zwischen Schule und Arbeitsmarkt abgefedert und einem wachsenden und breiten Personenkreis Abschlüsse außerhalb des Regelschulsystems ermöglicht. Die Early School Leavers sind sozusagen eine Kern-Klientel der Erwachsenenbildung.

 

Es gibt damit auch eine Tendenz der Verschulung, gekoppelt an Projektfinanzierung und entsprechende Erfassung und Kontrolle der TeilnehmerInnen, die ich mit Skepsis beobachte.
Es sind meiner Erfahrung nach die Momente der Selbstbestimmtheit, die die Erwachsenenbildung für Lehrende und Lernende ausgemacht haben. Wenn dieser Hauch von Bildung als "Praxis der Freiheit" unter anderen in den Anwesenheitspflichten und fixierten Kontingenten an Unterrichtseinheiten pro TeilnehmerIn verloren geht, haben die sogenannten Early School Leavers wenig gewonnen.

Lucia Paar: Apropos Selbstbestimmung - Diese Menschen haben sich gegen den formalen Bildungsweg "Schule" entschieden. Wie soll die Erwachsenenbildung diese Personen erreichen?

Judith Veichtlbauer: Es braucht Information und durchfinanzierte Strukturen. Die Frage nach jenen "die erreicht werden sollen" impliziert allerdings schon wieder den Zwangscharakter, gegen den ich mich vorhin ausgesprochen habe. Motivation für Bildung entsteht nicht unbedingt über Vermittlung des AMS oder Gesetze zur Ausbildungspflicht. In den abschlussorientierten Angeboten des 2. Bildungswegs merkt man in der Praxis sehr wohl den Unterschied, ob Leute aufgrund eines funktionierenden Netzes von Beratungseinrichtungen freiwillig kommen oder ob sie "müssen".

 

Natürlich führt die Erwachsenenbildung inzwischen auch arbeitsmarktnahe Qualifikationsgänge durch, aber ich möchte sie nicht ausschließlich als verlängerter Arm einer Qualifikationspflicht sehen, die dem AMS zuarbeitet und das Schulsystem nachbearbeitet.

Lucia Paar: Welchen Platz nimmt die Erwachsenenbildung somit aktuell beim Thema "Nachholen des Pflichtschulabschlusses" ein? Ist sie Reparaturwerkstatt der Schule?

Judith Veichtlbauer: Den 2012 eingeführte erwachsenengerechten Pflichtschulabschluss haben maßgeblich ErwachsenenbildnerInnen konzipiert. Erwachsenengerechter Pflichtschulabschluss wollte dezidiert nicht als Reparaturwerkstatt für den schulischen Hauptschulabschluss antreten. Er soll eine Alternative sein, die nicht den Stoff nachholend eintrichtert, sondern Prinzipien erwachsenengerechten Lernens und wachsende Diversität auch in Kursgruppen ernst nimmt. Er soll auch wesentliche Kompetenzen wie das Denken in Zusammenhängen im Sinne Negts fördern.

 

Vieles, was in der lange diskutierten Bildungsreform in den Schulen thematisiert wurde, wie fächerübergreifendes Unterrichten und sozialpädagogische Begleitung, ist im Rahmen der Initiative Erwachsenenbildung und des Curriculums für den neuen Pflichtschulabschluss in der Erwachsenenbildung längst Realität. Das ermöglicht Abschlüsse auch für jene, für die das schulische System zumindest bisher zu unflexibel war. Aus dieser Perspektive ist die Erwachsenenbildung eine Reparaturwerkstatt, ja.

 

Dennoch greift dieses beliebte Bild zu kurz, weil es unterstellt, dass der reguläre schulische Abschluss auf Sekundarstufe II im jugendlichen Alter unhinterfragte Norm ist, die man zu "reparieren" hat. Das Prinzip des Lebenslangen Lernens sollte ja auch das Recht umfassen, sich auch zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Bildungsweg zu entscheiden, weil vorher anderes wichtiger ist oder eben auch der soziale Hintergrund behindert hat. Auch mit Blick auf die Entwicklung zur Migrationsgesellschaft ist die Erwachsenenbildung nicht nur Reparaturwerkstatt, weil es vielfach gar nichts Schulisches zu reparieren gibt - und junge MigrantInnen vielfach nur in den Strukturen der Erwachsenenbildung aufgefangen wurden.

 

Ausblick: Im Sommer 2017 erscheint in der Reihe "Dossier erwachsenenbildung.at" eine Publikation zum Thema "Der Zweite Bildungsweg in Diskussion". Das Dossier von Wolfgang Brückner, John Evers, Christian Nowak, Peter Schlögl und Judith Veichtlbauer gibt fundierten Einblick in die geschichtlichen Hintergründe, exemplarischen Angebote und aktuellen Perspektiven des sogenannten Zweiten Bildungswegs.

Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa