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Mit der Kamera am Rollstuhl: Videos und Inklusion

10.07.2017, Text: Otto Rath, freier Redakteur/CONEDU, Redaktion: Online-Redaktion
Im Medienbüro von Alpha Nova produzieren Menschen mit Behinderung unter anderem Radiobeiträge und Imagefilme. Dies erhöht nicht nur ihre digitale Kompetenz, sondern gibt ihnen mit den digitalen Tools neue Ausdrucksmöglichkeiten an die Hand.
  • Bild: Medienbüro Bild: Medienbüro
    Digitale Inklusion fördert das Selbstbewusstsein.

Radiobeiträge in Kooperation mit dem freien Radio Helsinki

Das Medienbüro des sozialen Dienstleistungsunternehmens Alpha Nova produziert unter anderem Filme und Radiosendungen – gemeinsam mit Radio Helsinki. Die Idee Radiosendungen zu machen brachte Christian Stani, der vorher schon bei Radio Helsinki gearbeitet hatte, in das Medienbüro ein. Die Philosophie von Radio Helsinki, möglichst diverse Gruppen zu Wort kommen zu lassen, spiegelte sich schon in den ersten Radiobeiträgen von Alpha Nova wider: die behandelten Themen legen den Schwerpunkt auf die Lebenswelten von Menschen mit Behinderungen.

 

Kommunikationsmittel Video

Videos zu produzieren war der nächste Schritt des Medienbüros, der aus praktischen Überlegungen angestoßen wurde: Mit einer deutschen Rollstuhlfahrerin aus Berlin, die mit dem Elektrorolli eine Interrailreise gemacht und darüber ein Buch geschrieben hatte, sollte ein Interview geführt werden. Die Fragen wurden als Video aufgezeichnet und an die Interviewpartnerin verschickt, die ihrerseits per Videobotschaft antwortete. In der Folge wurde dieses Verfahren für Interviews genutzt, wenn der direkte Kontakt - etwa durch Mobilitätseinschränkungen - nicht möglich war.

 

Christian Stani beschreibt das Potenzial von Videos für seine Zielgruppen: „Wir merken immer wieder, dass das Medium sehr gut ankommt. Gegen Schrift, trotz „leichter lesen", gibt es Widerstand. Videos funktionieren besser. Wir haben für den Alpha Nova Ombudsmann ein Video gemacht. Er schreibt zwar schon noch Mails, aber mit Videos erreicht er seine Zielgruppen viel einfacher. Viele haben auch keine Mailadresse."

 

Mit der Kamera am Rollstuhl

Die Arbeit mit Videos mündete schließlich in einem konkreten, marktfähigen Angebot: Kurzfilme und Imagefilme für Unternehmen, nicht nur aus dem Bereich der Sozialdienstleistungen. Das Team des Medienbüros, bestehend aus Menschen mit Behinderung und BetreuerInnen, produzierte mittlerweile einige Filme, unter anderem für atempo und für die Gärtnerei Painer. „Das Ergebnis war so, wie wir uns das vorgestellt haben. Die Videos sind sehr gut geworden, wie uns auch unsere KundInnen bestätigen, und auch die Produktion selbst war beeindruckend: Kameras wurden auf Rollstühle aufgebaut, der Kameramann ist mit dem Rollstuhl gefahren und hat gefilmt, es waren kurz gesagt zwei beeindruckende Drehtage." berichtet Peter Painer, der Inhaber der Gärtnerei.

 

Entwicklung der digitalen Kompetenz

Digitale Kompetenzen sind keine Voraussetzung für die Mitarbeit im Filmteam. „Es ist kein Auswahlkriterium, ob sich jemand schwer tut im Umgang mit dem PC. Es geht vielmehr um die Leidenschaft für das Thema." betont Christian Stani. Das nötige Hintergrundwissen und die Benutzung der Tools eignen sich die MitarbeiterInnen gemeinsam an. „Allein der Umgang mit Schnittprogrammen, mit Ton, das ist ein Grundstock, den alle lernen: Was ist eine Videodatei, was ist eine Tondatei, wie kann man das bearbeiten, was kann man damit machen? Dieses Grundwissen kriegt jeder mit.", so Stani weiter.

 

Auch das Veröffentlichen auf sozialen Plattformen übernehmen die TeilnehmerInnen selbst. Sie lernen die Grundkenntnisse über die Funktionen von Facebook und Youtube und verbessern dabei sukzessive ihre digitalen Kompetenzen.

 

Digitale Inklusion fördert das Selbstbewusstsein

Die Arbeit an der Produktion eines Radiobeitrags oder eines Films stellt aber auch einen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung dar. Etwa ein Interview mit einem Prominenten zu führen erfordert oftmals Überwindung und braucht entsprechende Vorbereitung. Das Selbstbewusstsein steigt vor allem, wenn die TeilnehmerInnen zeigen können, dass sie in der Lage sind, mit digitalen Tools gut umgehen können.

 

Peter Painer unterstreicht die Bedeutung dieser Form der digitalen Inklusion, die er in Bezug zu seiner Firmenphilosophie setzt: „Alpha Nova mit der Produktion unseres Imagefilms zu beauftragen war eine ganz bewusste Entscheidung, weil wir eine am Menschen orientierte Philosophie verfolgen. Für das Selbstbewusstsein ist es wichtig, dass sie eine Bestätigung ihrer Arbeit bekommen."

 

Ismael'S World

Was im Kontext der Aufträge erlernt wird, transferieren einzelne TeilnehmerInnen ins Private: „Ich sammle mit jedem Dreh immer wieder neue Erfahrungen und kann diese auch im privaten Bereich weiterverwenden. Ich kann mich mit anderen austauschen – auch mit Fachleuten. Vor allem am Computer und mit Schnittprogrammen hab ich schon so viel gelernt.", erzählt Ismael Zeed, der seine Kurzfilme auf Youtube unter Ismael'S World veröffentlicht.

Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa