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Lernorientierte Regionalentwicklung: Von individuellem zu regionalem Lernen

26.05.2017, Text: Christine Bärnthaler, Online-Redaktion
Von kollektiven Lernprozessen der BewohnerInnen ländlicher Regionen profitieren die soziale und wirtschaftliche Entwicklung, und es entstehen Impulse für die Erwachsenenbildung.
  • Bild: CC0 congerdesign/pixabay.com
    Lernorientierte Regionalentwicklung
Landflucht und Verstädterung sind zunehmende Phänomene, die - unter anderem auch - mit den Bildungsangeboten in den Städten zu tun haben. Lernen in der Region spielt eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, wie sich die Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort mit der Region identifizieren und wie sie sie verantwortlich mitgestalten. In den letzten 20 Jahren konnte ich als Regionalentwicklerin zahlreiche regionale Lernprozesse initiieren und begleiten. Dabei ist mir klargeworden, wie immens hilfreich Bildung und Lernen für die Menschen vor Ort sind und welches umfangreiche Erfahrungswissen bereits vorhanden ist.

 

Vom Umgang mit dem Wissen der BewohnerInnen

 

Jede Region hat aufgrund ihrer natürlichen und kulturellen Gegebenheiten aber auch des Wissens der BewohnerInnen ihre Stärken, Besonderheiten und Eigenheiten, die ihre besondere Charakteristik ausmachen. In jeder Region ist verschüttetes Wissen vorhanden. Wird es sichtbar, ist es von ungemeinem Nutzen für die Menschen, die dort leben - aber auch für die Region als Ganzes.

 

Damit eine zukunftsfähige Entwicklung der Lebensqualität möglich ist und ländliche Regionen wettbewerbsfähig bleiben, ist solch spezifisches Wissen erforderlich. Wie in Unternehmen, so bildet auch in Regionen und für AkteurInnen der Regionalentwicklung die Nutzung vorhandenen Erfahrungswissens ein wichtiges, oft unterschätztes Potenzial.

 

Lernen als Grundlage der Regionalentwicklung

 

Nicht nur der Anpassungsdruck ländlich-peripherer Regionen im globalen Wettbewerb ist verantwortlich dafür, dass regionales Lernen an Bedeutung gewinnt. Auch der Trend zur Beteiligung der BürgerInnen bei politischen Entscheidungen bedingt neue Formen der Kooperation und des kollektiven Lernens.

 

Der Regionalforscher Martin Heintel und die Bildungswissenschafterin Helga Fasching verstehen unter Lernorientierung die grundsätzliche Veränderungs- und Innovationsbereitschaft im Rahmen regionaler Entwicklungsmaßnahmen. Die Handlungsfähigkeit der BewohnerInnen wird durch die Entwicklung ihrer kommunikativen Kompetenzen erweitert und sie werden ermächtigt, die Verantwortung für die Entwicklung ihres Lebensumfeldes selbst zu übernehmen.

 

In kollektiven Lernprozessen eine gemeinsame Zukunft entwickeln

 

Voraussetzung für die Kompetenzentwicklung von Individuen und Gruppen ist die Herstellung von kollektiven Lernprozessen, so Heintel und Fasching weiter. Dabei geht es um Vertrauensbildung unter den AkteurInnen, die gemeinsam die Zukunft ihrer Region im Sinne einer „Regional Governance“ entwickeln.

 

Dies passiert beispielsweise in regionalen Leitbildprozessen, finanziert durch regionale Förderprogramme wie z.B. das EU-Förderprogramm für ländliche Regionen (LEADER).

 

Die BewohnerInnen erarbeiten in einem moderierten Lernprozess ein gemeinsames Verständnis ihrer Region und leiten daraus Themenbereiche und Projekte ab, mit denen sie die Region in den kommenden Jahren weiter entwickeln wollen.

 

In „Lernenden Regionen“ vernetzen sich Bildungseinrichtungen mit regionalen Institutionen und Unternehmen und fördern Lebenslanges Lernen nach bedarfsgerechten Kriterien. Wird dieser Prozess teilnehmerInnenorientiert umgesetzt, so entsteht echte Beteiligung der Bevölkerung.

 

Kollektive Handlungsfähigkeit durch Verbindung von Community Education & Citizenship Education

 

Regionale Partnerschaften, wie sie im Zuge des Programms Lernende Regionen pilothaft erprobt wurden, liefern der Erwachsenenbildung relevante Impulse für die Programmplanung. Thematisch lassen sich aus den regionalen Besonderheiten und dem Wissen der BewohnerInnen Angebote ableiten.

 

Andererseits kann man wiederum mit Erwachsenenbildung Menschen im Sinne einer sowohl „Community Education“ als auch „Citizenship Education“ ermutigen, ihr Wissen und ihre Talente einzubringen.

 

Das ist Erwachsenenbildung in einem gelingenden Miteinander. Nicht Kompetenzkataloge und Qualifikationsanforderungen sind hier Maßstab, sondern das, was die Menschen betrifft, fordert und fördert.

 

Was ist also der Benefit von Lernen in der Region? Menschen, die nicht das Gefühl haben, dass sie „denen da oben“ egal sind, sondern deren Bedürfnisse wahrgenommen werden. BewohnerInnen, die etwas anfangen können mit der Gegend, in der sie leben. Und Bildungsanbieter, die mit dem guten Gefühl für ihr Angebot werben, etwas wirklich Relevantes geschaffen zu haben.