Können Facebook-Gruppen auch in der Erwachsenenbildung genutzt werden?
Können Facebook-Gruppen auch in der Erwachsenenbildung genutzt werden?

Die Facebook-Gruppe als unterschätztes Lernmedium?

02.11.2016, Birgit Aschemann, Online-Redaktion
Facebook als soziales Medium ist immer wieder umstritten, die Zahl der NutzerInnen aber hoch. Für Erwachsenenbildung können Facebook Gruppen sehr nützlich und praktisch sein.
Das Thema Facebook polarisiert nach wie vor, auch im Bildungssektor. Das Durchschnittsalter der NutzerInnen steigt jedoch an. Was können Facebook-Gruppen in der Erwachsenenbildung leisten?

 

Facebook - der zwiespältige Ruf eines sozialen Mediums

 

Da sind einerseits die unterschiedlichen Erfahrungsberichte aus dem Schul-  und Hochschul-Bereich. Von Lehrenden wird Facebook oft nachgesagt, ein großer Zeitfresser und Ablenker zu sein - die destruktiven Auswirkungen von Multitasking sind belegt.

 

Deshalb und aus Datenschutzgründen wird im Schulbereich oft sogar von Facebook abgeraten. Auch an den Hochschulen werden die eigenen Lernmanagementsysteme bevorzugt, die oft übersichtlichere Strukturen bieten.

 

Tanja Jadin, Professorin für E-Learning und Neue Medien an der Fachhochschule Oberösterreich (FH OÖ) fand bei der Untersuchung einer exemplarischen Facebook-Gruppe an der FH OÖ, dass Lernende die Gruppe durchaus schätzen: sie erhoffen sich nicht nur Kontakte und Veranstaltungs- oder Jobhinweise, sondern auch unmittelbar studienergänzende Informationen wie Links zu Videos, Vorträgen oder Artikeln. Aktive Studierende haben die Gelegenheit, selber Inhalte oder Fragen einzubringen.

 

Andererseits brachte eine Längsschnittbefragung mit Erstsemestrigen an der Universität Jena Ernüchterndes zutage: weniger als die Hälfte der Studierenden nutzt Facebook von sich aus für das Studium. Eine erhöhte Facebook-Nutzung korrelierte mit schlechteren Studienleistungen - aber es gab einen positiven Zusammenhang mit sozialem Kapital, Integration und Engagement.

 

Einfach, praktisch, gut – und für Bildungszwecke vorbereitet?

 

Den kritischen Befunden gegenüber steht die große Präsenz von – potenziellen – Lernenden auf Facebook: die meisten sind „ohnehin schon da“ und brauchen weder Zugangscodes noch Einschulungen. Der Dienst funktioniert einfach und praktisch, und das „liken“ wirkt als vielzitiertes Belohnungssystem.

 

Seit 2012 bietet Facebook auch gezielt Gruppen für Schulen und Hochschulen an. Diese dienen den Bildungseinrichtungen zur Distribution von Lerninhalten und den Lernenden zur Vernetzung innerhalb einer Bildungseinrichtung - vorausgesetzt, man verfügt über eine einrichtungsbezogene Email-Adresse.

 

Aber natürlich kann man auch unabhängig von Bildungseinrichtungen eine eigene Facebook-Gruppe für Lehr- und Lernzwecke einrichten, dann entfällt die Anforderung einer spezifischen E-Mail-Adresse.

 

Facebook-Gruppen als Ersatz für Lernmanagementsysteme?

 

Betrachtet man die verfügbaren Funktionen in Facebook-Gruppen, lassen sich diese sehr gut für die Aus- und Weiterbildung nutzen.

 

Im Grunde sind die Funktionen und Möglichkeiten ähnlich wie in einem vollwertigen Lernmanagementsystem (LMS): Die TeilnehmerInnen können Beiträge verfassen, Fotos oder Videos teilen, und mit der Dokumentenverwaltungs-Funktion Dateien hochladen und bearbeiten. Damit ist das gemeinsame Diskutieren und Erarbeiten von Aufgaben möglich. Auch Umfragen können einfach erstellt werden Die AdministratorInnen einer Gruppe können wichtige Beiträge im Stream nach oben reihen, um die Übersicht zu verbessern.

 

Es stellt sich die Frage, ob Facebook-Gruppen nicht eine echte Alternative zu Lernmanagementsystemen sind. Besonders für kleinere Einrichtungen oder selbstständige TrainerInnen in der Erwachsenenbildung, die sich Kosten bzw. Support für ein großes LMS nicht leisten wollen, können sich dadurch neue Wege auftun.

 

Vorteile für Lernende und Lehrende

 

Ein Vorteil für die Lernenden besteht darin, dass sie Inhalte und Informationen jederzeit abrufen und eigene Schwerpunkte setzen können. Durch den Austausch können echte Lerngemeinschaften entstehen. Inhalte und Informationen stehen den Gruppenmitgliedern auch nach einem Kurs weiter zur Verfügung.

 

Vor allem ist es für die Facebook-UserInnen bequem, wenn das Bildungsangebot zu ihnen kommt. Die Facebook-App für alle Smartphone-Betriebssysteme ermöglicht immer und überall eine mobile Nutzung.

 

Aus Sicht von Vortragenden können sich Chancen für mehr Effizienz ergeben: Fragen müssen nur einmal beantwortet werden und Antworten bleiben sichtbar. Durch die ständige Verknüpfung mit dem Smartphone können Gruppenmitglieder über neue Nachrichten rasch informiert werden. Auch die gemeinsame Terminplanung innerhalb der Gruppe kann vereinfacht werden.

 

Das klingt ideal. Wo liegt das Problem?

 

Es bleibt die Tatsache, dass es sich bei Facebook um einen kommerziellen und überwachten Dienst handelt. Das gilt trotz der Privatsphären-Einstellungen für Facebook-Gruppen. Für Kurse oder Seminare mit einem definierten TeilnehmerInnenkreis empfiehlt sich ohnehin, die Einstellungen auf geheime oder zumindest geschlossene Gruppe zu setzen.

 

Facebook-Gruppen als Lerngruppen, Lernplattform oder als Ersatz für ein Lernmanagementsystem richten sich an Personen, die bereits zur den aktiven Facebook-NutzerInnen gehören, oder die keine Vorbehalte gegen derartige Dienste haben. Für sie sind die Funktionen wunderbar und können vieles ermöglichen.

 

Zwei Warnungen sollten dennoch beachtet werden, wenn man ein Lernangebot mit einer Facebook-Gruppe plant: erstens, gute Moderation bleibt jedenfalls wichtig. Auch erwachsene Lernende sind noch lange nicht selbstgesteuert zu Lernzwecken aktiv, weil man ihnen ein Medium dafür anbietet. Man muss es auch betreiben. Zweitens: die Bereitschaft der Teilnehmenden sollte man im Vorfeld abklären – und SkeptikerInnen auf die eine oder andere Weise respektieren.

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