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Finanzielle Grundbildung im Radiosender Ö1

29.07.2016, Text: Bianca Friesenbichler, Online-Redaktion
Von April 2015 bis Mai 2016 erörterte Ö1 mit der Radiokolleg-Reihe "Das ABC der Finanzwelt" Hintergründe, Fakten und Zusammenhänge unseres Wirtschaftssystems. Die Reihe steht als Podcast zur Verfügung.
  • Bild: CC BY SA Ken Teegardin/Graph With Stacks Of Coins/flickr.com
    Das aktuelle Wirtschaftssystem - einfach erklärt zum Nachhören
Wie funktioniert das aktuelle Wirtschaftssystem? Was treibt es an und woran krankt es? Die Radiokollegreihe "Das ABC der Finanzwelt" nähert sich diesen Fragen. Anhand ausgewählter Fachtermini erklärt sie Hintergründe, Fakten und Zusammenhänge unserer Finanzwelt. Ein Beitrag zur sog. "Finanziellen Grundbildung", dem kompetenten und mündigen Umgang mit Geld und Finanzen.

Von A wie ATX …


Der ATX (Austrian Traded Index) ist der österreichische Leitindex, der die 20 größten und meistgehandelten Werte, d.h. Aktien von österreichischen Unternehmen beinhaltet. Der ATX steht mit Ende Juli 2016 bei ca. 2.230 Punkten. Wer aber kann mit dieser Leitzahl etwas anfangen? Und was sagt sie aus?

Der ATX ist ein Spiegelbild der Volkswirtschaft und auch des Standortes. Er ist ein Vergleichsmaßstab für die Entwicklung des Aktienmarktes und kann etwa für jene, die in Aktien österreichischer Unternehmen investieren wollen, als erste Orientierung dienen. Konkret handelt sich dabei um einen Mittelwert der wichtigsten österreichischen Unternehmen wie z.B. die Erste Group Bank AK, die OMV AG oder die voestalphine AG. Dieser Mittelwert allein sagt noch nicht viel aus. Wenn Investoren aber aufgrund der Entwicklung des ATX vermuten, dass der Kurs in Zukunft (wieder) steigt, werden sie eher in Aktien österreichischer Unternehmen investieren.

Der Österreichische Index ist stark bankenlastig, d.h. Banken haben daran einen großen Anteil, gefolgt von Immobilien. Wenn sich etwa bei den Banken größere Bewegungen abspielen, beeinflusst das den ATX. Beispielsweise verlor der ATX 2008 aufgrund der Bankenkrise binnen vier Wochen 32 Prozent.

… über P wie Privatinsolvenz …


1964 war die Geburtsstunde des Privatkredits in Österreich. In den folgenden Jahren wurden Privatkredite weiter vereinfacht und so stieg die Verschuldung privater Haushalte ab 1985 sprunghaft an. 1995 bekamen schließlich private KreditnehmerInnen in Österreich erstmals die Möglichkeit, ein sog. "Schuldenregulierungs-Verfahren" zu beantragen, d.h. Privatkonkurs anzumelden.

Sieben Jahre lang wird dabei alles Pfändbare an die Gläubiger abgeliefert. Voraussetzung ist ein vom/von der SchuldnerIn realisierbarer Zahlungsplan, der von der Mehrheit der Gläubiger zugestimmt werden muss. Darin bietet der/die SchuldnerIn eine bestimmte Summe monatlich für eine bestimmte Dauer an, maximal aber für sieben Jahre. Danach ist man automatisch schuldenfrei.

Stimmen die Gläubiger dem Zahlungsplan nicht zu - das betrifft etwa ¼ aller SchuldnerInnen - gibt es die Möglichkeit eines "Abschöpfungsverfahrens", bei dem sich der/die SchuldnerIn freiwillig der Lohnpfändung für die Dauer von sieben Jahren unterwirft. Nach diesen sieben Jahren erhalten die meisten der Betroffenen eine Restschuldenbefreiung. Voraussetzung dafür ist, dass sie sich in diesen sieben Jahren bemüht haben, ihre Schulden zu verringern und diese Bemühungen auch nachweisen können. 

… bis Z wie Zinsen


Das Phänomen "Zinsen" wurde und wird auf verschiedene Arten erklärt. Dabei spielt der jeweilige gesellschaftliche Kontext sowie die ökonomische Denkrichtung eine wesentliche Rolle. So versteht die klassische Schule der Nationalökonomie Zinsen als Belohnung für Sparsamkeit. "Ich muss zuerst sparen, damit ich investieren kann, und werde mit Zinsen dafür belohnt", erklärt es Elisabeth Springler von der Fachhochschule des BFI Wien. Demgegenüber steht die keynesianische Sichtweise von Zinsen als Verzicht auf Liquidität. "Ich verschulde mich, um zu investieren, was dazu führt, dass die Wirtschaft wächst. Erst wenn meine Investition Gewinn abwirft, zahle ich meine Zinsen zurück."

Auch die Frage, ob ein hoher oder niedriger Zinssatz sich auf Volkswirtschaften günstig auswirkt, wird je nach ökonomischer Richtung unterschiedlich interpretiert, sagt Springler. Der Zinssatz orientiert sich am Leitzinssatz, welcher für den europäischen Raum von der EZB, der Europäischen Zentralbank, festgesetzt wird. Dieser liegt seit März 2016 bei Null. Damit erreichen die Kreditzinsen und die Sparzinsen ein historisches Tief. Die EZB will Helene Schubert von der Österreichischen Nationalbank, OENB, zufolge mit diesem niedrigen Zinssatz signalisieren, dass Geld nicht gespart, sondern in die Realwirtschaft investiert werden sollte. Die Geschäftsbanken sollen ihren KundInnen möglichst viele Kredite zu niedrigen Zinsen zur Verfügung stellen.

Eine Studie der Deutschen Bundesbank zum Spar- und Konsumverhalten bei den aktuell niedrigen Zinssätzen zeigt aber, dass die Idee der EZB nicht aufgeht: Statt zu investieren, sparen die Menschen großteils weiterhin ihr Geld an, auch wenn sie keine Zinsen dafür erhalten. Das liege beispielsweise daran, dass der Zins nur eine von vielen Entscheidungsgrundlagen für oder gegen Sparen sei, so Martin Schürz von der OENB. "Viele Menschen müssen fürs Alter ansparen, es bleibt ihnen nichts anderes übrig."

Vermögende Haushalte können zudem der Zinspolitik der Notenbank ausweichen, indem sie ihr Geld in riskantere Anlageformen wie beispielsweise Aktien investieren. Diese sind höher verzinst als klassische Sparkonten. Elisabeth Springler warnt, dass die Niedrigzinspolitik der EZB so dazu führen könnte, dass die ökonomische Ungleichheit und damit die Unzufriedenheit eines großen Teils der Bevölkerung weiter steigt.

SchuldnerInnenberatung


Für Menschen mit Schuldenproblemen stehen in ganz Österreich Beratungsstellen zur Verfügung. Diese Einrichtungen versuchen, gemeinsam mit den SchuldnerInnen Auswege aus der finanziellen Situation zu erarbeiten. Sie führen aber auch Verhandlungen mit Banken und sonstigen Gläubigern durch und sie arbeiten präventiv - beispielsweise mittels Vorträgen an Schulen. Das Angebot ist kostenlos.

Die meisten Menschen, die zur SchuldnerInnenberatung kommen, seien etwa 40 Jahre alt, so Alexander Maly von der "Schuldnerberatung Wien" in einem Podcast der Radiokolleg-Serie. Schon als junge Erwachsene hätten sie Maly zufolge Kredite aufgenommen, z.B. für Smartphones. Über die Jahrzehnte verschlimmere sich diese Situation jedoch drastisch: Die Durchschnittsverschuldung jener, die zur SchuldnerInnenberatung kommen, betrage laut Maly etwa 40.000 Euro. Bei dieser Summe entstehe etwa 1% Zinsen pro Monat, d.h., allein die Zinsen betragen 400 Euro pro Monat. Beim Durchschnittseinkommen der Ratsuchenden von etwa 1.100 bis 1.200 Euro können die Schulden nicht mehr bewältigt werden.

Financial Literacy als Gegenstand von Grundbildung


Im internationalen Diskurs taucht seit einigen Jahren im Kontext von Grundbildung zunehmend auch die Finanzielle Grundbildung - "Financial Literacy" oder "Financial Capability" - auf. Financial Literacy befähigt Menschen, kompetent und mündig mit Geld und ihren Finanzen umzugehen. Sie ist damit wichtiger Bestandteil von Armutsprävention, Prävention von Überschuldung, Anleger- und Verbraucherschutz sowie von Politischer Bildung. Ewelina Mania und Monika Tröster stellen in ihrem Artikel zur Ausgabe 25 des Magazin erwachsenenbildung.at ein Kompetenzmodell zu Financial Literacy vor.